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SWR2 Wort zum Tag

Tage nach Ostern. Er ist seinen Freunden erschienen, den Frauen zuerst, dann auch den Jüngern, die vorher wie gejagte Tiere im Gefängnis ihrer Angst saßen, die Türen fest verrammelt. Er trat durch die verschlossenen Türen, grüßte sie, zeigte seine Wunden. Ich lebe.
Und so ist, eine Woche nach Ostern, alles anders. Die Türen stehen offen. Die Freunde kommen zusammen. Nicht ängstlich, sondern fröhlich.
Einer ist nicht dabei. Sein Name ist seither Symbol des Zweifels: Der ungläubige Thomas.
Es ist ja auch kaum zu fassen. Dass es wirklich einen Weg aus der dunklen Kammer geben soll, einen Weg, der ins Licht zieht, ins Leben. Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich's nicht glauben, sagt Thomas. Als er dann tatsächlich dem Auferstandenen gegenübersteht, bietet der die Prüfung an: Reiche deine Finger, reiche deine Hand! Christus hat nichts zu verbergen, Auferstehung ist kein billiger Zirkustrick. Gerügt wird Thomas für seinen Zweifel nicht. Im Gegenteil hat er eine wichtige Funktion in der Geschichte nach Ostern. Die ersten Christen werden nicht auf blinden Gehorsam getrimmt, Ja und Amen und dann ist alles gut, so funktioniert das nicht.
Glaube und Zweifel gehören zusammen, nicht erst als Rubrik in einer großen deutschen Wochenzeitung, sondern schon kurz nach der Auferstehung. Es sind die eher düsteren Kapitel der Kirchengeschichte, in denen keinerlei Zweifel zugelassen wurde. Thomas steht für alle, die nachfragen wollen. Für alle, die skeptisch sind. Er steht auch dafür, dass Menschen zweifeln und glauben können. Interessanterweise findet er dann anders zum Glauben, als er sich das zunächst vorgestellt hatte. Thomas legt schließlich nicht die Hände in die Wunden, er braucht diesen Beweis nicht mehr. Auch darin ist er Mut machend für viele und regt zum Nachdenken an: Wie man zum Glauben findet, dass lässt sich nicht vorherbestimmen. Die Angelegenheit bleibt überraschend, Gott ist schließlich spannend. Möglicherweise wird es ein lebenslanges Hin- und Her sein, vom Zweifel zum Glauben und zurück. Auch das ist möglich. Letztlich ist Glaube kein Besitz, den man getrost von Ostern aus nach Hause tragen kann.
Die anderen waren fröhlich, als Thomas seine Zweifel zu äußern wagte. Ich hoffe einmal, er war dann später fröhlich bei beidem: Beim Glauben und beim Zweifeln, zumindest getrost: Fragen kann nicht falsch sein.

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