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SWR3 Gedanken
„Ramazzottius“ – klingt italienisch, nach Sänger oder Kräuterlikör. „Ramazzottius“ ist aber Latein und die wissenschaftliche Bezeichnung für „Bärtierchen“. Diese winzig kleinen Lebewesen leben in Moosen und Flechten und sehen ein bisschen aus wie Gummibärchen – daher auch der Name. Ein völlig neues Bärtierchen wurde im Nationalpark Schwarzwald entdeckt. Es wurde auf den lustigen Namen „Ramazzottius kretschmanni“ getauft – zu Ehren von Winfried Kretschmann, weil er sich, so die Kommission, für Artenschutz und Vielfalt einsetze.
Es ist schon erstaunlich, was das Bärtierchen alles kann. Ein Ranger im Nationalpark hat mir dazu erzählt: „Dieses Tierchen ist der Wahnsinn: Es kann ohne Schutzanzug im Weltall überleben, weil es unglaubliche Temperaturen aushalten kann, indem es sich selbst austrocknet und seine Lebenszeit „einfriert“, um danach wieder weiterzuleben. Und stell dir vor: Es besitzt sogar ein Enzym, das radioaktive Verletzungen heilen kann.“
Ein echtes Naturwunder – das wird mir schnell klar, wie so vieles in Gottes genialer Schöpfung. Und mir wird auch klar, dass es jammerschade wäre, wenn solche Arten aussterben würden - nicht nur weil die Wissenschaft davon profitieren kann. Fast alle Arten – und da zähle ich auch die bei uns so unbeliebten Schnaken oder Zecken dazu - sorgen für ein ökologisches Gleichgewicht. Sie filtern Wasser, bauen Schadstoffe ab, produzieren Sauerstoff, sie bestäuben Blüten oder sind Nahrung für andere wichtige Arten. Und wenn ein Puzzleteilchen fehlt, dann leidet oft das ganze System.
Ein Hoch also auf alles, was da kreucht und fleucht in der Wildnis, auf dass es uns lange erhalten bleibe – auch das Bärtierchen mit dem urkomischen Namen „Ramazzottius kretschmanni“.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43673SWR3 Worte
„Am Anfang war das Wort“ – so beginnt das Johannes-Evangelium in der Bibel. Der Theologe und Autor Peter Otten erklärt diesen Satz so:
Der Glaube beginnt damit, dass einer mit dem Erzählen beginnt. Ein Wort, eine Geschichte, einen Trost hinlegt – und ein anderer (…) diesem Wort vertraut.
Dann ist das Wort bei Gott. Das ist der Glaube: das Vertrauen auf etwas, (…) das ich nicht selbst herstellen kann. Und von dem ein anderer bezeugt, dass es tragen kann, auch in der größten (…) Not.
Quelle
https://theosalon.blogspot.com/2021/05/viel-ging-als-vertrauen-ging.html?spref=fb&m=1 (aufgerufen am 26.11.2025)
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43665Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Sind Sie eher Sammler- oder Wegwerfer-Typ? Ich beschreibe mal kurz: Die Wegwerfer freuen sich über jede Gelegenheit, etwas loszuwerden: Flohmärkte oder die Kleinanzeigen-App. Im Keller häuft sich nichts unkontrolliert an, in der Garage steht wirklich nur ein Auto und im Kleiderschrank findet sich immer noch ein freier Bügel. Falls Wegwerfer mal umziehen möchten, ist das gar kein Problem.
Ganz anders die Sammler. Sie horten schöne Dinge aus der Natur: Herzsteine oder Treibholz. Sie bringen es nicht übers Herz, sich von alten Zeitschriften zu trennen, geschweige denn von Erinnerungsstücken: die erste Konzertkarte oder das Akkordeon vom Papa. Das Größte ist es, wenn die Nachbarn kommen und nach einer Matratze fragen, weil sie unerwarteten Besuch bekommen. Klar, davon haben die Sammler einige rumstehen.
Was ist nun besser – sammeln oder wegwerfen? Ich finde, man sollte das eine nicht gegen das andere ausspielen, denn beide Lebensformen haben ihren eigenen Wert. Und ich glaube, beide Typen wünschen sich insgeheim manchmal, ein bisschen wie der andere zu sein: Zum Beispiel der Sammler, der auf dem völlig überfüllten Dachboden steht und sich nach etwas Übersicht und Luftigkeit sehnt. Und vielleicht fragt er sich dann, wer das alles einmal sortieren und entsorgen soll. Und bestimmt auch, wofür er das überhaupt tut, und wen das noch interessiert, wenn er mal tot ist.
