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SWR4 Abendgedanken

05MAI2023
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Vor Kurzem hat meine Mutter etwas aufgeregt aus Norddeutschland angerufen. In der Zeitung hatte sie gelesen, dass die Kirche, in der ich als Jugendliche gewesen bin, verkauft und künftig anders genutzt werden soll. Als Begegnungs- oder Kulturzentrum oder etwas in der Art. Umwidmung nennt man das, wenn eine Gemeinde sich von einem Kirchengebäude trennt. Am Telefon habe ich erst einmal geschluckt. Viele schöne Erinnerungen habe ich an diesen Ort: Fröhliche Feste, lebendige Gottesdienste, Menschen, die füreinander dagewesen sind. Diese Kirche war für mich als Jugendliche ein Ort, um über Gott und die Welt zu diskutieren: Ich habe Trost erfahren, als ein lieber Mensch gestorben ist, wurde aufgefangen. Dazu haben wir gelernt, wie Bierbänke aufgestellt werden und dass ein Chor nur auftreten kann, wenn man zusammen probt.

Es tut mir weh, dass es diesen Ort, diese Kirche, nicht mehr geben soll. Aber, ich gebe zu, dass ich beinah 30 Jahre nicht mehr dort gewesen bin. Von den Veränderungen dort habe ich wenig mitbekommen. Die Kirche dort hat sich die Entscheidung sicher nicht leicht gemacht. Aber, ich verstehe es:  zwei andere Kirchen sind gleich um die Ecke, die Kosten für alle Gebäude kann sie mit immer weniger Mitgliedern auf Dauer nicht mehr bezahlen. Veränderungen gehören zum Leben dazu. Manche sind ein Fortschritt, über die ich einfach nur froh bin, zum Beispiel wenn ich an den Besuch beim Zahnarzt denke.

Andere Veränderungen tun mir weh: Ich war gerne in dieser Kirche. Es waren richtig gute Zeiten. Heute sieht es am selben Ort mit einem realistischen Blick leider anders aus. Im Kopf kann ich das alles nachvollziehen und weiß, dass die Entscheidung dort richtig ist, im Bauch fühlt es sich noch anders an. Aber, wie es weiter geht, wie und wo ich meinen Glauben heute lebe, das liegt doch an mir. Ich habe in meiner Kirchengemeinde damals eine Menge mitbekommen, dafür bin ich dankbar. Solche besonderen Orte muss es auch heute geben, davon bin ich überzeugt. Orte, an denen der Glauben zeitgemäß gelebt wird. Diese Kirche meiner Jugend gibt es nicht mehr. Jedoch eine im Hier und Jetzt - und diese möchte ich dort, wo ich jetzt lebe, mitgestalten.

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SWR4 Abendgedanken

04MAI2023
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„Meine Koffer sind gepackt“ hat vor kurzem ein älterer Freund zu mir am Telefon gesagt. „Wenn es so weit ist, ich bin bereit zu gehen!“ Etwas flapsig habe ich ihm geantwortet „Gut! Ich finde jedoch, dass deine Koffer noch eine Zeitlang in der Ecke stehen können.“ „Schauen wir mal“ war seine Antwort und er hat gelacht.

Das Bild vom Koffer, der für die letzte Reise gepackt bereitsteht, ist mir nachgegangen. Es hat mich an die gepackte Tasche vor der Geburt meiner Kinder erinnert. Auch sie signalisierte „Ich bin bereit!“ Bereit zu sein für das Leben oder eben auch den Tod, ist ein Gedanke, der mir gefällt. Leben und Tod sind voneinander nicht zu trennen, das eine geht nicht ohne das andere. Über das Leben sprechen wir oft, wir haben Vorstellungen davon. Aber wer spricht schon über das Ende? Tod und Sterben sind , immer noch Tabuthemen.

Mein Vater hat ein Gespräch darüber verweigert. Das habe ich sehr schade gefunden. Ich hätte zum Beispiel gerne gewusst, wie er sich seine Beerdigungsfeier gewünscht hätte. Ich glaube, mein Vater hatte Angst vor dem Sterben. Darum hat er vielleicht seinen Koffer nicht packen wollen, ihn vor sich versteckt. Wie anders klingt da „Ich bin bereit zu gehen!“  - wie mein Freund es von sich sagen kann.

