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SWR4 Abendgedanken

Vor ein paar Tagen musste ich überlegen: Morgen beginnt eine neue Mitarbeiterin, wie heiße ich sie am besten willkommen? Zeige ich ihr alle Räume? Stelle ich ihr alle anderen Mitarbeiter vor? Gebe ich ihr erst einmal alle Schlüssel, die sie braucht? Eine Liste aller Termine, die anstehen, eine Namensliste aller Mitarbeiter? Kopiererpasswort, Computerpasswort. Ich zeige ihr das Fach, in dem sie künftig ihre Post findet und das Materiallager und das Archiv. Ach ja, und Blumen kriegt sie natürlich auch. Und die wichtigsten Fachbücher, Beschreibungen unserer Kirche und unserer Orgel... Ich merke, wie ich selbst ganz atemlos werde bei all dem, was ich ihr am liebsten sofort präsentieren würde.
Als sie dann am anderen Morgen ankam, war sie ganz interessiert an den vielen Dingen, die es zu erfahren gab. Aber sie wusste auch schon vieles. Sie hatte sich informiert und vorbereitet. Und dann sagte sie fast beiläufig: „Ich war im Gottesdienst, und da ist mir aufgefallen...". Schon zwei Wochen vor Dienstantritt hat sie mit der Gemeinde, in der sie künftig arbeiten wird, Gottesdienst gefeiert. Stimmt, ich habe mich erinnert. Damals hatte ich mir gar nichts weiter dabei gedacht. Aber jetzt wird mir plötzlich klar: Was für eine wundervolle Idee ist das, auf diese Art irgendwo neu anzukommen. Vor aller Arbeit- Gottesdienst. Zusammen mit den Menschen, die meinen Weg in Zukunft mit mir gehen, beten und singen und eine Predigt hören, das ist ein guter Anfang. Noch nicht sofort im Dienst sein, gefordert, unter Beobachtung, in der „Probezeit", wie das früher hieß. Im Gottesdienst sind die Menschen erst einmal nur einfach da. Das ist nicht Arbeitszeit und auch nicht Freizeit sondern fast eine Stunde ohne Zeit ohne „ich muss". Ein Atemholen im angenehmen Tempo gemeinsam gesungener Lieder und im Hören. Gemeinschaft sein, die nichts fordert; wo ich einfach dazukomme und da bin. Mit der Haltung: „Ich bin hier, Gott." Auf die Gott vielleicht entsprechend antwortet: „Ich bin hier, Mensch".
Das will ich mir wieder neu einprägen für Neuanfänge, die bei mir noch anstehen im Leben: Vor aller Pflicht, vor allem „ich muss", vor allem anderen Dienst - Gottesdienst.

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