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SWR2 Wort zum Tag

Eigentlich gibt es zu Beginn dieses Jahres kaum Anlass, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. So desolat, wie sich unsere Welt gerade darstellt. Unzählige Menschen müssen fliehen, weil sie verwundet wurden von Kriegen in ihrer Heimat. Oder sie sind verwundet, weil sie zu arm sind, weil ihr Lebensraum zerstört ist. Viele Menschen sehen jedoch auch keine Hoffnung mehr, weil sie Angst haben, verwundet zu werden. Sie sorgen sich um ihre eigene Sicherheit, wo so viele Flüchtlinge zu uns kommen. Sie bangen um ihren hart erarbeiteten Wohlstand, sie haben Angst, dass all die Konflikte und Krisen dieser Welt nun auch unser Land erreichen.

Geschlossene Grenzen, Stacheldrahtzäune und Mauern sollen uns schützen, damit wir selbst nicht verwundet werden. Aber Mauern und Zäune können offensichtlich nicht helfen. Vor allem verwunden sich an diesen Mauern und Zäunen viele von neuem, auch das können wir derzeit sehr gut sehen.

Mit dem Fachbegriff  „Verwundbarkeit“ werden Armutsursachen erforscht oder suchen Entwicklungspolitiker nach den richtigen Strategien. Der Fachbegriff „Verwundbarkeit“ steht auch im Zentrum der jüngsten Diskussionen um die Folgen des Klimawandels: Wo sind Menschen durch den Klimawandel verletzlich? Wovor müssen sie geschützt werden?

Es sind vor allem Theologinnen, die den Begriff der „Verwundbarkeit“ zunehmend auch für ihre theologische Arbeit nutzen. Das ist eigentlich auch nicht überraschend für eine Religion, deren zentrales Symbol ein Kreuz ist. Wenn in Theologie und Kirche über „Verwundbarkeit“ gesprochen wird, kommt in den Blick, wo und woran heute Menschen leiden – seelisch und körperlich. In den Blick kommt aber auch, dass wir alle verletzlich, verwundbar sind, Angst haben, verwundet zu werden.

Wenn ich meiner eigenen Wunden und meiner Verwundbarkeit bewusst werde, dann kann ich sensibel, mitfühlend werden für die Wunden und die Verwundungen der anderen. Und wenn Menschen mitfühlend sehen können, wo die anderen verwundet und verwundbar sind, werden sie solidarisch  - davon bin ich überzeugt.

Erst vor wenigen Wochen haben wir an Weihnachten gefeiert, dass Gott selbst Mensch wurde und sich damit verwundbar gemacht hat, um der Menschen wegen. So gibt es also durchaus gute Gründe, zu Beginn dieses Jahres hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen, es zumindest zu versuchen.

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