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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht." Alter Spruch aus Kindertagen, der mich ziemlich geprägt hat. Wenn wir gelogen hatten, wurde das gebeichtet und ich war damals fest überzeugt, dass man immer die Wahrheit sagen soll. Ich denke, dass wir als Erwachsene gelernt haben, das etwas weniger eindeutig zu sehen. Einerseits gibt es theoretisch nach wie vor eine hohe Wertschätzung für Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit. Gruppierungen, Parteien, Einzelpersonen genießen ein hohes Ansehen, wenn sie sich und ihren Überzeugungen treu bleiben, ihr Fähnchen nicht nach dem Wind drehen, auch nach Jahren noch zu dem stehen, was sie früher schon vertreten haben. Andererseits kennen wir Notlügen, Halbwahrheiten, Werbeaussagen, taktische Aussagen und ähnliches. Wir wissen, dass wir nicht alles glauben können, was gesagt und geschrieben wird. Ich möchte eine Lanze brechen für die einfache, klare Wahrheit. Als die deutschen Soldaten endlich offen davon sprechen durften, dass in Afghanistan Krieg herrscht und wir als Volk durch unsere Armee in Kriegshandlungen verwickelt sind, da hatte sich an der Sache nichts geändert. Aber die Wahrheit durfte endlich frei ausgesprochen werden. Und es fühlt sich anders an, wenn ich nicht drum rum reden muss, sondern aussprechen kann, was ich sehe. Ähnlich ging es wohl auch einem Ehepaar, die bei mir saßen, schon über 40 Jahre verheiratet,  er krebskrank. Endlich brach die Wahrheit aus ihr heraus, ich kann nicht mehr, ich liebe dich nicht mehr, auch wenn du krank bist, muss ich mich von dir trennen. Sie hatte das lange verborgen gehalten, auch vor sich selbst, aber nachdem die Wahrheit mal im Raum stand, fühlte sie sich endlich frei - und auch er merkte: das lag ja schon dauernd in der Luft, jetzt ist es endlich mal ausgesprochen. Die Wahrheit auszusprechen, kann ungeheuer erleichtern. Und ich stehe auf festem Grund, muss nicht dauernd überlegen, was ich wo wie gesagt habe. Ich sage es, so wie es ist

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