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19MAI2026
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Noch vierzehn Tage bis zum Konzert; und nur noch zwei Proben. Das Programm unseres Chors ist umfangreich, 23 Lieder aus den 50er und 60er Jahren; alles soll möglichst auswendig gesungen werden. Französiche Chansons sind dabei, Azzuro auf Italienisch, La Bamba auf Spanisch. Und selbst so ein Ohrwurm wie Obladi Oblada von den Beatles hat textlich so seine Tücken. Wir geben uns Mühe, und so klingt es denn auch: bemüht. Während wir beim Singen angestrengt nach Noten und Textzeilen kramen, ruft unser Chorleiter: „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Und plötzlich, wir merken es selbst, verändert sich was. Als ob die Lieder auf einmal zum Leben erweckt wären, kommen sie völlig anders rüber. „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Warum hat diese Ansage funktioniert wie ein Zauberwort?

Nun, Menschen teilen sich mit, teilen ihr Leben, indem sie sich Geschichten erzählen. Oft braucht es dazu noch nicht einmal eine Aufforderung „Liebling, wie war Dein Tag heute?“ Sobald wir uns begegnen, fangen wir an, uns Geschichten zu erzählen, kleine oder ausführliche, großartige und unbedeutende.

Mit dem Geschichtenerzählen hat menschliche Kommunikation einmal angefangen. Und immer noch ist es die beste Art und Weise, um miteinander in Kontakt zu kommen. Auch für einen Chor und sein Publikum. Da verwundert es nicht, dass auch die ältesten Überlieferungen der Bibel Geschichten sind. Keine Gebote, keine Gesetze. Geschichten. Von Generation zu Generation werden sie mündlich weitergegeben, bevor einer sie aufgeschrieben hat. Die Geschichten vom Garten Eden, von der großen Flut, von Abraham und Sara, von Jakob und Esau, von Rahel und Lea. Eine überschaubare Anzahl von Geschichten verglichen mit dem, was uns heute zur Verfügung steht. Aber wichtig war nicht, dass ständig Neues dazukam; wichtig war die Überlieferung. Sie hat Menschen verortet, in eine Geschichte verstrickt, mit anderen Menschen und mit Gott. Noch immer ist unser Gehirn auf Erzählungen gepolt. Es springt an, wenn uns jemand eine Geschichte erzählt. Und das klappt sogar beim Singen. „Ihr sollt Geschichten erzählen!“ Und die Welt hebt an zu singen.

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18MAI2026
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Seine Lieder haben mich mein ganzes Leben lang begleitet; jetzt ist er 70 geworden und wirkt noch kein bisschen müde: Herbert Grönemeyer. Zwölf Jahre älter als ich, deutlich jünger als meine Eltern – ein guter Lebensbegleiter. Ich war gerade konfirmiert; da kam sein Album „Bochum“ heraus, und obwohl ich den Ruhrpott nicht kannte, konnte ich die Zeile „Du bist keine Schönheit“ aus vollem Herzen mitsingen. Ich bin in Pforzheim aufgewachsen, und dieser Stadt klebt auch das Image an, nix Besonderes zu sein. Der Song „Bochum“ hat da Mut gemacht: Nicht aus einer Weltstadt zu kommen, musste kein Nachteil sein. Und Schönes gibt es überall zu entdecken; es muss nicht immer offensichtlich sein.

Dann kamen die 90er, und Grönemeyer hat einer ganzen Generation die Männer so ins Herz gesungen, wie wir sie haben wollten: verletzlich und unersetzlich, furchtbar stark und auf der Suche nach Zärtlichkeit, ehrlich und selbstkritisch. Außen hart und innen ganz weich. Und dann grätscht auch bei diesem Mann das Leben dazwischen oder besser gesagt der Tod. Seine Frau Anna wird schwer krank, und innerhalb von wenigen Tagen sterben sie und sein Bruder Wilhelm an Krebs. Um Herbert Grönemeyer wird es still. Aber dann wird auch aus diesem Schmerz ein Lied. Unzähligen Menschen wird es zu einem treuen Trauerbegleiter; oft gespielt bei Beerdigungen: „Hast jeden Raum mit Sonne geflutet, jeden Verdruss ins Gegenteil verkehrt. Hab dich sicher in meiner Seele, trag dich in mir bis der Vorhang fällt.“