Oder der Wegwerfer, der gerade wieder einen Schwung Bücher an einen Wohltätigkeitsflohmarkt losgeworden ist, und sich jetzt an diese eine gute Stelle erinnert, die er nochmal gerne nachlesen würde. Und auch er fragt sich in nachdenklichen Momenten, was von ihm bleibt, wenn er stirbt, außer einer gut aufgeräumten Wohnung.
Das ist die Frage, die beide Typen vereint: Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr auf der Erde bin? Und ganz egal ob aufgeräumte Wohnung oder überfüllter Dachboden, es gibt noch mehr, was bleiben könnte. Vielleicht ein selbstgemaltes Bild oder ein Baum, den ich gepflanzt und gepflegt habe. Ein Haus, in dem mein Herzblut und meine Arbeitskraft stecken. Vielleicht eine Frau, die um mich weint oder Kinder, die sich gerne an mich erinnern, denen ich was mitgegeben habe. Menschen, die von meiner Großzügigkeit erzählen, oder dass ich ein echter Anpacker war. Freunde, die sich erinnern, dass ich eine ehrliche Haut, dass ich tiefsinnig oder eine Stimmungskanone war. Oder vielleicht etwas ganz anderes.
Egal ob Sammler oder Wegwerfer - es gibt so viel was bleiben kann von mir – Gott sei Dank!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43629Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Das „Elfenministerium“ in Island gibt es nicht. Natürlich nicht, werden die einen sagen. Aber andere erinnern sich vielleicht an eine skurrile Meldung, die durch Presse und soziale Medien ging, wonach eine Autobahn auf Island nicht weitergebaut werden konnte, weil das „Elfenministerium“ Einspruch erhoben hatte.
Viele hatten sich gefreut: In Island ist die Welt eben noch in Ordnung, weil dort Straßen wohl nicht die erste Priorität haben. Aber die Isländer haben sich beeilt klarzustellen, dass es bei ihnen kein „Elfenministerium“ gibt. So rückständig wollte man sich dann doch nicht zeigen.
Es gibt aber etwas ganz ähnliches in Island, nur eben keine offizielle Behörde und auch nicht verbeamtet. Sie heißen „Elfenbeauftragte“ und werden vor größeren Bauvorhaben tatsächlich zu Rate gezogen: ob was dagegen spricht, ob dort zum Beispiel wichtige Elfenrouten verlaufen oder gar eine Elfensiedlung zerstört würde. Die Elfen, so sagt es die isländische Tradition, sind ein verborgenes Volk, das man zu respektieren hat.
Da hat also etwas Vorrang hat, das man gar nicht sehen kann. Elfen stehen für Übersinnliches, für Leichtigkeit, für das Schöne und Lebendige in der Natur. Und dass die Isländer ein Gespür für diese Dinge haben, das gefällt mir wirklich.
Im Christentum gibt es auch diese Wesen, die man nicht gleich auf den ersten Blick wahrnimmt. Sie heißen Engel, und es ist immer gut, auf sie zu hören, wenn sie etwas zu sagen haben. Beauftragte dafür gibt es nicht und schon gar kein Ministerium. Aber wenn ich gut mit mir selbst in Kontakt bin, dann merke ich schon, ob und was ein Engel mir zu sagen hat. Engel könnten am Werk sein, wenn ein Freund schonungslos ehrlich zu mir ist, wenn sich in der Nacht mein Gewissen meldet, wenn ich einen Geistesblitz habe oder das berühmte Bauchgefühl, wenn mich jemand an etwas erinnert, wenn ich das Gefühl habe, jetzt unbedingt etwas tun zu müssen oder manchmal auch wenn mir jemand den Vogel zeigt.
Ich kann über diese Situationen hinweggehen, aber ich kann ihnen auch eine gewisse Priorität einräumen: die Situation nochmal nachklingen lassen, abwägen was gut und was schlecht daran war, ob ich einen wahren Kern darin entdecke und mich in eine bestimmte Richtung weiterentwickeln könnte.
