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Dieses Wochenende ist bei uns in der Gemeinde Erstkommunion. Die Kinder haben sich festlich angezogen. Die Mädchen sind richtig stolz in ihrem weißen Kleid und die Jungs sind rausgeputzt in ihren schicken Anzügen. Alle freuen sich auf den großen Tag und sind vorher immer sehr aufgeregt deswegen.
Mir geht es ähnlich wie den Kindern. Ich freue mich mit ihnen auf das Fest und bin auch ein bisschen aufgeregt, dass alles klappt.
Ein halbes Jahr habe ich mitgeholfen, die Kinder auf den Tag vorzubereiten. Das hat mir Spaß gemacht. Nicht, weil ich den Kindern bloß Rituale und Gebete beigebracht habe. Sondern weil ich gesehen habe, wie sie als Persönlichkeiten gewachsen sind.
Ich erinnere mich da an einen Jungen im letzten Jahr, der bei den ersten Treffen so schüchtern war, dass er keinen Ton gesagt hat. Er wollte am liebsten wieder nach Hause.
Schritt für Schritt ist er in der Gruppe selbstbewusster geworden. Hat sich irgendwann auch getraut, vor einer kleinen Gruppe eine Fürbitte und kleine Gebete vorzutragen. Am Tag der Erstkommunion hat er vor einer proppevoll gefüllten Kirche längere Gebete ganz selbstbewusst und laut vorgetragen.
Ein paar Monate später ist er sogar in eine Theatergruppe gegangen und spricht jetzt ganz selbstverständlich auch große Texte auswendig vor Publikum.
Durch das Erlebnis habe ich nochmal neu für mich gelernt, was Erstkommunion bedeuten kann. Es geht ja um die Begegnung mit Jesus – ganz konkret im gebrochenen Brot. Aber auch in den alltäglichen Situationen. Ich bin überzeugt, dass die Begegnung mit Jesus in der Gemeinschaft den Jungen gestärkt hat. Dass er gespürt hat, dass er bei Jesus er selbst sein darf. Ich bin stolz auf ihn und auf die anderen Kinder, wenn sie am Tag ihrer Erstkommunion so selbstbewusst am Altar stehen.
Und ich nehme auch für mich etwas mit: Begegnung mit Jesus heißt, dass ich „Ich“ sein darf. Dass ich so sein darf wie Gott mich gedacht hat. Auch heute wieder.
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In unserer Kirchengemeinde besuchen wir immer mal wieder die älteren Gemeindemitglieder, die nicht mehr zum Gottesdienst kommen können. Mir tut es gut, wenn ich den Menschen damit eine Freude machen kann.
Vor kurzem war ich allerdings sehr ratlos bei einem Hausbesuch. Immer wieder hat mir die ältere Dame von ihrer Krankheitsgeschichte erzählt. Wie schlimm doch alles ist. Und wie traurig sie ist, dass sie nicht mehr zu den Gottesdiensten kommen kann. Ich habe die Geschichten schon von meinen letzten Besuchen bei ihr gekannt. Ihre Verwandten und eine Frau, die im Haushalt mitgeholfen hat, waren auch dabei. Die haben die Geschichten bestimmt noch viel öfter anhören müssen. Ich habe gemerkt, wie wir alle durch diese Leidensgeschichten immer bedrückter geworden sind. Wie sollte ich jetzt gut reagieren?
Aus Verlegenheit und um etwas abzulenken habe ich sie gefragt: „Wollen wir nicht ein Kirchenlied singen?“.
„Ja, ein Osterlied!“ hat sie sofort gesagt. Ihre Augen haben geleuchtet und sie war nicht mehr traurig so wie vorher. „Halleluja, Jesus lebt!“ haben wir dann alle laut gesungen und die Stimmung war verändert. Irgendwie waren wir alle durch das Osterlied auch froh geworden.
Ostern verändert meinen Blick auf das Leben. Für mich heißt Ostern auch, dass ich positive und schöne Dinge wahrnehme. Ich bin überzeugt, dass Gott mir immer wieder solche Zeichen schickt. Und er schickt sie auch dieser Frau: Klar, die Symptome ihrer Krankheit waren durch das Osterlied nicht abgeklungen, ihre Situation durchaus nicht einfach. Aber sie hat gespürt: Da geht noch was.