Ja, er hat ein Gespür für Menschen, dieser Grönemeyer, und so heißt auch sein wohl bekanntestes Lied Mensch: „Und der Mensch ist Mensch, weil er vergisst, weil er verdrängt, weil er wärmt, wenn er erzählt, und weil er lacht, weil er lebt, weil er irrt, und weil er kämpft, und weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt.“ Dieses Lied ist sein Vermächtnis, aber noch ist er ja da, der Mensch Herbert Grönemeyer. Ein unermüdlicher Zuversicht-Verbreiter, Hoffnungs-Weiterträger, ein unverbesserlicher Nicht-Schwarzmaler. Möge er uns noch lange erhalten bleiben. Auf Dich, Herbert Grönemeyer! Glück und Segen!

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16MAI2026
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Gerade läuft die Doku-Serie In höchster Not über die Bergwacht in den bayerischen Alpen. Da werden ehrenamtliche Kräfte bei ihren Einsätzen begleitet. Die sind oft spektakulär – und oft haben sie damit zu tun, dass Menschen einfach leichtsinnig oder unvorbereitet unterwegs sind. Die Bergretter aber bleiben erstaunlich cool. Die Rettung steht im Vordergrund. Warum jemand in Not kommt, das ist erstmal egal.

Aber einer der ehrenamtlichen Bergretter sagt ein paar Sätze, die bei mir nachklingen. Er sagt: „Es gibt eine Grundeinstellung. Die ist modern. Dass man alles erreichen kann, was man will. Nur interessiert das den Berg nicht. Es gibt Situationen, da kann der Wille noch so stark sein, die äußeren Umstände lassen nicht zu, was man will.“

Ich erlebe das auch so. Da gibt es diese Idee: Wenn du was willst, dann kannst du das auch schaffen. Die Kehrseite dieser Überzeugung: Wenn ich was nicht erreiche, dann kanns ja nur an mir liegen. Dann habe ich mich halt nicht genug angestrengt.

Die Bergretter öffnen den Blick auf eine andere Sichtweise. Sie erleben: Auch der größte Wille stößt an seine Grenzen. Denn in den Bergen, da hängt es nicht nur von mir ab. Da muss ich mich bestimmen lassen: Vom Weg, vom Wetter oder auch der von Tagesform. Berge, das habe ich selbst schon im Urlaub erlebt, machen demütig. Sie zeigen mir: Ich selbst bin abhängig von vielem anderen. Kann nicht alles, was ich will oder mir vornehme. Berge machen mir deutlich: Ich muss genau prüfen, was in bestimmten Situationen gefordert ist. Mich fragen: Was kann ich eigentlich leisten? Gehe ich Wege, die zu mir passen? Habe ich die richtigen Schuhe, ausreichend Verpflegung, neue Karten, guten Empfang?

Das ist eine Weisheit auch jenseits der Berge: Nur Wollen reicht nicht. Ich muss auch meine Grenzen akzeptieren – und muss bereit sein, zu sehen, was in einer Situation wirklich angebracht ist.

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15MAI2026
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Heute also: die »Kalte Sophie«. Die letzte der fünf Eisheiligen.

Eisheilige, damit werden einige Tage mitten im Mai bezeichnet. An denen werden die Feste von fünf Heiligen gefeiert: Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius – und den Abschluss bildet Sophie. Noch heute feiern manche Menschen an diesen Tagen ihren Namenstag, wenn sie etwa Sophia oder Sophie heißen.

Die Eisheiligen waren vor allem in bäuerlichen Regionen gefürchtet. Immer wieder sorgten Frostnächte Mitte Mai für Missernten und Hunger. Der Grund: Trotz milder Temperaturen kann kalte Polarluft nach Mitteleuropa strömen. Das sorgt dann für Bodenfrost – der Tod für junge Pflanzen.

Viele bäuerliche Regeln kreisen deshalb um diese Tage: Vor Bonifaz kein Sommer, nach der Sophie kein Frost. Oder: Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist. Oder: Pflanze nie vor der Kalten Sophie.Die Kalte Sophie macht alles hie.

