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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Das ist gar oft nicht so bekannt: In der Bibel gibt es ganze Bücher, die nach Frauen benannt sind, und zwar im so genannten Alten Testament. Judit heißt eines davon, ein zweites Rut – und ein drittes: Ester. Alle drei sind starke Frauen, in entscheidenden und schwierigen Situationen sind sie besonders mutig und tragen dazu bei, dass das Volk Israel gerettet wird. Ester zum Beispiel: Sie ist Königin und traut sich, trotz Todesgefahr, beim König für das Volk Israel einzustehen, dem die Vernichtung droht. Und wirklich: Das Volk Israel, das jüdische Volk wird gerettet.

Diese Rettung und die Königin Ester: Sie stehen auch im Mittelpunkt des jüdischen Festes, das heute begangen wird, Purim. In jüdischen Gemeinden und Familien wird es heute vor allem mit großen Mengen an Süßspeisen gefeiert – und es wird dabei an Ester und ihre mutige Taten erinnert.

Ich finde es faszinierend, dass schon vor tausenden vor Jahren nicht nur die Männer das starke Geschlecht waren. Und schon gar nicht hat Gott nur auf starke Männer Wert gelegt. „Deine Herrschaft braucht keine starken Männer“ (Jt 9,11). So heißt es in einem Gebet, das Judit spricht, die andere starke Frau der Bibel. Stattdessen heißt es in der Bibel zum Beispiel: „Eine starke Frau, wer wird sie finden? Sie ist wertvoller als Perlen.“ (Spr 31,10) Frauen in der Bibel: Sie sind überhaupt nicht nur schwach und zurückhaltend. Sie werden oft genug aktiv, wenn den Männern nichts mehr einfällt oder sie der Mut verlässt. Dann bringen die Frauen Rettung in aussichtlosen Situationen.

Trotzdem: Von der „starken Frau“ zu sprechen, das ist ja bis heute, bis ins 21. Jahrhundert hinein, immer noch eher ungewöhnlich. Die Klischees sehen anders aus. An der Kindererziehung kann man das ganz gut sehen: Da wird bei den Jungen stärker akzeptiert oder gefördert, dass sie „mutig, stark und wild“ sind, „es ist eben ein Junge“. Die Mädchen gelten vielen eher als „ängstlich und schwach“.  „Starke Frauen“: Das ist immer noch eine Wortkombination, die fremd klingt – oder manchem sogar Angst macht.

Mir sind deshalb diese biblischen Frauen wie Judit und Ester so sympathisch und wichtig. Sie zeigen: Frauen waren schon immer stark. Und Frauen sollen ihre Stärke auch heute zeigen.

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