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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Jetzt können wir endlich mal wieder ein bisschen verrückt sein. Normalerweise sind wir das ja nicht. Da sind wir ganz normal. Fast immer.
Und das ist ja so anstrengend. Überall sollen wir uns unauffällig benehmen und schön brav sein, grade sitzen, leise sein, artig auch wenns geht.
Nur wenn Fußball kommt, da ist endlich alles erlaubt.
Nicht nur „schwarz rot gold" in Variationen auch Hupen ohne vermeintlichen Grund oder in Kolonnen durch die Straßen fahren und allen anderen den Weg versperren.
Verrückt sein, das bedeutet also, etwas von dem abrücken, was sonst geht, wenn es so seinen gewohnten Gang geht.
Ich habe immer schon darüber gestaunt, wie das geht, wenn die Fans am Samstag bei uns nach Kaiserslautern auf den Betzenberg fahren.
Dann erkennt man sie zielsicher daran, dass sie einen Fanschal aus dem Seitenfenster flattern lassen. Noch nie habe ich jemanden winken oder aufgeregt hindeuten sehen.
Schon gar nicht hat jemals die Polizei so einen Wagen angehalten mit dem ernsten Hinweis, dass da etwas aus dem Fenster hängt und womöglich gleich verloren gehen könnte.
Auch hat auf dem Weg hoch zum Stadion bei womöglich hochsommerlichen Temperaturen noch nie einer die Schalträger besorgt angehalten und gefragt, ob sie sich denn so schwer erkältet hätten.
Einen Fanschal, den trägt man doch nicht, weil man Halsschmerzen hat. Es ist eben einfach nur verrückt, etwas daneben und deshalb genau richtig.
Und wer nicht ab und zu einmal von dem gewohnten Alltäglichen abrückt, der rückt auch mit nichts von sich raus, der rückt auch niemals weiter vor im Entdecken des Lebens.
Das gilt nicht nur in der Welt des Fußballs. Das gilt glaube ich generell. Und auch wer glaubt, was Christen glauben, muss unbedingt ein bisschen verrückt sein dazu.
Sonst geht das nicht. Denken sie nur:
Schon beim ersten Auftreten der Christen in Jerusalem vor 2000 Jahren war das so.
An Pfingsten, dem allerersten public viewing, wo man sich gemeinsam anschauen konnte, wie die Christen glauben, da sind die alle fast verrückt geworden vor Begeisterung.
Und eine La Ola Welle nach der anderen schwappte durch die Stadt.
Und die Kritiker, die sich das von Weitem ansahen, die schüttelten mit ihrem klaren Kopf und sagten zueinander: Also entweder die sind  alle betrunken oder sie sind total verrückt.
Ja, so ist das halt, wenn man anfängt, ein bisschen mehr als nur normal zu sein.

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