Die kalte Sophie, das ist wohl Sophia von Rom. Eine Frau aus dem vierten Jahrhundert, die als Christin von den Machthabern hingerichtet wird. Sophia ist aber auch der griechische Begriff für Weisheit. Und Weisheit ist vor allem eine Kunst, das richtige Maß zu finden. Zwischen Verschwendung und Gier und Überheblichkeit einerseits und Furcht und Angst und Trauer andererseits. Weisheit, das ist ein Gegenmittel gegen die Extreme des Lebens. Extreme, wie sie manchmal auch an den Eisheiligen zu beobachten sind: Warme Frühsommertage und junges Grün und dann Nachtfrost und absterbende Pflanzen. An den Eisheiligen kann ich Weisheit lernen. Zwischen den Extremen einen Weg finden. Für ein gutes Leben zwischen Sommerwärme und Eiszeit.

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13MAI2026
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Ich sitze im warmen Sand an der Ostsee, in der Nähe von Wismar. Vom Strand aus kann ich rüberschauen auf die kleine Insel Poel. Genau dort hat bis vor wenigen Tagen noch der als „Timmy“ bekanntgewordene Buckelwal gelegen. Gott sei Dank, der Wal hat jetzt endlich seine Ruhe, denk ich.

Ich habe die Bilder noch vor Augen, die sich auf der Insel abgespielt haben: Eine aufgebrachte Meute, Schaulustige oder vermeintliche Wahlretter, durchbricht Absperrungen und fordert lauthals: Rettet den Wal, Freiheit für Timmy. Ich habe deren Empörung nicht verstanden. Ich konnte eher das nachvollziehen, was die meisten Wissenschaftler gesagt und empfohlen hatten: Das Tier ist krank, lasst es in Ruhe sterben.

Ich freue mich deshalb umso mehr über die entspannte Stimmung an diesem Nachmittag am Strand. Und über das, was ich dort beobachte: Gerade findet ein Sandburgen-Wettbewerb statt und viele Kinder, und auch etliche Erwachsene, buddeln, bauen und gestalten mit großer Hingabe Sandkunstwerke. Da werden zuerst Umrisse in den Sand gezeichnet, dann feuchter Sand aufgeschüttet und mit Schaufeln festgeklopft. Anschließend wird mit Wasser geglättet und am Ende verziert. Meine zwei Favoriten sind: eine große Krake mit langen, muschelgespickten Sandarmen. Und eine Meerjungfrau mit einer wilden Haarmähne aus Stöckchen und gelben Löwenzahnblüten. 

Der Sieg an diesem Nachmittag geht aber an ein anderes Sandkunstwerk: Ein Vater und seine Tochter haben einen Wal geformt haben, samt Lastkahn. Daneben haben sie „Timmy“ in den Sand geschrieben. Oh Mann, denke ich, das Thema ist noch immer nicht vorbei. Dieser Wal beschäftigt das ganze Land. Bis an die Sandstrände.

Ich weiß natürlich nicht, warum die beiden genau dieses Motiv gewählt haben. Vielleicht, so denke ich mir, haben die beiden ja einen Sand-Timmy gestaltet, weil sie Mitleid mit dem Tier haben; oder sie haben sich auf ihre Weise, mit einem schönen Kunstwerk, von dem Wal verabschiedet. 

Wie auch immer. Vater und Tochter werden den Strand am Abend verlassen – und ihren Sand-Timmy damit sich selbst über-lassen. Es wird das passieren, was ich mir auch für den großen Buckelwal gewünscht hätte: Wind, Wasser und Sonne werden das Sandkunstwerk auflösen. Die Natur wird sich nach und nach alles zurückholen, was sie einst hervorgebracht hat. Und das zuzulassen ist gar nicht so einfach. 

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12MAI2026
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In Ellwangen ist gerade das Paradies auf Erden – zumindest kann ich mir vorstellen, dass es so aussehen könnte: Tausende Blumen blühen in wunderschön angelegten Beeten, kunstvoll gestaltete Wege, Sitzplätze am Wasser und Spielplätze für Kinder. Vor kurzem hat die Landesgartenschau in Ellwangen eröffnet, im Osten von Baden-Württemberg. Gartenschauen oder -ausstellungen ziehen traditionell immer viele Leute an; mich auch.

Aber warum ist das so, was zieht uns da an? Vielleicht steckt die Antwort genau in diesem Wort, Paradies. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie: eingezäunter Garten. Ein Ort also, der umhegt ist und geschützt.

