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SWR4 Abendgedanken

Ich finde die Augenblicke besonders schön, wenn ich abends in den Himmel schaue und die ersten Sterne leuchten sehe. Seit einiger Zeit kommt mir dabei ein Gedanke von Friedrich Schiller in den Sinn, den ich schon in der Schule gelesen habe. Und zwar aus seinem Theaterstück „Wilhelm Tell“. Es geht darum, ob die Leute das Recht haben, sich gegen die staatliche Obrigkeit aufzulehnen. Da sagt einer von ihnen, dass jeder Mensch sich auf bestimmte Rechte verlassen kann: nämlich auf die, die ewig, unverkäuflich und unzerbrechlich sind wie die Sterne am Himmel. Dazu gehört, dass ich mein Leben und meine Persönlichkeit frei entfalten, meine Meinung frei sagen und meine Religion ausüben darf. Diese Rechte dürfen nicht angetastet werden– von keinem Vorgesetzten, nicht von der Polizei und von keinem Staat.

Bei uns hat der Staat diese Rechte festgeschrieben. Wenn Schillers Gedanke stimmt, dann sind sie aber sogar noch vor dem Staat da. Der schreibt ja nur fest, was sowieso schon immer gilt und feststeht. Wie die Sterne am Himmel.

Für mich verweisen die Sterne auf Gott, weil ich darauf vertraue, dass er diese Welt gut geschaffen hat und für Gerechtigkeit sorgt. Deshalb habe ich gar nicht die Alternative, diese Rechte abzulehnen, sondern den Auftrag mich dafür einzusetzen, dass alle Menschen zu ihrem Recht kommen.

Wenn ich mit meinen Schülern diskutiere, bin ich manchmal entsetzt, wie viele die Einführung der Todesstrafe befürworten. Ich verstehe, dass Rachegefühle aufkommen können. Wenn ich zum Beispiel an einen denke, der Kinder missbraucht und getötet hat. Aber mit diesen Gefühlen muss ich zurecht kommen. Selbst wenn viele Leute so fühlen wie ich. Was passiert ist, wird nicht wieder gut durch einen Racheakt. Selbst wenn der Staat als Rächer fungiert.

Die Rechte, die jeder Mensch hat, sind mehr als Gefühle! Daran erinnere ich mich, wenn ich abends in den Sternenhimmel schaue. Und ich bin froh, dass es da etwas gibt, das noch größer ist als starke Gefühle.

 

„Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden,

Wenn unerträglich wird die Last – greift er

Hinauf getrosten Mutes in den Himmel,

Und holt herunter seine ew'gen Rechte,

Die droben hangen unveräusserlich

Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst“

         (Stauffacher in Friedrich Schiller: „Wilhelm Tell“)

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