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SWR3 Gedanken

Jahrmarkt in unserer Stadt. Mitten im Trubel der Berg- und Talbahn
entdecke ich ein älteres Ehepaar, das ich kenne. Sie fallen schon auf unter den Heerscharen von Teenagern. „Mein Mann will das“, sagt sie fast entschuldigend. „Für manche Dinge ist man nie zu alt“, sage ich und beobachte, wie die beiden in ihren Wagen steigen.
Der Bügel senkt sich, die wilde Fahrt beginnt. Eigentlich wollte ich mit meiner Tochter zur Zuckerwatte, aber ich bin so fasziniert von dem älteren Ehepaar, dass ich stehenbleibe. Je schneller die Fahrt, desto strahlender das Gesicht. Nicht seines, sondern ihres. Im Blinken des Discolichts sieht sie mindestens vierzig Jahre jünger aus. Mindestens.
Ende der Fahrt. Ich sehe die beiden aussteigen. Offensichtlich mit leicht wackeligen Knien. Aber beide ungemein vergnügt und heiter. „Das war schön“, sagt sie in einem Ton, als wäre sie selbst ein bisschen überrascht. Ich ziehe weiter zur Zuckerwatte. Aber einen Hauch von Heiterkeit nehme ich mit.
Als Erwachsene tun wir in unserem Leben so viele wichtige und ernste Dinge. Wir belächeln liebevoll unsere Kinder, die mit zwei Füßen in Pfützen springen oder sich mit dem Hund auf dem Boden wälzen oder eben juchzend Berg- und Talbahn fahren. Wir freuen uns an ihrer Heiterkeit und haben unsere längst verloren.
Aber für manche Dinge ist man wirklich nie zu alt. Zum Beispiel für die Heiterkeit. Für den Spaß. Für den Moment, in dem man so richtig Leben spürt. Versuchen Sie es doch einmal. Spielen Sie Fußball mit Eicheln, wenn Sie zur Arbeit laufen. Schneiden Sie in einer Pause Grimassen vor dem Spiegel. Oder tun Sie sonst etwas, für das Sie eigentlich viel zu alt sind. Und dann belächeln Sie liebevoll sich selbst. In all Ihrer Heiterkeit.

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