In der Bibel spielt der Garten eine wichtige Rolle. Da wird erzählt, dass die Anfänge der Menschheit in einem Garten liegen, im Garten Eden. Da, wo noch alles harmonisch ist; zwischen Gott, den Menschen und der Natur. Auch im Neuen Testament taucht der Garten immer wieder auf: Jesus wurde in einem Garten beigesetzt und ist dort auferstanden. Der Garten wird also vom Ort des Todes zu einem Ort, in dem wieder neues Leben möglich ist. Und dass Maria Magdalena den auferstandenen Jesus zunächst für den Gärtner hält, das ist kein Zufall. Das symbolisiert: Jesus ist derjenige, der Menschen von Neuem aufblühen lässt.

Einer meiner Lieblingsorte auf der Ellwanger Gartenschau ist der Kreuzgang der Basilika. Da werde ich gar nicht fertig mit schauen und staunen - über so viel Schönheit und Ästhetik: Dort gibt es alle zwei Wochen eine neue Blumenschau mit grandiosen Arrangements und Gestecken der Floristen. Zum Beispiel diese hier: Rote Orchideen schmücken ein zylinderförmiges Weidengeflecht, eine watteweiche Schale, die wie eine Wolke aussieht, birgt gelbe, orange und pinkfarbene Blüten. In der kommenden Woche heißt das Thema der Arrangements dann: „Himmelsschimmer – ein Hauch von Licht, Glauben und Leben“. Das klingt jedenfalls schon paradiesisch.

Mitten im Garten-Paradies in Ellwangen ist auch die Kirche zu finden. Genauer gesagt, der Kirchengarten. Wer danach sucht, muss nach einer großen, hölzernen Pilgermuschel Ausschau halten. In diesem Garten kann man sich ausruhen, einfach hinsetzen und innehalten. Unter einem großen Sonnenschirm. Eben wie eine Pilgerin oder ein Pilger, die unterwegs eine Pause brauchen. Bis Oktober gibt es dort jeden Tag einen Mittagsimpuls und am Wochenende ist Familienzeit im Kirchengarten. Denn das gilt es eben auch zu bedenken: Selbst im Paradies muss man zwischenrein einfach mal durchschnaufen.

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11MAI2026
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Ich bin zuhause bei meinen Eltern im Allgäu und unterwegs zu einem Paar, deren Sohn sich das Leben genommen hat. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, was ich dort sagen soll. Wie ich das Gespräch beginnen soll. In einer Situation, in der jedes Wort zu viel ist und keines so wirklich passt. „Wie geht’s Euch?“ wäre hier eindeutig kein guter Gesprächseinstieg. Als ich vor der Tür stehe und die Klingel drücke, bin ich immer noch unsicher. Ein paar Minuten später sitze ich im Wohnzimmer mit einer Tasse Kaffee und wir reden einfach, wie von allein. Über ihren Sohn, wie die letzten Monaten und Jahre waren. Wir reden über die anstehende Beerdigung, aber auch über unser Dorf, meine Arbeit beim Radio und meine Eltern. Manchmal schweigen wir kurz. Lachen auch das eine oder andere Mal und weinen. Es tut gut zu hören, dass auch schon andere aus unserem Dorf da waren. Dass die beiden nicht alleine sind. Und reden können. Auch, wenn das nichts daran ändert, dass ihnen ihr Sohn fehlt.
Und dann kommt die Frage: „Sag mal, wie ist das eigentlich? Wie geht die Kirche mit Suizid um?“ Ich denke mir: „Mein Gott, dass das immer noch rumgeistert…“. Ich sage: „Ja, früher war das ziemlich krass, wie die Kirche das sah. Menschen, die sich das Leben genommen hatten, wurden nicht mal auf dem Friedhof beerdigt. Aber das ist schon lange nicht mehr so.“ Ich erzähle ihnen dann von einer Theologin, die immer wieder mit dem Thema „Suizid“ zu tun hatte. Die hat mal zu mir gesagt: „Eines ist für mich völlig klar: Wenn es Menschen so schlecht im Leben geht, dass sie es hier einfach nicht mehr aushalten und ertragen können, dann bekommen die im Himmel eine extra Wolke.“

Und „extra“ heißt für sie nicht separiert, sondern „extra“ heißt einen richtig tollen Platz. So, wie jemand bei einem richtig guten Essen noch eine extra Portion bekommt. Und im Himmel dann dementsprechend einfach eine extra Portion Liebe, eine extra Wolke und hoffentlich auch eine extra Umarmung.