Gewiss am Ende weiß man nie was kommt, aber so zu leben, dass ich gehen könnte und auf eigene Weise mit mir im Reinen bin, fühlt sich für mich gut an. Meine Familie, meine besten Freunde sollen darum jetzt mitten im Leben wissen, wie wertvoll sie mir sind – hier und da sage oder schreibe ich ihnen das. Oder ich lade sie spontan ein, mit mir das Leben und den Moment zu feiern. Wer weiß schon, was morgen sein wird? Wir können auch über den Tod sprechen: Ich glaube, dass Gott mir mein Leben geschenkt hat. Wenn ich sterbe, denke ich, werde ich nicht in ein Nichts gehen, sondern setze darauf, dass ich auf eigene Weise bei Gott aufgehoben bin. Und ich würde mich freuen, wenn zum Abschied mein Lieblingschoral gesungen wird, denn der gab und gibt mir Kraft im Leben: „Wer nur den lieben Gott lässt walten, und hoffet auf ihn allezeit, den wird er wunderbar erhalten, in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut.“

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SWR4 Abendgedanken

03MAI2023
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Ich lebe gerne in einer Kleinstadt. Man kennt sich, miteinander gestaltet man das Leben. Die Vereine, der Stadtrat, die Geschäftswelt, die Kirche. Jeder hat irgendwie seinen Platz und seine Aufgabe. Man merkt, wenn jemand fehlt. In den letzten Monaten hat eine Bankfiliale geschlossen. An der Tür wird auf die nächste Filiale verwiesen, die mal eben 30 Kilometer entfernt ist – dazu der Hinweis: „Nutzen Sie gerne unsere Onlinedienste.“ Das kann ich tun, älteren Menschen fällt das schon schwerer. Auch kleine Fachgeschäfte haben in den letzten Monaten geschlossen, Sportvereine suchen händeringend Trainer, die Kirchen Ehrenamtliche. Was ist nur los?

Ich weiß, heute muss sich alles rechnen und jeder hat viel zu tun. Aber: Das Leben kann doch nicht nur im Internet stattfinden. Das Leben, das sind für mich echte Begegnungen. Das Gespräch mit der Bäckerin am Morgen, die Apothekenmitarbeiterin, die beim Lesen meines Rezeptes gleich wusste, dass mir das Medikament nicht guttun würde. Der vom Fußballverein verantwortete Maihock - das alles hat einen hohen Wert, eine eigene Lebensqualität.

Gut, hier und da knirscht es einmal, weil man sich eben kennt oder man eine lange Geschichte miteinander hat – aber man weiß sich doch verbunden und wird vor allem aufgefangen, wenn das Leben einmal schwer ist. In der Bibel heißt es an einer Stelle „Suchet der Stadt Bestes (…) und betet für sie zum Herrn; denn wenn’s ihr wohl geht, so geht’s euch auch wohl!“ – Der Gedanke gefällt mir und daran möchte ich festhalten. Das Beste einer Stadt oder auch eines Dorfes miteinander zu suchen und zu gestalten, ja, für die Menschen um mich herum zu beten und auch ganz praktisch etwas für die Gemeinschaft tun. Dazu gehört dann, dass ich die lokalen Geschäfte unterstütze, mich hier und da in eine Helfer- oder Kuchenliste eintrage und fünf Euro mehr bezahle als im Internet. Aber, da bin ich mir sicher, die zahlen sich auf ganze andere Weise ganz anders aus: Mit Nähe, mit Vertrautheit und Gemeinschaft. Allesamt Werte, die unbezahlbar sind.

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SWR4 Abendgedanken

02MAI2023
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Am Wochenende feiern wir ein großes Fest. Unsere Tochter feiert ihre Konfirmation. Oma und Opa werden anreisen, die Paten, der Neffe mit seiner Freundin, gute Freunde, ehemalige Nachbarn. Kurzum Menschen, die unserer Tochter wichtig sind. Wir alle freuen uns riesig darauf.