Wenn es in mir drin so einen kleinen Beauftragten gäbe, der mich immer wieder daran erinnert, dem Unsichtbaren oder Unscheinbaren eine Chance zu geben, dann könnte das mein Leben ganz schön bereichern.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43628Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Britta war nicht immer so schlecht drauf und so krank wie heute. Ganz im Gegenteil: sie war mal eine attraktive junge Frau. Ist sogar um die deutschen Meisterschaften im Freistil mitgeschwommen. Danach war sie Bordbegleiterin auf einem schicken Rheinkreuzer.
Ich kenne Britta persönlich, und deshalb tut es mir so leid, was aus ihr geworden ist. Jetzt hat sie großporige Haut und ein rötliches Gesicht. Meistens riecht sie nach Alkohol. Immer schon wollte sie davon wegkommen, aber es hat nie funktioniert. Immer wenn ihr langweilig war oder wenn sie schlechte Laune hatte, dann hat sie sich ein Gläschen eingeschenkt. Oder schlimmer noch: es wurde ihr eingeschenkt.
Dann ein Tag, der vielleicht Brittas Leben verändert: Sie spaziert gerade am Bodenseeufer entlang, da hört sie Hilferufe. Das sind eindeutig Kinderschreie, die da aus dem Wasser kommen. Britta erinnert sich daran, wie gut sie mal schwimmen konnte. Und obwohl sie getrunken hat, stürzt sie sich ohne lang nachzudenken ins kalte Wasser. Mit letzter Kraft schafft sie es mit dem völlig entkräfteten Kind ans Ufer. Dann wird ihr schwarz vor Augen.
Als Britta wieder aufwacht schaut sie in das freundliche Gesicht eines Arztes. „Glück gehabt“, sagt er. „Dem Kind geht´s gut, aber Sie hätte es beinahe erwischt. Ich rate Ihnen dringend, ab sofort auf jeglichen Alkohol zu verzichten, sonst können Sie sich in Zukunft solche Rettungsaktionen nicht mehr leisten.“ Dieser Satz klingt Britta noch lange in den Ohren. Sie beschließt tatsächlich, ab sofort mit dem Trinken aufzuhören, macht sogar erstmals einen Entzug in einer Klinik mit. Hoffentlich hält sie das durch!
Menschen erzählen immer wieder solche erstaunlichen Geschichten, wo ein einschneidendes Erlebnis oder eine Person das ganze Leben verändert. Diese Personen sind meistens keine besonderen Helden, sondern oft Menschen, die selbst auf Hilfe angewiesen sind. Helfer sind hilfsbedürftig oder andersrum: Hilfsbedürftige werden zu Helfern.
So wie an diesem Tag am Bodensee. Da haben zwei Menschen ihren Engel getroffen: Britta hat das Kind gerettet, und wer weiß, vielleicht wird auch das Kind Britta retten. Ich hoffe sehr darauf.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43627Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Jona – das ist ein beliebter Vorname, eine Stadt in der Schweiz und auch die Hauptfigur in einer biblischen Kurzgeschichte. Ganz kurz gefasst geht die Geschichte so: Jona bekommt von Gott einen Auftrag: er soll in die gottlose Stadt Ninive gehen und den Einwohnern Gottes Strafe androhen, falls sie nicht ihr Leben ändern und sich bessern. Ninive ist für damalige Verhältnisse riesig. Heute würde man sagen, dort regieren das Geld und die Lust. Prunk und Prostituierte, Glückspieler und Kneipen.
Jona hat auf diese heikle Mission nicht die geringste Lust. Ihm liegt nicht viel an Ninive. Er sagt sich: „Das auserwählte Volk ist doch Israel. Sollen die sündigen Leute aus Ninive doch ruhig untergehen.“ Jona verweigert sich, versteckt sich, ändert dann aber seine Meinung und kommt nach langem Hin und Her schließlich in der Metropole an. Er predigt dort von Gottes drohendem Strafgericht und ruft dazu auf umzukehren und sich zu bessern. Und siehe da: Die Leute aus Ninive ändern tatsächlich ihr Leben, sie besinnen sich auf Tugend und Moral. Und Gott verschont die Stadt.
Jona freut sich aber keineswegs. Im Gegenteil: er hadert schon wieder mit Gott. Erstens: dieser ewige Großmut, warum muss Gott nur immer so barmherzig sein! Und zweitens: Jetzt steht Jona selbst als Dummer da. Denn alle Drohungen, die er so bildreich beschrieben hat, stellen sich als Schall und Rauch heraus.