Wir sitzen alle einen Moment still da und lächeln. Ich glaube, wir drei stellen uns vor, wie jetzt ihr Sohn da oben ist, auf seiner extra Wolke. Und das ist er. Davon bin ich überzeugt.

 

Sollten Sie selbst Hilfe benötigen, dann finden Sie diese u.a. bei der Telefonseelsorge: https://www.telefonseelsorge.de/sorgen-themen/suizidpraevention/ 

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09MAI2026
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Die „to do Liste“ an diesem Samstag war lang: Getränke holen, Altglas wegbringen, ein neues Bild aufhängen, Lampe reparieren, die Gartenmöbel für die Sommersaison herrichten, Unkraut jäten … und dann, sozusagen als Belohnung, noch in die Outletcity nach Metzingen fahren und mir neue Schuhe kaufen.

Eigentlich lief alles ganz gut. Bis ich ans Unkraut jäten kam. Giersch und Brennnessel. Und dann noch der ewige Löwenzahn, da, wo ich ihn nicht haben will. Darauf hatte ich überhaupt gar keine Lust. Deshalb hab ich’s ‘eine Weile vor mir hergeschoben. Noch einen Kaffee getrunken, den Lokalteil der Zeitung ausführlicher als sonst gelesen, Mails gecheckt, die Eltern angerufen. …

Bis ich es dann doch anfing. Und dann war es auf einmal gut. Giersch, Brennnessel, Löwenzahn, dazu Verblühtes…“ Drei Eimer wurden voll, und ich hatte ein richtig gutes Gefühl.

Geht Ihnen das auch so? Bei den Dingen, die ich nicht so gerne mache - das nächste Projekt dieser Art wird die Steuererklärung - da geht es tatsächlich in der Hauptsache darum, einen Anfang zu finden. Wenn ich den gefunden habe, dann läuft es in der Regel.  Und meistens bringe ich es dann auch fertig.

Ich glaube, dass es zu uns Menschen gehört, dass wir etwas anfangen und etwas fertigbringen wollen. Ja, ich glaube, der liebe Gott hat uns genau dazu geschaffen. Auch wenn es manchmal schwerfällt, einen Anfang zu finden. Nicht umsonst sind die Aussagen: „Mit dem kann man was anfangen …“ – und „die bringt was fertig“ ausgesprochen positiv gemeint.

Ich wünsche allen, denen es so geht wie mir, dass es heute gelingt, an irgendeiner Stelle einen Anfang zu finden und etwas fertig zu bringen. Aber nehmen Sie sich nicht zu viel vor- das kann nämlich auch kontraproduktiv wirken.

Ach ja: Zum Schuhshopping hat es noch gereicht. War gut. Ich hab was gefunden. Aber nur weil ich mich begrenzt habe auf drei Shops und nicht gemeint hab, ich müsste die ganze Outletcity durchkämmen, damit ich auf keinen Fall etwas verpasse. Dann wär ich nämlich nie fertig geworden.

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08MAI2026
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Heute, am 8. Mai denken wir daran, dass vor 81 Jahren der 2. Weltkrieg in Deutschland zu Ende ging. Meine Mutter ist ein Kriegskind. 1944 geboren hat sie ihren Vater nie gesehen. Eines erzählt sie immer wieder: Wie sie bis tief in die 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts immer wieder mit ihrer eigenen Mutter zum Bahnhof ging. Weil immer wieder Hoffnung aufgekeimt ist, wenn Züge aus dem Osten am Bahnhof ihrer Heimatstadt Esslingen ankamen. Züge voll mit Soldaten. Ausgemergelt und doch sehnsüchtig.