Dabei muss ich aufpassen, dass der Vorbereitungsstress meine Vorfreude nicht auffrisst: Gästebetten beziehen, das Essen planen, Staubsaugen - Fenster putzen. Die Liste ist lang - zu lang. Wir werden nicht alles schaffen, was wir uns vorgenommen haben. Unsere Tochter selbst geht die Vorbereitungen anders an.  Am Wochenende hat sie das Fotoalbum ihrer ersten Lebensmonate hervorgeholt. Miteinander haben wir das Album durchblättert: Haben gestaunt, wie klein sie damals gewesen ist. Ihr Start in das Leben ist alles andere als einfach gewesen: Ein paar Wochen Intensivstation zu Beginn. Dann endlich die Fahrt nach Hause. Diese Tage haben uns geprägt. Als Eltern zu erleben, wie kostbar das Leben ist – wie wenig man selbst in der Hand hat. Ich erinnere mich, wie wohltuend die Unterstützung der Krankenschwestern gewesen ist, wie der junge Oberarzt sich gekümmert hat. Die Klinikseelsorgerin hatte ein offenes Ohr für unsere Sorgen, hat unsere Tochter gesegnet, ein paar Monate später dann getauft. Auf einem Foto sind Familie und Freunde zusammen am Taufstein in der Kirche und freuen sich, dass alles gut verlaufen ist.

In ein paar Tagen werden die Menschen von dem Foto unsere Tochter wieder in die Kirche begleiten. Wir sind Gott dankbar, dass er uns unsere Tochter geschenkt hat. Die Konfirmanden haben vor Kurzem im Gottesdienst berichtet, warum ihnen der Glaube wichtig ist. Ich staune, was sie gesagt haben: Viele schätzen die Gemeinschaft in der Kirche, dass die Menschen hier festhalten am Frieden und um Gerechtigkeit ringen. Gerade jetzt, in der Ukrainekrise, ist ihnen das wichtig, dazu die Bewahrung der Schöpfung. Und unsere Tochter? Sie hat gesagt, dass sie an Gott glaubt, weil er sie zu Beginn ihres Lebens beschützt hat. Darum auch ihre Gelassenheit bei den Vorbereitungen: „Jetzt, bei der Konfirmation, will ich mich bei Gott bedanken und mit Euch allen feiern. Ob die Fenster zu Hause geputzt sind, ist doch völlig egal, Mama!“

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SWR4 Abendgedanken

01MAI2023
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Ich genieße es, jetzt hinauszugehen und die ersten Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren. Die Äste der Bäume, die vor ein paar Tagen noch kahl im Wind standen, sind nun voll von frischem Grün. Überall blüht es: weiß, rosa, gelb. Ich liebe das Leben!

Diese unglaubliche Kraft, die da in Gottes Schöpfung steckt. Wie Neues aus scheinbar Totem aufbricht. Bunt, lebendig, farbig – statt grau. In der Bibel steht: „Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“ (Jes 43,18)

Ja, manchmal erkenne ich das Neue nicht. Manchmal verharre ich im Alten, bleibe stecken in dem was ist und finde mich damit ab.

Die Bilder aus dem Ukrainekrieg, die seit über einem Jahr täglich kommen - Sie färben meine Stimmung grau, und im Laufe der Zeit ist mir die Hoffnung abhandengekommen, dass sich etwas zum Guten wenden könnte. Ich merke, es ist ein Krieg, bei dem es wieder einmal allein um Machtinteressen geht. Das Leiden der Bevölkerung auf beiden Seiten wird sich tief in das Gedächtnis der Menschen eingraben.   

Darum hat mir eine Aktion der Kirche in den vergangenen Wochen gefallen. Sie hieß „Hoffnung säen“ – Samenkörner für blaue Kornblumen und gelbe Sonnenblumen wurden verschenkt, als Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Ein Zeichen, dafür, dass man an dem Gedanken des Friedens und der Gerechtigkeit festhält – auch wenn alles so hoffnungslos und festgefahren scheint. Diese unendlichen Diskussionen während Menschen leiden, Familien um ihre Angehörigen bangen, die an der Front sind oder ihre Heimat verlassen, um in Frieden leben zu können, tun mir weh. Ich habe die Samen ausgesät. Noch ist nichts zu sehen. So ist das oft, wenn man mit etwas Neuem beginnt. Es braucht Geduld und Beharrlichkeit, am Anfang ist wenig zu erkennen. Auf den ersten Blick ist vielleicht sogar weniger da als zuvor. Aber Veränderungen sind im Leben, gerade auch im Alltag möglich. Darum und dafür bete ich – immer wieder.  Ich möchte festhalten an der Sehnsucht nach Frieden und Gottes Gerechtigkeit. Denn ich liebe das Leben.