„Schauen Sie doch mal auf das, was Sie alles noch können!“, habe ich der Dame da gesagt. „Das ist viel mehr als alles, was nicht mehr geht. Schauen Sie mal, wie viele liebe Menschen für Sie da sind. Das sind Menschen, für die Sie wichtig sind!“.
„Und vergleichen Sie sich mit niemandem“, hat ihre Haushaltshilfe noch gesagt.
Die ältere Dame hat gelächelt und versprochen, dass sie in der nächsten Zeit mal positiver auf die Dinge schauen will. Mit dem Blick von Ostern. Ich bin gespannt, was sie bei meinem nächsten Besuch davon erzählt.
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Der 1. Mai ist ein arbeitsfreier Tag. Eigentlich paradox – ausgerechnet am „Tag der Arbeit“ haben die meisten frei!
Heute gehen Arbeitnehmer auf die Straße. Lautstark setzen sie sich mit den Gewerkschaften dafür ein, dass die Arbeitsbedingungen besser werden. Viele Menschen gehen auch auf die Straßen und Plätze unserer Städte, um für einen gerechten Lohn zu demonstrieren. Und für angemessene Arbeitszeiten. Sie geben damit auch denjenigen eine laute Stimme, die sonst einfach selbstverständlich ihre Arbeit tun. Still und ohne viel Aufhebens. Einfach so. Und manchmal auch vieles einfach runterschlucken, was ihnen Tag für Tag so zugemutet wird.
Die katholische Kirche hat auf den 1. Mai bewusst „Josef den Arbeiter“ als Gedenktag gelegt. Von Josef ist in der Bibel kein einziges Wort überliefert. Er hat einfach in aller Stille für seine Frau Maria und Jesus gesorgt. Ohne viele Worte zu machen. Ganz selbstverständlich. Und doch hat er Großes geleistet. Ohne seine Fürsorge wäre es ganz schön schlimm geworden mit Maria und Jesus.
Ich finde es gut, dass ich am 1. Mai hingewiesen werde auf all diejenigen, die irgendwie ganz selbstverständlich ihren Dienst tun. Die für mich und meine Mitmenschen da sind.
Die vielleicht sogar heute am Feiertag arbeiten, damit es mir gut geht und ich mich sicher fühle. Ich denke an die Feuerwehrleute, die Polizeibeamten, die Not- und Rettungssanitäter. Ich denke an die Ärzte und die Krankenpfleger.
Ich denke auch an die Menschen, die heute dafür sorgen, dass wir einen schönen Feiertag verbringen. Die in der Gastronomie tätig sind oder in unseren Freizeiteinrichtungen. Oder die in Bus und Bahn dafür sorgen, dass wir heute einen Ausflug machen können. Und viele viele andere kommen sicher noch dazu.
DANKE an alle, die deswegen heute Morgen schon unterwegs sind – für viele andere Menschen und für mich!
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„Ich habe jeden Abend mehr zu danken als zu meckern“. Den Weihnachtsbrief einer älteren Dame mit diesen Zeilen habe ich immer noch auf meinem Schreibtisch liegen. Im Sommer letztes Jahr war sie nur kurz von zuhause weg. Als sie wieder nach Hause gekommen ist, ist Wasser aus den Wänden gekommen. Im Obergeschoss war eine Leitung defekt. Das Wasser hatte sich wohl über Wochen seinen Weg bis in die untersten Stockwerke gesucht. „Das Chaos könnt ihr euch vorstellen“, schreibt sie. Das Haus war unbewohnbar geworden, die ältere Dame zog für Monate in ein Hotel. Und kurz vor Weihnachten kam die schöne Nachricht: Weil viele mit angepackt haben, ist sie endlich wieder in ihr Zuhause eingezogen!
Mich hat beeindruckt, dass die Frau nie geklagt hat. Sie schreibt: „Ein solches Drama gibt auch die Chance, auszumisten und wegzugegeben“. Sie wusste, dass es viel schlimmere Schicksale gibt. Und sie schreibt, was ihr Halt gibt: „Alles in Gottes Hände legen und alles in Gottes Händen lassen. Er macht es gut“. Die Dame hat nicht nur gesehen, was sie an geliebten Erinnerungen loslassen muss. Für sie war darin auch die Chance, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das hat sie innerlich freigemacht. Ihr Fundament war der Glaube an Gott und liebe Menschen, die sie unterstützen. Das hat ihr Mut gemacht, auch in ihrem Alter noch mal neu anzufangen.
