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SWR2 Wort zum Tag

Eine Ruine, der Gedanke an ihren Baumeister und eine Schildkröte lassen mich über das Leben sinnieren

Am südlichsten Zipfel der Türkei, in Anamur, findet sich eine der schönsten Ritterburgen der Welt. Fränkische Baumeister haben sie im 12. Jahrhundert errichtet. Noch als Ruine beeindruckt die kunstvoll gestaltete Anlage. Wer wohl der Architekt war? Ein kleiner, rothaariger Franke, der unter der heißen anatolischen Sonne litt und sich nach Nürnberg zurücksehnte? Ist er in den Wirren der Kreuzfahrerkriege ums Leben gekommen oder ist er zurückgekehrt in die fränkische Heimat? Der Führer, der uns durch die Anlage leitet, setzt mir eine kleine Landschildkröte auf die Hand. „Die hat noch hundert Jahre vor sich, wir nicht,“ meint mein Freund lächelnd. Ist es die eigene Vergänglichkeit, die den Anblick von Ruinen und Natur so berührend macht? Was treibt Menschen – bis heute - an, zu bauen, zu gestalten, zu arbeiten und ihr Leben einzusetzen? Zumal sie nie wissen, ob ihre Bemühungen auch zu den Zielen führen, die sie geplant haben. Die Burg etwa wurde nämlich bis in die Neuzeit genutzt, zuletzt von den Osmanen. Das hatte sich der fränkische Baumeister sicher nicht vorgestellt. Er dachte in den Regeln seiner Zeit, und wahrscheinlich fand er Kreuzzüge ganz sinnvoll, heute sehen die meisten Menschen das hoffentlich anders.
Schildkröten müssen nicht darüber nachdenken, wie sie den Sinn ihres Lebens finden. Sie sind vollkommen ausgelastet damit, ihr Leben zu erhalten und sich fortzupflanzen. Menschenleben ist komplizierter. Und da es heute keine Könige mehr gibt, jedenfalls keine, die etwas zu bestimmen haben, muss man sich sogar eigenständig darüber klar werden, wie denn der Sinn im eigenen Leben aussehen kann. Ob die eigenen Kräfte nun groß oder klein sein mögen, auch wenn man Burgen bauen kann: Die eigenen Kräfte sind doch stets begrenzt, so wie das Leben. Die kleine Schildkröte habe ich natürlich sofort auf die Erde zurückgesetzt und sie ist erstaunlich schnell ins Gebüsch gelaufen. Für einen kurzen Augenblick haben sich unsere Wege gekreuzt. Ich hoffe mal, dass sie tatsächlich mehr Jahre vor sich hat als ich. Und was mein eigenes Tun und Lassen betrifft: Ich finde es eine schöne Möglichkeit, mein Leben letztlich dem erbarmenden Blick Gottes zu überlassen, der schließlich auch den Überblick hat, was aus den Bauvorhaben meines Lebens letztlich wird. Ich finde das übrigens tröstlich, nicht den letzten Überblick haben zu müssen. Meine Kräfte zu entfalten in dem Wissen um ihre Vergänglichkeit. Das nimmt dem Leben einen grausamen Ernst und schenkt ihm die Freiheit der Bescheidenheit.

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