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SWR4 Abendgedanken

13JAN2023
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Morgen werden bei uns in Wertheim die Weihnachtsbäume eingesammelt. Das ist eine bequeme Sache – Jugendliche holen die Bäume direkt vor der Haustür ab. Dafür erhalten sie eine Spende für ein soziales Projekt. Ich finde das klasse. Vor allem auch für die älteren Menschen. Einen Christbaum aufzustellen und zu schmücken ist das eine, ihn wieder aus dem Haus zu bekommen, das andere. Mein Großvater hatte damit immer ganz schön zu kämpfen, zumal es in meiner Heimatstadt diese Sammelaktionen nicht gegeben hat. Hier in unserer Region machen sich auf den Dörfern überall Jugendliche auf. Ich erinnere mich an Jahre, in denen es unheimlich schwer gewesen ist, genügend Leute zusammen zu bringen. In diesem Jahr steht das Team schon, viele möchten helfen, wurde mir gesagt. Überhaupt staune ich gerade über das Engagement der jungen Menschen in meiner Umgebung. Von wegen, da wächst eine Generation ran, die sich für nichts mehr interessiert. Ich erlebe es anders: In der Schule hat es mehrere Aktionen gegeben, bei denen Kuchen gebacken und verkauft wurde. Der Erlös war für ein Flüchtlingscafé bestimmt und nicht wie früher für die eigene Klassenfahrt.  In die Vorbereitung des Weihnachtskonzertes haben die Schüler und Lehrinnen viel, viel Zeit gesteckt. Es sollte ein schöner Abend für die ganze Schulgemeinschaft werden – der erste seit 2019. Und diese liebevolle Vorbereitung war zu alle zu spüren.  

Auch unsere Konfirmanden sind prima dabei. Sie richten jetzt, nachdem wir das beim Erntedankfest einmal miteinanderausprobiert haben, häufiger alles für einen Kaffee nach dem Gottesdienst. Ganz allein bauen sie die Tische auf, wissen, wie Kaffee- und Spülmaschine funktionieren, und, wo die Tassen stehen. Schon vor dem Gottesdienst verteilen sie wie selbstverständlich Decken an die Besucher in der Kirche, weil ja jetzt beim Heizen gespart wird. Dabei kommt es immer wieder zu Gesprächen zwischen Jung und Alt. Neulich habe ich sogar gesehen, wie eine ältere Dame und ein Konfirmand sich fröhlich von einer Straßenseite zu anderen gewunken haben.  Das hat mich unheimlich gefreut. Und ich wünsche mir für das neue Jahr, dass dieses Miteinander weiterwächst. 

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SWR4 Abendgedanken

12JAN2023
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Sie werden es kaum glauben: Ich habe ein Lieblingshaushaltsgerät. Das ist unser Staubsauger. Wir haben so ein Modell, bei dem alles, was eingesaugt wird, auch von außen zu sehen ist. Manchmal staune ich nur, was da so alles zusammenkommt, wenn ich unter den Sofas und den Teppichen sauge. Neben Bergen von Staub auch jede Menge Keks- und Chips-Krümel, gerade nach den Feiertagen, vorher war das alles gar nicht so sichtbar. Manchmal würde ich gerne mit dem Staubsauger nicht nur das Wohnzimmer saugen, sondern auch das Leben. Aller Schmutz und Dreck, alle Probleme wären Rucki Zucki weg.  

Naja, letzten Endes bleibt ein Staubsauger ein Staubsauger. Das Leben, vor allem mein Leben, muss ich schon selbst auf Vordermann bringen. Es nützt nichts, wenn ich glaube, dass andere für mich die Dinge angehen, die sich in meiner Seele aufstauen. Die Probleme auf der Arbeit, der Streit in der Familie, der Ärger mit der Freundin – sie lösen sich nicht von allein auf.  Vielleicht weiß der ein der andere gar nicht, das ich da ein Problem habe.  Hier und da unter den eigenen Seelenteppich zu schauen, lohnt sich. Das alle miteinander nur ein Herz und eine Seele sind, ist meiner Erfahrung nach unrealistisch.  Dazu sind wir Menschen zu unterschiedlich. Es ist normal und im Grunde auch gut, dass man sich auch einmal streitet. Wir sind eben verschieden, ticken ganz und gar unterschiedlich. Die Zwillinge Jakob und Esau haben nach der biblischen Überlieferung schon vor der Geburt kräftig miteinander gerangelt und noch als erwachsene Männer. Es hat lange gebraucht, bis sie ihr Miteinander geklärt haben. Ich finde es gut, wenn man es wagt, solche Situationen anzusprechen.  Im besten Fall gelingt es, das, was gewesen ist, gemeinsam anzuschauen, und kann es klären. Hier und da stellt sich dann raus, wurde etwas vielleicht einfach falsch verstanden, anderes war leider genauso gemeint. Dieses offene Ringen miteinander kann hilfreich sein. Ich lerne mich selbst in einem Streit immer auch ein wenig besser kennen. Und wenn es zu keiner Klärung kommt? Dann habe ich es probiert, mehr geht nicht. Denn wenn man Konflikten ausweicht, sie einfach nur unter dem eignen Teppich lässt, fällt man selber darüber.

