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SWR2 Wort zum Tag

Lass die Rechte nicht wissen, was die Linke tut - beim Klavierspielen funktioniert das - aber auch beim Spenden?
Jesus gibt Ratschläge, die einfach nicht funktionieren können: Liebe deine Feinde, bitte für die, die dich verfluchen - das schafft kein Mensch. Und wer hält schon die linke Backe hin, wenn man ihn auf die rechte schlägt. Lass beim Spenden die rechte Hand nicht wissen, was die Linke tut, das ist noch so ein merkwürdiger Ratschlag. Das kann nicht funktionieren. Überhaupt: Es ist schon ganz sinnvoll, dass meine rechte Hand weiß, was die linke tut, sonst könnte das schon beim Tee-Einschenken am Frühstückstisch fatale Auswirkungen haben.
Trotzdem hat sich das jemand gemerkt. Und aufgeschrieben. Dabei hat es doch mit unserer Wirklichkeit - scheinbar - gar nichts zu tun. Oder doch?
Wenn etwas so absurd klingt ist zu fragen, ob es Ausnahmen gibt - und in der Tat: Mir fällt eine Ausnahme ein. Eine Situation, in der es wichtig, ja unabdingbar ist, dass die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Und umgekehrt. Wer eine vierstimmige Bach-Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier spielen möchte, der ist sogar darauf angewiesen, dass jeder einzelne Finger nicht weiß, was der andere tut. Alle Finger müssen unabhängig voneinander agieren, sonst wird die Fuge misslingen. Die Musik ereignet sich nur, wenn die rechte Hand nicht weiß, was die linke tut. Offenbar gibt es eine Schnittstelle zwischen der Bach´schen Musik und den Worten Jesu.
Jesus geht es um das Himmelreich. Und Bach auch. Johann Sebastian Bach komponierte zur Ehre Gottes, soli deo gloria. Das durchdringt seine Musik. Da ist ein Horizont, der weiter reicht als mein morgendlicher Frühstückstisch. Wenn die Rechte, musizierend, nicht darüber nachdenkt, was die Linke tut, ereignet sich Kunst. Und eine Ahnung des Himmelreichs. Ich glaube, so selbstverständlich, göttlich klar ist das Himmelreich, voller klingender Wohltat, ein Ort, an dem ich nicht über Spenden nachdenken muss, weil sich eine Gerechtigkeit selbstverständlich ereignet, weil niemand auf Almosen angewiesen ist und alle genug haben.
Wir sind weit davon entfernt, weiß Gott. Wenn aber die rechte Hand beim Geben nicht weiß, was die linke gibt, weil das Spenden für Bedürftige so selbstverständlich zum Leben dazu gehört wie zu der Fuge die Töne, die von  der linken Hand gespielt werden, dann ist das schon ziemlich himmlisch. Eine himmlische Selbstverständlichkeit gelebten Teilens, gelebter Gerechtigkeit.
Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Liebe deine Feinde. Segne, die dich verfluchen. Es klingt absurd, doch nur und gerade so funktioniert es - im Himmel und auf Erden.

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