Jona sitzt also in der brütenden Hitze vor den Toren der Stadt und schmollt. Und jetzt zeigt sich die Bibel wieder einmal von ihrer hintersinnigen Seite: Gott lässt über ihm einen Strauch wachsen, der ihm Schatten spendet. Jona freut sich über das Geschenk. Doch am nächsten Tag lässt Gott die Pflanze wieder verdorren und schickt dazu einen mörderisch heißen Ostwind. Jona ist außer sich, aber das kennen wir ja schon von ihm.
Dann ertönt Gottes Stimme: „Jona, der Strauch ist über Nacht gewachsen und auch über Nacht wieder eingegangen. Du hast nicht einen Finger für ihn krumm gemacht und jetzt tut er dir leid. Mir aber sollte es nicht leidtun um Ninive, die große Stadt, in der mehr als 120.000 Menschen leben?“
Die Jona-Geschichte will zeigen, dass Gott sich weder berechnen, noch für eine Sache einspannen lässt. Das hat der Prophet bitter zu spüren bekommen. Wäre es nach Jona gegangen, dann hätte Gott sich als harter Hund zeigen sollen, und er selbst wäre als starker Prophet dagestanden. Aber Gott handelt nach seinen eigenen Grundsätzen: Wer sich ihm zuwendet, der hat nichts zu verlieren.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43626SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Eine witzige Anekdote aus dem Kindergarten: Die Erzieherin fragt in die Runde, ob denn jemand weiß, welche drei Geschenke die heiligen drei Könige dem Jesuskind mitgebracht haben. Einige Kinder wissen, dass auf jeden Fall Gold dabei war. „Genau, Gold war dabei“, sagt die Erzieherin. Und sie erklärt gleich auch warum. Gold war das kostbarste, was die Menschen damals kannten. Und deshalb war es etwas Königliches. Denn die drei waren überzeugt: Jesus ist ein neuer und völlig anderer König für die ganze Welt.
Dann kündigt die Erzieherin an: „Jetzt wird´s schwieriger. Was haben die Könige denn noch mitgebracht?“ Die Kinder gucken ein bisschen ratlos, aber dann traut sich Mia: „Weihrauch“. Die Erzieherin erklärt den Kindern erst mal, was das überhaupt ist. Und dass wenn man die Harzklümpchen anzündet, ein ganz besonderer Rauch aufsteigt, duftet und sich ausbreitet. Und deshalb war Weihrauch schon immer Zeichen für das Göttliche – nicht greifbar, aber doch überall präsent.
„Das dritte Geschenk weiß aber bestimmt niemand“, prophezeit die Erzieherin. Doch der kleine Jakob ruft: „Ich weiß es: Möhren!“ Fast muss die Erzieherin loslachen, aber gleichzeitig erkennt sie, dass Jakob vom Wort her schon ganz nah dran war. Denn „Möhren“ und „Myrrhe“ klingt ja ziemlich ähnlich, ist aber leider etwas völlig anderes.
Myrrhe ist wie der Weihrauch auch ein Harz. In der Antike hat man Myrrhe als Medizin benutzt, um Wunden zu desinfizieren, um zu heilen. Im Zusammenhang mit Jesus bedeutet es, dass er heilt, dass er rettet, und dass er erlöst. Spätestens wenn wir sterben und ins Reich Gottes eingehen, sollen wir erlöst werden von allem, was uns hier auf der Erde einschränkt, traurig oder wütend macht.
Möhren würden als Geschenk zwar nur wenig hermachen, aber vielleicht hat der Gedanke ja doch etwas, gerade weil Möhren so alltäglich sind und deshalb sehr gut zu Jesus passen. Der ist ja auch nicht in einem Palast geboren, sondern in einem gewöhnlichen Stall. Und schließlich hat sich Jesus später auch viel lieber mit dem gewöhnlichen Volk umgeben als mit den Großkopfeten. Er war mit Fischern und Handwerkern unterwegs, nicht mit Politikern oder Großgrundbesitzern.
Die Anekdote aus dem Kindergarten zeigt mir zweierlei: Gold, Weihrauch und Myrrhe stehen für Jesus als einen, der königlich, göttlich und heilsam ist. Aber trotzdem passen alltägliche Geschenke wie zum Beispiel Möhren mindestens genauso gut zu ihm – weil er bescheiden war, weil er die Kleinen groß gemacht hat, und weil er wollte, dass seine Botschaft bei allen ankommt.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43625Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW
Ich war im längsten Konzert der Welt. Nicht bis zum Ende, denn das ist erst für das Jahr 2640 vorgesehen - da musste ich leider früher raus. Das Konzert läuft seit dem Jahr 2001 in Halberstadt in der Burchardi-Kirche. Es ist ein Orgelstück des Komponisten John Cage und hat den Titel „As slow as possible“, also „so langsam wie möglich“. Alle Töne und Akkorde werden dabei sehr, sehr lange ausgehalten.