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SWR4 Abendgedanken

11JAN2023
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Anfang Januar ist es und das neue Jahr liegt ganz frisch vor mir. Zeit, um die Termine für die kommenden Monate in meinen kleinen Taschenkalender einzutragen. Das ist ein kleines Ritual und mir lieber als die Termine nur im Handy zu haben. Ich sitze an unserem Esstisch, sortiere Jahresplanungen und Einladungskarten und merke beim Schreiben, dass sich die Tage und Wochen in meinem Kalender viel schneller mit Termin füllen als mir lieb ist. Im Grunde genommen ist mein Jahr schon durchgeplant, bevor es richtig begonnen hat.

Das kann doch nicht wahr sein! Es ist doch mein Kalender und mein Lebensjahr. Vor allem, schon jetzt zum Jahresbeginn ist klar, dass zu manchen Zeiten – vor und nach den Sommerferien und im Advent - alles zu viel sein wird.  Da knubbeln sich die Termine aneinander, teilweise auch übereinander. Sommerfest. Jahreshauptversammlung. Weihnachtsfeier. 

„Save the date“ heißt es da auf einer Einladungskarte „Halte dir diesen Tag schon jetzt für uns frei, damit dieser Tag schön wird“  Ja, denke ich, ich halte mir gerne Tage frei. Aber nicht mehr für alles und jedes.

„Alles hat seine Zeit“ steht in der Bibel. Ja, genau! Und darum halte ich mir in diesem noch jungen Jahr 2023 vor allen Dingen Tage für das Leben frei. Ganz bewusst. Tage für meine Familie. Für meinen Mann, für unsere beiden Kinder. Wenn sie ein besonders Konzert haben, möchte ich dieses Jahr dabei sein. Wenn meine Mutter Geburtstag hat, hat sie Geburtstag und ich werde bei ihr an der Nordsee sein und nicht auf einer Sitzung. Und dieses Jahr wird es bei uns vor dem Haus ein Hoffest geben. Darauf freue ich mich schon jetzt besonders!

Zu oft habe ich in meinem Leben die falschen Prioritäten gesetzt und mich hinterher so darüber geärgert. „Alles hat seine Zeit!“  - und alles braucht auch seine Zeit.

Zu planen ist gut und wichtig und ich mag es auch. Aber, und das ist für mich dieses Jahr neu: ich plane neben dem Planbaren einfach das Unplanbare in meinen Jahresplan mit ein, in dem ich Freiräume mit einem großen orangen Kreuz in meinem Kalender markiere. Das kann kein Computerkalender – und schließlich bin ich ja auch kein Computer, der einfach durchläuft. Ich bin gespannt, wie das Leben dann diese Freiräume mit mir füllen wird.

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SWR4 Abendgedanken

10JAN2023
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Die Christbaumkugeln sind verpackt und schon wieder im Keller. Der Weihnachtsbaum steht auf dem Hof. Unser Wohnzimmer, finde ich, sieht nach den Festtagen immer karg aus. Aber die Krippe, die steht noch. Sie darf bei uns jedes Jahr am längsten bleiben. Zumal die Heiligen Könige ja auch erst vor ein paar Tagen dort angekommen sind. Ich liebe Weihnachtskrippen und ich habe Freude daran, sie mir anzuschauen. Sie sind so verschiedenen wie ihre Hersteller oder Besitzer. Da gibt es winzig kleine in Nussschalen, kunterbunte aus Südamerika und natürlich geschnitzte Figuren aus Holz. Manche Darstellungen vom Stall von Bethlehem sind betont schlicht, bei anderen glänzt und funkelt es aus allen Ritzen. Meine Lieblingskrippe ist aus Zinn. Sie besteht aus flachen, filigranen Figuren. Sie verbiegen leider ganz leicht und brauchen darum etwas mehr Aufmerksamkeit. Das Jesuskind zum Beispiel ist von einem Strahlenkranz umgeben und liegt auf sehr feinem Stroh, um dessen Spitzen ich mich immer ein wenig sorge. Auch die Ohren des Esels sind so eine Sache. Sie lassen sich beide nicht so einfach verpacken. Ganz behutsam muss ich mit ihnen umgehen, im Grunde verabschieden wir uns dann dabei voneinander. „Geh achtsam ins neue Jahr“ „Hör gut zu, höre auch auf dein eigenes Herz.“ rufen sie mir dann zu.

