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SWR3 Gedanken

Ich habe mich überreden lassen. Gegen meinen Willen bin ich mitgegangen. In die Geisterbahn auf dem Maimarkt. Ich mag keine Geisterbahnen. Nicht dass ich mich fürchte. Nein, kein bisschen. Grausige Schreie kann meine Katze vor dem Fressnapf viel besser. Und mein Gesicht morgens nach dem Aufstehen erscheint mir manchmal deutlich gruseliger. Das Alltagsgrauen reicht mir eigentlich vollständig aus. Und dafür muss ich noch nicht einmal Eintritt bezahlen.
Und so sitze ich da in meinem Wägelchen und zuckele durch das Pappmaché-Grauen. Am Ende der Fahrt steigen wir aus. Ein bisschen blass um die Nase, aber durchaus zufrieden geht’s weiter zum Bratfischstand. Aber die Geisterbahn lässt mich nicht so schnell los. Was bringt Menschen dazu, sich freiwillig schleimige Fetzen im Gesicht und gellende Schreie in den Ohren anzutun? Haben die in ihrem Alltag nicht genug, wovor es sich zu fürchten lohnt?
Vielleicht liegt es daran, dass man aus diesem Grauen aussteigen kann. Nach fünf Minuten ist alles vorbei. Der Schrecken der Geisterbahn kann mich nicht gefangen nehmen. Mein Wägelchen schützt mich davor. Es fährt einfach immer weiter, lässt mich sicher ankommen. Wo die Sonne scheint und der Bratfischstand lockt.
In der Geisterbahn habe ich das Grauen im Griff. In meinem Alltag hat oft genug das Grauen mich im Griff. Ohne dass ich einfach aussteigen kann. Manchmal sehe ich die Sonne nicht mehr. Manchmal zweifle ich, ob ich sicher ankommen werde. Aber glauben und hoffen kann ich es.
„Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?“, heißt es im 27. Psalm. In der Geisterbahn des Lebens gibt es auch ein Wägelchen, das mich schützt. Gottes Kraft ist mit mir, wenn die Gespenster des Alltags nach mir greifen. Sie umhüllt mich und begleitet mich und trägt mich bis an den Ausgang, wo ich die Sonne wieder sehe und mich des Lebens freuen kann. Ich werde sicher ankommen. Und auch das kostet mich keinen Cent.

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