Gespielt wird das Konzert auf einer Orgel, die extra dafür konstruiert wurde. Und da das Stück für jeden Organisten eine Zumutung wäre und seine Lebenszeit übersteigen würde, haben sich die Macher des Werkes etwas ausgedacht: Sie stecken immer nur die Orgelpfeifen, die gerade gebraucht werden, auf die Luftdüsen. Das Stück wird so langsam gespielt, dass die Klangwechsel ungefähr mit einem Jahr Abstand erfolgen. Diese Klangwechsel sind immer ein feierliches und gut besuchtes Event in der Burchardi-Kirche.
Dieses Konzert ist ein richtiges Kunstprojekt. Und es hat mich so neugierig gemacht, dass ich nach Halberstadt gefahren bin. Es ist wie eine kleine Ausstellung konzipiert. Man kann durch die leere Kirche flanieren. In der Mitte steht das Örgelchen und produziert gerade einen ziemlich schrägen Dauerakkord, der aus sieben Tönen besteht. Fast ein bisschen nervig.
Interessant finde ich die Zeitleiste aus Metall, die rundum an der Kirchenwand angebracht ist. Für jedes Konzertjahr kann man dort eine Patenschaft übernehmen und ein Metalltäfelchen mit seinem Namen und Widmung anbringen lassen. Für das Jahr 2453 steht da zum Beispiel: „Zu meinem 500. Geburtstag“. Auf einem anderen Schild ist zu lesen: „Was wird geblieben sein?“ Und auf einer Tafel steht: „Klingende Flaschenpost – schwebend im Kirchenschiff – ein Hauch von Ewigkeit“
Das ganze Stück kann ich nicht erfassen, weil es einfach zu lang für mein Leben ist. Aber ich komme ins Grübeln über die Zeit und das Sein. Mir wird hier schön vor Augen geführt, dass ich nur ein kleiner Teil eines größeren Ganzen bin - genau wie die Orgeltöne oder die Zeitleiste an der Kirchenwand. Vielleicht gibt es auch in meinem Leben Ereignisse, die erst einen Sinn bekommen, wenn ich das Ganze aus einiger Entfernung betrachten könnte: Ein Verlust, eine Fehlentscheidung oder ein vermeintlicher Zufall, der mein Leben verändert hat.
Eine, die das Konzert besucht hat, bringt es für mich ganz gut auf den Punkt. Sie sagt: „Für uns Menschen ist dieses Orgelstück etwa so, als wolle man einer Eintagsfliege die Jahreszeiten erklären. Es macht mir bewusst, dass manche Dinge größer sind als ich selbst.“
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43624SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
Heute ist Welt-Braille-Tag, d.h. der Gedenktag der Blindenschrift - diese kleinen Hubbel im Papier. Sie heißt auch „Braille-Schrift", weil sie der Franzose Louis Braille erfunden hat. Er hat gewusst, dass Blinde zwar kaum oder gar nicht sehen können, dafür aber umso besser tasten.
Für Abbas ist die Brailleschrift total wichtig. Er ist blind und lebt in Berlin. Er beschreibt, wie es für ihn ist, wenn er mit seinem „Lesefinger" die Blindenschrift ertastet. Er sagt: „Dieses Gefühl ist schwer zu vermitteln. Zunächst ist es nur ein diffuses Kribbeln in den Fingern. Dann kommt der Moment, wo das Herz lacht und der Geist jauchzt: Ja, ich habe es begriffen."
Das Institut für Neuropsychologie in Hamburg hat dieses Gefühl jetzt etwas genauer untersucht. Können Blinde tatsächlich besser tasten? Es wurde herausgefunden, dass sie nicht etwa feinfühligere Finger haben als Sehende. Aber ihre entsprechenden Gehirnareale sind einfach größer, und so können sie die Informationen aus den Fingern besser auswerten. Das, was die Finger ertasten kann schneller umgesetzt oder eben übersetzt werden, weil das Gehirn mehr Kapazitäten dafür zur Verfügung stellt.
