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SWR2 Wort zum Tag

Kaum ein anderes Lied hat den Bekanntheitsgrad erreicht wie „Der Mond ist aufgegangen...“  
Matthias Claudius, der es gedichtet hat, ist im Januar 1815 in Hamburg gestorben. Wenn man sein Leben in wenigen Worten beschreiben wollte, müsste man sagen: ein Mensch, ein Dichter, ein Journalist, der in keine Schublade passt. Ihm kam es darauf an, das Leben zu leben, das Alltägliche zu beobachten und es geistreich zu kommentieren. Das verstand er als seinen Beruf.
Mir imponiert, wie er immer wieder zeigt, dass der Blick zum Himmel, zum Mond und den Sternen, keineswegs dazu führen muss, dass man auf Erden stolpert. Im Gegenteil – der Blick nach oben lässt ihn eine Lebenskunst entwickeln, die unterscheiden kann – zwischen dem, was groß ist. Und dem, was sich nur groß macht.
Dieser Blick zum Himmel findet sich noch in einem anderen Gedicht . Es ist der Sternseherin Lise gewidmet, die immer wieder aufs Neue verzaubert ist vom nächtlichen Sternenhimmel. Ihr leiht Claudius seine Stimme:

Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern' am Himmel an.
Sie gehn da, hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereih't
Wie Perlen an der Schnur;
Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn...
Dann saget, unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust:
»Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust.«
Ich werf mich auf mein Lager hin,
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn,
Und sehne mich darnach.

Der Blick an den nächtlichen Himmel vermittelt ihr eine Sehnsucht, die auf Erden kein Ziel findet. Eine Ahnung, dass es in der Welt noch etwas Anderes geben muss „als all ihr Schmerz und Lust“.
Was das sein könnte, dafür hat Matthias Claudius keine schnelle Antwort parat. Ihm liegt daran, dass es auf den Prozess des Suchens und Sehnens ankommt.  Sich nicht abfinden oder abspeisen lassen mit einer Gegenwart, wie sie ist. Sondern darüber hinaus denken. Im Fragemodus bleiben. Darauf kommt es ihm an.
Aus dem christlichen Glauben gespeist ist seine Sehnsucht. Sie hat Matthias Claudius nicht zu einem Traumtänzer werden lassen. Sondern zu jemandem, der mit wachen Sinnen und mit Augenmass sein Leben lebt. Und das anderer Menschen mit bleibenden Gedanken beschenkt hat.

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