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SWR3 Gedanken

Ostermontag, das ist wie der zweite Tag nach einer Geburt. Wenn man ein Kind auf die Welt gebracht hat und die Erschöpfung noch tief in den Knochen sitzt. Ich erinnere mich noch gut daran. Weil die Geburt ja gigantisch anstrengend war mit ihren endlosen Wehen. Am zweiten Tag ist die Erinnerung daran noch ganz lebendig. Und zugleich wird man gar nicht fertig vor Staunen. Das Kind ist da. Was für ein Wunder! Das erste Mal im Leben etwas mit Hand und Fuß! Eine Beziehung fürs Leben. Wirklich? Ja, wirklich. Ich kann es fühlen und anfassen. Das Kind, das ich geboren habe. Oder bei Männern: den Auftrag, den ich geschafft habe. Obwohl ich am Ende gar nicht mehr dran glauben konnte.
Die Bibel erzählt von den Jüngerinnen und Jüngern, die noch ganz verwirrt und aufgescheucht sind. Sie haben gesehen, wie Jesus gestorben und begraben worden ist. Und dann ist ihnen, als ob er doch noch da wäre. Er redet mit ihnen. Er sagt ihnen, dass alles gut werden wird. Ist das wahr? Ja, es ist wahr- jedenfalls fühlen sie das so. Sie sind gar nicht mehr verzweifelt. Sie fühlen sich ganz neu und lebendig.
Wer einmal dem Tod ins Auge geschaut hat, für den verschieben sich die Wertigkeiten. Meistens verschieben sie sich hin zu den einfachen Dingen. Beziehungen werden wichtiger. Und dass man sich selber und das einfache Leben spüren kann.
Wie die Sonne aufgeht, wie der Wind über die Haut streicht bis sich die kleinen Härchen hochstellen. Wenn einen morgens das Gezwitscher der Vögel weckt, wenn man sich an einen Baum lehnt und man mit den Fingern die Rinde spürt. Dieses „mein Haus, mein Auto, mein Boot ist Luxus von gestern. Heute zählen die einfachen Dinge. Ich nehme ein Bad in der Stille und lasse mich vom Boden tragen. Das ist der Luxus am Tag danach, am Ostermontag.

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