Wie stark mein persönlicher Glaube gerade in einer solchen Situation wäre, weiß ich nicht. Aber ich wünsche mir, dass ich aus meinem Glauben heraus auch die Kraft habe, Altes loszulassen, das ich nicht unbedingt brauche. Und neu anzufangen. Mit der festen Überzeugung, dass ich von Gott getragen bin. Und von Menschen, die es gut mit mir meinen. Auch heute wieder.
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Haben Sie Ihren guten Vorsatz fürs neue Jahr bis heute durchgehalten? Bei mir hat das nie funktioniert. Im letzten Jahr zum Beispiel: Ab Neujahr wollte ich mehr nach draußen gehen. Wollte sportlich aktiv sein. Anfangs hat das auch wunderbar geklappt. Drei Wochen später war dann aber alles wie früher. Ich bin einfach zuhause geblieben, weil's da gemütlicher war und nicht so kalt. Der gute Vorsatz hat sich in Luft aufgelöst.
Dieses Jahr wollte ich mir den Frust ersparen und mir überhaupt keinen Vorsatz machen. Kurz vor Weihnachten haben wir dann in einer Gruppe über einen weihnachtlichen Text aus der Bibel gesprochen. Die Hirten erzählen da von ihrer Begegnung mit dem Christuskind in der Krippe. Im Text heißt es: „Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde“ (Lukas 2, 18). Da hat ein Mann aus unserer Runde gesagt: „Ich bin schon so alt, aber ich kann immer noch staunen über alles Schöne, was Gott mir schenkt“. Die Augen des Mannes strahlten. Im Leuchten seiner Augen habe ich sogar eine echte jugendliche Freude gespürt.
Wieder öfter staunen! „Das kann mein neuer Vorsatz fürs neue Jahr sein“, habe ich gleich gedacht. Und war fasziniert von diesem schönen Gedanken. Natürlich wird es in meinem Alltagstrott immer wieder Dinge geben, die ich nicht bemerke. Vielleicht weil sie für mich selbstverständlich sind. Aber trotz allem will ich wieder staunen können über unverhoffte Begegnungen oder gute Gespräche. Über ein freundliches Wort, das jemand zu mir sagt. Einfach so. Und in allem sehe ich dahinter auch die Handschrift Gottes, der mir das alles schenkt.
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„Ich bin Marxist und Christ“, hat er gesagt. Ernesto Cardenal war katholischer Priester und Politiker. Unermüdlich hat er gekämpft für die Gerechtigkeit und die Rechte der Armen. Und dabei hat er oft selbst sein Leben riskiert. Heute wäre er hundert Jahre alt geworden. In Nicaragua ist er geboren. Er hat Literatur und Theologie studiert. Hat sich in Klöster zurückgezogen und tiefsinnige Bücher über Gott und die Welt verfasst. „Die ganze Welt ist die Schönschrift Gottes“ - so hat er geschrieben.
Sein Statement war klar: Gott liebt alle Menschen. Und damit müssen auch alle gleichberechtigt sein. Aus dieser Überzeugung hat er sich aktiv an der Revolution gegen die Diktatur in seinem Land beteiligt. Nach dem Umsturz wurde er sogar Kultusminister der neuen Regierung. Als katholischer Geistlicher war es ihm allerdings nicht erlaubt, politische Ämter zu haben. Geschweige denn sich in einer Partei der sogenannten politischen „Linken“ zu engagieren!
Dass er damit gegen kirchliches Recht verstoßen hat, hat ihn Papst Johannes Paul II. sogar öffentlich spüren lassen. Bei einem Besuch in Lateinamerika im Jahr 1983 hat er ihm den Segen verweigert und ihn mit erhobenem Finger ermahnt. Kurze Zeit danach wurde er vom Priesteramt suspendiert. Erst 2019 hat Papst Franziskus das alte Urteil gegen ihn offiziell aufgehoben. Mehr als dreißig Jahre danach. „Mit Wohlwollen“, so wie es im offiziellen Schreiben heißt. Ein Jahr später starb Ernesto Cardenal im Alter von 95 Jahren.
