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SWR3 Gedanken

Vor kurzem wurde ich auf die chinesische Botschaft gebeten. Ich brauchte ein Touristenvisum für Peking. Ich sollte ich mich persönlich dazu erklären, was ich als Pfarrerin, die ich bin, in Peking wolle.

Und so stellte  mir ein Botschaftsbeamter, ein freundlicher Chinese Mitte vierzig in bestem Deutsch eine Stunde lang Fragen:
Wo haben Sie Pfarrerin gelernt? - 
Ich habe studiert. Theologie. –
Ah. Bibelschule!  -
Nein, keine Bibelschule. Universität mit Abschlussexamen. Wie in anderen Studienfächern. –
Hm. Und wo arbeiten Sie jetzt als Pfarrerin? –
Ich arbeite im Rundfunk, im SWR. -  
Oh, das ist öffentlich- rechtlich! Das geht? Sie machen Theologie im Radio? -
Nein, ich erzähle vom christlichen Glauben.
Bei uns in China ist Glaube Privatsache. Das machen wir zu Hause. Öffentlich, da glauben wir an unsere Partei. – 

Bei uns darf auch jeder glauben, was er will. Trotzdem reden wir in der Öffentlichkeit drüber. Weil davon ja abhängt, wie wir zusammenleben. Ob wir uns um die Schwachen in der Gesellschaft kümmern oder nur um die eigene Familie.
Ob wir uns für Fremde und Flüchtlinge zuständig fühlen, oder nur für die eigenen Landsleute. –

Der Beamte schaut mich nachdenklich an. Ich setze nach.-
Arbeiten Sie hier in der Botschaft nicht auch, weil Sie an etwas glauben? – Nein, nein, ich arbeite vor allem, um meine Familie zu ernähren. Wir alle arbeiten um unsere Familien zu ernähren, Sie etwa nicht? - 
Aber er will keine Antwort, er will das Thema wechseln. -
Wer bestimmt eigentlich, was Sie im Radio sagen? - 
Ich muss das vor Gott und meinem Gewissen entscheiden. Und vor meinem Kollegen, der ist sehr kritisch. Aber was ich aus seiner Kritik mache, ist meine Entscheidung. –
Der Mann schaut mich lächelnd eine Weile an.
Dann sagt er: Sie kriegen Ihr Visum.

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