Der Engel ist auf sehr eigene Weise störrisch, vor allem, was seine Flügel betrifft. In mir tönt, wenn ich ihn sehe, laut sein „Fürchte dich nicht.“ „Ja“, denke ich, „mutig will ich das Neue Jahr angehen“. Die Schafe sind sehr unkompliziert und auch die Weisen aus dem Morgenland sind das Reisen anscheinend gewohnt. Das Kamel dagegen ist stur. Immer wieder neu. Es lässt sich nicht so gern in die Schachtel stecken. Und darum wird das Kamel auch dieses Jahr wieder am Ende einen Platz auf meinem Schreibtisch bekommen. Im Laufe der Zeit haben wir beide uns angefreundet. Von seinem Platz unter der Lampe lächelt es mir dann das ganze Jahr über zu und erinnert mich an das Weihnachtsfest. Auf seinem Rücken trägt es viel Gepäck. Wohl Weihrauch, Gold und Myrre für das Kind – und, das glaube ich inzwischen, einen Jahresvorrat an Weihnachtslicht für mich. Darum, damit es für das ganze Jahr reicht, soll es auch noch ein paar Tage an der Krippe stehen dürfen.

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SWR4 Abendgedanken

09JAN2023
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Kurz vor Weihnachten hat es mich richtig erwischt. Fieber, Schüttelfrost, Husten – das volle Programm. Zuerst habe ich es nicht wahrhaben wollen. Das Kranksein hat mir nicht in den Kram gepasst und in meinen Terminkalender erst recht nicht.  „Ja, Kranksein liegt dir nicht“ hat eine Freundin von mir gefrotzelt und mir den eindringlichen Rat gegeben: „Lass es zu, lass von deinen Aufgaben los, umso schneller bist du wieder auf den Beinen.“

Ich habe natürlich nicht loslassen können. Habe stattdessen telefoniert und manches hin- und her organisiert. Irgendwann ging nichts mehr, mein Husten wurde immer schlimmer. „Lass los“, hat es in meinen Ohren getönt. Zum Glück hatten die Menschen um mich herum längst verstanden, was los war. Die Kollegen hatten meine Aufgaben schon unter sich aufgeteilt, meine Familie hat mich im Bett mit Obst versorgt, damit ich bloß nicht auf die Idee kommen würde, aufzustehen. Ja, ich war krank. Ich habe es irgendwann verstanden und die Zeichen der Unterstützung, die Pflege meiner Familie und Freunde haben mir gutgetan.

Mein Vater hat immer behauptet, dass Kranksein ein Zeichen von Schwäche sei. Das hat mich unglaublich geärgert. Vor allem, wenn meine Mutter sich durch eine Krankheit geschleppt hat, um die Familie noch zu versorgen. Die Einstellung meines Vaters hat mich doch mehr geprägt als ich gedacht habe.

Aber, ein Mensch ist aber kein Computer, bei dem man mal eben schnell auf den Reset-Knopf drücken kann und alles wieder läuft. Kranksein gehört zum Leben dazu, im Großen wie im Kleinen. Es ist sozusagen gesund, krank zu sein. Und es ist ein Zeichen von Menschlichkeit, wenn eine Krankheit nicht als Schwäche interpretiert wird. In der Bibel findet sich ein schöner Genesungswunsch. Johannes schreibt an einen Freund: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.“ (3. Joh 1,2)   Wie gut, wenn das kein frommer Wunsch bleibt, sondern auch Sie erleben dürfen, dass Sie krank sein und sich auskurieren dürfen und, dass andere Menschen dann für Sie da sind.  

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