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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

"Dieser Auftrag da muss am besten vorgestern fertig sein!" Erst lache ich noch, dann merke ich: Der meint das ernst! Es gibt Menschen, die leben nur auf der Überholspur. Und wenn sie da nicht weiterkommen, überholen sie rasch mal rechts. Wonach jagen die eigentlich? Vielleicht nach Geld, Erfolg, Macht, Ansehen, Einfluss, Glück. Aber bitte nicht auf meine Kosten!
Dass es auch ganz anders geht, zeigt mir dieser Ratschlag aus der Bibel: "Jage nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut!" (1Tim 6,11) Ein weiser Rat eines Älteren an seinen jüngeren Mitarbeiter. Er soll sich nicht einfach nur vornehm zurückhalten, wenn die anderen dem Geld und dem Erfolg hinterherjagen. Er soll auch jagen. Aber Gerechtigkeit, Liebe, Geduld. Kann man das denn überhaupt jagen?
Wenn "jagen" bedeutet: Das will ich haben! Da will ich hin! - dann ja. Gerechtigkeit, das heißt nicht nur, das ich jedem genau seins zuteile. "Gerecht" werden in der Bibel Menschen genannt, die Gott und ihren Mitmenschen gerecht werden. Gerecht ist, wer die Gebote hält. Wer dafür sorgt, dass niemandem Unrecht geschieht. Hilft, wo es nötig ist. Sich nicht verhärtet und andere nur noch als Mittel für den eigenen Erfolg benutzt.
Mit diesem einen Wort "Gerechtigkeit" fasst die Bibel zusammen, was für einen Menschen gut ist. Daraus ergibt sich alles andere: So ein Mensch ist fromm - er ist aufmerksam gegenüber allem Leben und dessen Ursprung. Er weiß, dass er nicht alles aus sich heraus schaffen kann. So ein Gerechter glaubt - er ist ein Mensch voller Vertrauen, dem man Vertrauen schenken kann. Er begegnet anderen Menschen achtsam und liebevoll, bewahrt Geduld, wo andere den Kopf verlieren, bleibt sanftmütig, wo andere explodieren.
Ein jahrtausendealtes Idealbild eines gütigen, gerechten Menschen. Aber sind es nicht genau all diese Eigenschaften, die uns heute so verzweifelt fehlen? Erfolg und das schnelle Geld machen uns nicht wirklich reich. Vor allem machen sie einsam. Doch schon ein einzelner Gerechter kann vielen anderen das Gefühl geben, wichtig zu sein und etwas beitragen zu können. So wachsen neue Gerechte heran. Danach möchte ich jagen!

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