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SWR2 Wort zum Tag

In letzter Zeit ertappe ich mich immer wieder bei einem Denken, das ich bisher nicht an mir gekannt habe. Ich sehe in der Fußgängerzone einen jungen Mann mit dunklen Haaren und Vollbart und merke, dass ich misstrauisch bin und an einen Terroristen denke, der einen Anschlag plant. Es ärgert mich, dass solche Klischeevorstellungen von Feinden auch in meinen Gedanken schon so aktiv sind. Vermutlich liegt es aber nicht nur an mir und nicht nur ich habe mich verändert. Es ist offensichtlich vieles anders geworden in den letzten Jahren: An öffentlichen Plätzen sehe ich ja die Fahrzeugsperren und bei großen Festen gibt es Kontrollen und mehr Polizisten mit schweren Waffen.

Aber für mich ist das zweischneidig. Klar, ich sehe, dass die Verantwortlichen im Staat etwas tun für die Sicherheit. Aber ich muss mir auch eingestehen, dass das notwendig geworden ist, weil es mehr Gefahren gibt Und das verändert die Atmosphäre und mein Lebensgefühl. Gleichzeitig möchte ich nicht, dass Angst bestimmt, wie ich mich verhalte. Ich will ein Mensch sein, der ins Leben vertraut und offen für die Menschen ist.

Als Christ habe ich eine andere Vorstellung davon, wie wir Menschen miteinander umgehen. Jesus hat keine Grenzen gezogen und keine Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Er setzt immer Vertrauen gegen Angst. Und geht auf alle Menschen zu, sogar besonders auf die, die von den anderen als Gefahr gesehen wurden. Zum Beispiel die Aussätzigen, die niemand berühren wollte. Sie hatten ansteckende Krankheiten und der Umgang mit ihnen war nicht ohne. Deshalb haben die Leute sie ja aus den Städten vertrieben und jeden Kontakt mit ihnen vermieden. Jesus stört das nicht. Er geht auf sie zu und nimmt Kontakt auf und bewirkt damit, dass sie von seinem Vertrauen berührt werden und neue Kraft bekommen. Es ist bitter, dass er mit seiner grenzenlosen Menschenliebe so angeeckt ist, dass es ihn am Ende das Leben gekostet hat. Aber nicht mal das hat ihn gehindert, daran festzuhalten, dass er auf das Gute in den Menschen vertraut.

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