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SWR2 Wort zum Tag

Ich entscheide selbst, wenn ich mich unterbewertet fühle – oder überbewertet
„Ich entscheide selbst, wann ich mich unterbewertet fühle.“ Egon Bahr sagt das in seinen Erinnerungen. Ich finde, das ist ein bemerkenswerter Satz. Er zeugt von gelassener Souveränität. Bahr entscheidet selbst, wann er sich unterbewertet fühlt. Anderen Menschen nicht die Macht zu geben, über Wert und Unwert der eigenen Person zu entscheiden: Dazu gehört Größe. Und Lebenserfahrung. Leider gelingt es vielen Menschen trotz Lebenserfahrung nicht, diese Souveränität zu entwickeln. Sie machen die Erfahrung, das andere sie entwerten, abwerten, ihnen die Würde nehmen wollen und fühlen sich dann tatsächlich erniedrigt und klein gehalten. An solchen kränkenden Erfahrungen kommt niemand vorbei. Doch offenbar gibt es Wege, mit solchen Erlebnissen umzugehen, ja, diese Angriffe an sich abprallen zu lassen. Ich weiß nicht, was Egon Bahr zu seiner Souveränität verholfen hat. Vielleicht seine Erfahrungen in der Nazizeit, er hatte eine jüdische Großmutter und wurde von diesem Unrechtsregime abgewertet, ja tödlich bedroht. Vielleicht haben ihn die Begegnungen in der Politik gestärkt. Allzu zart besaitet darf da niemand sein, ich bin oft erschrocken über den rüden Ton der gegenseitigen Angriffe. Vielleicht war ihm diese Souveränität aber schon in die Wiege gelegt, und er konnte sie in seinem Leben entfalten.
Ich entscheide selbst, wann ich mich unterbewertet fühle. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sehr schwer ist, alleine zu dieser Haltung zu finden: Es braucht ein Gegenüber, vielleicht einen lieben Menschen, verlässliche Freunde, den Glauben an einen liebevollen Gott, der einen unverbrüchlich annimmt. Aus einer solchen Begegnung kann eine großartige innere Stärke entstehen. Wenn ich sie spüre hat kein anderer Mensch die Macht, mich zu entwerten. Zugleich ist diese Stärke keine Ignoranz. „Ich entscheide“ bedeutet durchaus, über die Legitimität von Vorwürfen nachzudenken. Möglicherweise haben andere Menschen recht damit, mir etwas vorzuhalten. Dann kann ich mein Verhalten ändern, ohne dass mir ein Zacken aus der Krone bricht. Mein persönlicher Wert ist davon jedoch nicht betroffen. Übrigens funktioniert die Sache auch umgekehrt. Wenn mir andere schmeicheln, wenn ich in der Gefahr stehe, mich zu überschätzen: Ich entscheide selbst, wenn ich mich überbewertet fühle. Ich muss nicht alles können. Es ist sehr heilvoll, die eigenen Grenzen zu kennen. Das schützt vor burnout und Herzinfarkt.
Sie selbst entscheiden, was Ihr Wert ist. Für Gott jedenfalls ist Ihr Wert unendlich hoch.

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