Wenn Abbas über seine Blindheit spricht, dann weist er gerne auf die Chancen hin, die darin stecken. Er will nicht um das trauern, was ihm fehlt, sondern er freut sich über das, was er mit seinen Fingern und seinem super-flexiblen Gehirn leisten kann. Abbas räumt zwar ein: „Mit den Augen geht vieles vielleicht noch flinker. Aber was soll´s, wenn ich einmal nur die Hände habe!"
Wenn er die Braille-Schrift mit den Fingern entziffert, dann ist das für ihn sogar eine spirituelle Erfahrung. Vor allem wenn er seine dicke Blinden-Bibel liest. Die hat um die 8 ½ Millionen Punkte. Wenn seine Finger darüber gleiten, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, dann erschließt sich für ihn allmählich ein Sinn. Abbas beschreibt das so: „Ich lese, und in mir wird es langsam immer heller. Mit keinem anderen Licht der Welt wollte ich dieses Licht tauschen."
Abbas kann über diese Erfahrung nur staunen. Und noch mehr staunt er über Gott. Wie viele Wege der kennt, um das Herz der Menschen zu erreichen: Wenn man sich begegnet oder sich berührt, wenn man staunt, schmeckt, riecht, wenn man Musik hört, in der Stille sitzt, oder eben wenn die Finger nach und nach diese vielen kleinen Hubbel auf dem Papier ertasten.
SWR Kultur Wort zum Tag
Vor ein paar Jahren, als unsere Kinder noch klein waren, da ist ein pädagogischer Trick mit unserer Weihnachtskrippe so richtig nach hinten losgegangen. Ganz viel echtes Stroh haben wir in und um die Krippe gelegt. Wir hatten uns das so ausgedacht, dass die Kinder ein bisschen mehr zu spielen haben, als nur die Figuren hin und herzuschieben.
„Ob das so schlau war?“, hab ich am nächsten Abend meine Frau gefragt. Denn als ich zur Wohnungstür hereingekommen bin, wurde ich schon im Flur von einem Strohhäufchen begrüßt. Unser Kleiner hat wohl mein erschrockenes Gesicht gesehen und deshalb schnell erklärt: „Das ist nur falls der Ochse Hunger kriegt.“ Aber das waren noch lang nicht alle Futterstellen. Weitere waren auch auf dem Sofa, im Bett und auf dem bequemen Sessel eingerichtet. Auf dem Dach des Stalles sowieso und wenn schon, dann auch auf dem Wohnzimmerboden. Kurz und gut: überall Stroh.
Das wäre ja nicht weiter schlimm gewesen, denn wir sind relativ geduldige Eltern, und der Staubsauger hat 900 Watt. Aber Stroh kann verdammt hartnäckig sein. Vor allem in den Ritzen zwischen Kissen und Matratzen, auf dem Schaffell oder in der Mohair-Decke.
In dieser Adventszeit hat man mich während des Mittagsnickerchens oder auch meine Frau beim Lesen ab und zu mal aufstöhnen hören. Immer dann nämlich, wenn sich wieder so ein fieser kleiner Stoppel-Strohhalm irgendwo reingebohrt hat, oder wenn´s irgendwo gekitzelt hat.
Das muss doch auch das Jesuskind in der Krippe genervt haben!
Aber vielleicht ist gerade das ein Sinnbild dafür, dass Jesus sich mit unseren kleinen aber auch großen Sorgen auskennt. Er hat von Kindesbeinen an gewusst, wie sich Jucken und Pieksen anfühlt – er hat sowohl die alltäglichen Sorgen gekannt, wie auch die existenziellen. Er hat die Pubertät durchgemacht, sich in der Werkstatt von Josef bestimmt nicht nur ein Mal mit dem Hammer auf den Finger gehauen. Er hat in seiner Zeit als Prediger und Heiler sicher mal dringend Ruhe gebraucht. Er hat sich mit den religiösen Führern angelegt und wusste, wie es sich anfühlt abgelehnt oder verraten zu werden.
Für viele ist Jesus sogar ein rettender Strohhalm geworden, weil er ihrem Leben einen neuen Push gegeben hat, weil er ihnen Sinn gibt und hoffen lässt, dass immer jemand an ihrer Seite ist, und dass mit dem Tod nicht alles fertig ist. Ich glaube genau deshalb lag Jesus nicht auf einer Luxusmatratze sondern einfach auf Stroh!
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43481