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SWR4 Abendgedanken

Soll die Kirche sich aus der Politik heraushalten? Über diese Frage haben wir erst vor kurzen im Freundeskreis diskutiert. Ich glaube, es ging mal wieder darum, wie wir in Europa mit den Flüchtlingen umgehen. Da hat ein Freund gemeint, die Bischöfe und Pfarrer sollten sich da doch raushalten aus der Diskussion. Ich habe noch dagegengehalten, wie sich Kirchengemeinden für Flüchtlinge engagieren und echte Hilfe leisten. Aber es geht mir eben nicht um diese einzelne Frage, sondern grundsätzlich darum, ob das Christentum Privatsache ist oder eben doch politisch.

Viele Leute denken, wenn man Christ ist, betet man für sich im Privaten, man geht sonntags vielleicht in die Kirche oder man spendet ab zu was für wohltätige Zwecke und ist generell freundlich zu den Mitmenschen. Aber mit Politik hat das alles nichts zu tun.

Ich wüsste gar nicht, wie ich das trennen könnte. Wenn ich die Bibel aufschlage, finde ich schon im Alten Testament hochpolitischen Stoff. Das fängt an bei den Israeliten, die aus Ägypten fliehen, einen Staat gründen und darum ringen, wie sie regiert werden sollen.

Auch im Neuen Testament fällt mir eine sehr private Situation ein: Maria, die Mutter Jesu, trifft Elisabeth, ihre Cousine, und sie tauschen sich über die Geburt ihrer Kinder aus. In ihrer Freude wird Maria plötzlich hochpolitisch und singt ein Jubellied auf Gott, weil er sogar Machthaber vom Thron stürzt. Da geht es nicht nur ums private Glück, sondern um eine politische Veränderung. Und bei Jesus geht das grad so weiter, wenn er eine Gesellschaft propagiert, in der keiner ausgestoßen wird oder zu kurz kommt.

Klar, Christen haben sich selten konsequent genug an die Anweisungen von Jesus gehalten. Es hat immer wieder Christen gegeben, die politische Macht missbraucht haben. Von den Kreuzzügen bis in die Zeit des Nationalsozialismus, wo es Kirchenleute gab, die mit dem Regime zusammengearbeitet haben. Aber es gab auch die, die wegen ihres Widerstands ins Exil mussten oder hingerichtet wurden.

Und das zeigt doch: Das Christentum ist politisch, weil Christen ein Teil der Gesellschaft sind und weil ihre Werte sich darin auswirken. Und das ist zum Beispiel eine Gesellschaft, in der jeder Schutz findet und keiner ausgeschlossen wird. Dafür will ich mich einsetzen, weil ich überzeugt bin, dass das auch meinem Heimatland guttut. 

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