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SWR2 Wort zum Tag

Gott steht auf der Seite der Ohnmächtigen, der Erniedrigten, der Gewaltlosen. An diesem Gottesbild der Bibel ist nicht zu rütteln.

In einem Text im Evangelium, der für mich sehr wichtig ist, wird das unmissverständlich deutlich. Es ist das Magnifikat, das Loblied Marias auf die Größe Gottes. „Meine Seele preist die Größe des Herrn, und mein Geist jubelt in Gott meinem Retter“, so beginnt es.

Dieser Lobpreis Marias müsste eigentlich allen ein Dorn im Auge sein, die sich selbst für groß halten. Denn es heißt dort auch: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Ja, möchte man sagen, das wäre gut – aber es ist leider nicht so. Die Mächtigen behalten die Macht, und die, denen sehr viel gehört, verteidigen ihren Besitz. Die Gewalttäter üben weiter Gewalt aus, und die Unterdrückten und Gequälten bleiben weiter unterdrückt und gequält. Schon Martin Luther, der eine sehr schöne Auslegung des Magnifikat geschrieben hat, sieht das ganz realistisch: „Die Gelehrten lassen den Hochmut ihres Herzens nicht, die Gewalttätigen lassen ihre Unterdrückung nicht, die Reichen lassen ihre Lust nicht: so hat es seinen Gang.“[1]

Kann man diesen biblischen Text also ad acta legen? Vertröstet er die Erniedrigten und Gedemütigten lediglich auf eine spätere Gerechtigkeit – irgendwann einmal, mit ungewissem Ausgang?

Das wäre zu einfach. Das Magnifikat ist ein subversiver Text. Niemand kann sich auf Gott berufen, der anderen Menschen Gewalt antut. Körperliche und auch seelische Gewalt. Aber immer wieder wird der Name Gottes dafür missbraucht. Auch Christen sollten da nicht überheblich sein.

Aber das beginnt nicht bei irgendwelchen anderen, sondern bei mir selbst. Da, wo ich intellektuell, moralisch oder auch religiös selbstgefällig bin. Und wo ich ausschließlich meine Interessen verfolge und nicht darauf achte, was den Menschen neben mit gut tut.

Gott steht auf der Seite der Schwachen. Davon bin ich überzeugt, auch wenn der Lauf der Welt anders aussieht. Und es beunruhigt mich – hoffentlich.

 


[1]Martin Luther, WA Bd. 7, 590.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=24144