Leider ist ihr Vater, mein Großvater, nie dabei. Leider gehen die beiden, Mutter und Tochter immer wieder alleine nach Hause. Dort angekommen wartet Oma Clara am Fenster. Sie hat schon das Abendessen vorbereitet. Bescheiden, aber liebevoll. Mit ein bisschen Knackwurst von den Verwandten aus Thüringen, die immer wieder mal ein Paket schicken. Nach dem Abendessen liest die Oma der kleinen Margret vor. Auf dem Sofa. „Heidi2 von Johanna Spyri. Und als die Geschichte für diesen Abend zu Ende ist - Heidi liegt weinend auf dem Bett in Frankfurt, voller Angst vor Fräulein Rottenmeier - da bricht es auch aus der kleinen Margret heraus: „Oma, ich glaub, der Papa kommt nicht mehr. Nie mehr.“

Oma Clara sagt nicht viel. „Komm mal her, mein Liebes, komm mal her.“ Und sie nimmt sie in den Arm. Die kleine Margret mag den Geruch der Oma. Ein bisschen wie Lavendel. „Komm her, mein Kleines. Heute schläfst du bei mir.“ Und dann beginnt sie zu singen: „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ und „Breit aus die Flügel, beide, o Jesu meine Freude, und nimm dein Küchlein ein. Will Satan dich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein …“
Die kleine Margret ist so froh, dass sie die Oma hat. Ihre Oma. Und sie schläft ein. Im Bett der Oma, und es riecht nach Lavendel.

Mein Großvater kam nicht mehr aus dem Krieg. Nie mehr. Es war nicht leicht. Aber eines, das hat meine Mutter wohl bis heute nicht vergessen: die Abende und die Nächte im Bett der Oma. Sie hat bis heute nicht vergessen, was es bedeutet, getröstet zu werden. Und dass jemand da war. Einfach da.

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07MAI2026
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Wir müssen reden. Wenn meine Frau das zu mir sagt, dann ist es ernst. Kurz nach Ostern war es mal wieder soweit. Es ging ums Fensterputzen. In unserem wunderbaren schwäbischen Pfarrhaus gibt es genau 38 davon. Mit Sprossen, was die Reinigung nicht leichter macht. Mir sind saubere Fenster nicht so wichtig. Meiner Frau schon. Aber das Putzen ist ihr zu viel. Deshalb: Wir müssen reden.

Gut vorbereitet ist sie in unser Gespräch gekommen. Und hat mich überrascht. Mit dem Angebot eines Fensterreinigers. 150 € für 38 Fenster mit Sprossen. Ich habe ziemlich schnell zugestimmt. Zum einen, weil ich selbst keine Lust habe, mich mit Bockleiter und Fenstertuch an die Arbeit zu machen, vor allem aber, weil ich gespürt habe, wie wichtig ihr das ist.

Wir müssen reden. Nicht nur wenn’s ums Fensterputzen geht. Immer wieder höre ich, dass unsere Gesellschaft auseinanderzubrechen droht, weil sich viele nur noch in der eigenen Blase, dem eigenen Echoraum begegnen und die anderen gar nicht mehr wahrnehmen. Und das führt dann zur Sprachlosigkeit oder dazu, dass aufeinander eingeschlagen wird, verbal und leider auch real.

Was können wir dagegen tun? Ein kleines Beispiel, das zwar zugegebenermaßen unsere Gesellschaft nicht gleich rettet, mir aber doch Mut macht: Wenn Fußball-Champions-League übertragen wird, geh ich gerne in eine Kneipe bei uns am Ort. Es wird geraucht da. Und Spielautomaten gibt’s in Hülle und Fülle. Normalerweise nicht meins. Aber dort verbindet der Fußball über alle Grenzen hinweg. Und da liegt man sich, wenn in der 89. Minute der entscheidende Treffer fällt, in den Armen. So entsteht Beziehung. Mir gefällt das. Auch weil ab und zu nach dem Spiel noch ein Gespräch entsteht. Manchmal sogar kontrovers. Und weil dann, wenn ich meine Fußballkumpels mal zufällig beim Einkaufen treffe, auch wieder geredet wird. Über Gott und die Welt.

Ja, wir müssen reden. Und die Grenzen immer wieder mal überschreiten. Und keine Angst haben, vor denen, die anders sind. Ich glaube, Jesus würde wahrscheinlich heute auch in die Fußballkneipe gehen. Denn er hatte keine Angst vor den Menschen, vor allem nicht vor denen, die anders sind oder eine andere Meinung haben. Aber das Gespräch hat er immer wieder gesucht. Und zugehört.

Gestern übrigens war der Fensterputzer da. Zum Abschied zwinkerte er mir zu. „Ich komme gerne wieder. Sie wissen ja: Happy wife, happy life…“  Die 150 € habe ich gerne bezahlt.

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