Dass ein Mensch trotz aller Anfeindungen und äußeren Hindernisse seine innere Überzeugung leben kann, macht mir Mut. Auch für mein persönliches Wirken als Priester. Weil ich manchmal auch sehe, dass kirchliche Gesetze für manche Menschen nicht passen. Weil sie bedrücken, statt ihnen zu helfen. Die frohe Botschaft von der Liebe Gottes ist aber größer ist als alle menschlichen Gesetze. Dafür lohnt es sich zu kämpfen. Weil die Liebe Gottes zum Leben befreit.
Danke für dein Lebenszeugnis, Ernesto!
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Auf meinem Schreibtisch steht immer noch eine Karte, die ich zum Geburtstag bekommen habe: „Ich wünsche Dir unendlich viele Träume, viel Kraft und manchmal Geduld“.
Geduld! Der letzte Wunsch trifft nämlich genau ins Schwarze. Eigentlich bin ich kein besonders geduldiger Mensch. Das gilt nicht nur für die großen Träume und die kleinen Ziele in meinem Leben, die ich mir vornehme und möglichst schnell erreichen will. Es trifft für mich auch zu im normalen Alltag. Wenn ich im Supermarkt an der Schlange vor der Kasse stehe, die sich einfach nicht bewegt. Oder wenn ich auf der Autobahn plötzlich in einen Stau komme. Da werde ich nervös und ungeduldig. Und merke, wie sehr ich Geduld brauche. Um gelassener zu bleiben in Situationen, auf die ich sowieso keinen Einfluss habe.
In Italien habe ich die Gelassenheit von den Menschen gelernt. Wenn ich dort mit den italienischen Pfarrerkollegen über die fehlenden Reformen in der Kirche gesprochen habe. Oder einfach mit den Einheimischen an der Haltestelle darüber, dass der Bus wieder einmal nicht gekommen ist und auf den Nahverkehr kein Verlass ist. Meistens wurde dabei über die aktuelle Situation geschimpft und wir waren uns einig, wie einfach es doch wäre, es besser zu machen. Und meist endete das Gespräch mit dem lächelnd ausgesprochenen Wort „Pazienza“ - Geduld.
Es ist ein kleines Wort, das mir seitdem über viele Situationen hinweggeholfen hat. Pazienza – das heißt nicht, mich einfach abzufinden mit dem, wie es ist. Oder meine Träume und Wünsche zu begraben. Sie bleiben präsent und sind wichtig für mich. Pazienza - Geduld. Vielleicht ist es nur einfach noch nicht an der Zeit, dass sie Wirklichkeit werden. Ich habe von den Menschen in Italien Gelassenheit gelernt. Und die Hoffnung, dass meine Träume sich erfüllen können. Wenn nicht sofort, dann irgendwann. Mit einem Lächeln und einer kleinen Prise „Pazienza“.
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Äpfel, Trauben, Nüsse, Kartoffeln, Zwiebeln, Lauch - Die Mitglieder unserer Gemeinde waren zum Erntedankfest eingeladen, ihre persönlichen Erntegaben selbst zur Kirche zu bringen. Das bunte Arrangement vor dem Altar war herrlich anzusehen! Ich habe immer wieder die „Ahs“ und „Ohs“ gehört, wenn jemand in die Kirche hereingekommen ist.
In unserer Gemeinde gibt es eine besondere Tradition: Obst und Gemüse werden nach dem Gottesdienst direkt zur „Tafel“ gebracht. Die Erntegaben werden also gespendet an Menschen, die nichts im Überfluss haben. Die angewiesen sind auf großzügige Mitmenschen.
Danke zu sagen für das, was ich zum Leben habe, verändert aber auch mein Denken. Ich werde mir bewusst, dass ich vieles geschenkt bekommen habe. Dass ich mein Leben, meine Familie und Freunde, alles, was ich habe, nicht allein mir selbst verdanke.
Mich macht das sehr still und demütig. Wenn ich dankbar bin, wächst auch etwas in mir: Ich werde großzügiger gegenüber meinen Mitmenschen. Bin bereit, auch mal etwas zu teilen. Nicht nur Essen und Trinken, sondern auch die Gaben, die in mir sind. Meine Talente, meine Fähigkeiten. Auch die sind mir schließlich geschenkt. Ich kann sie einsetzen zum Wohl meiner Mitmenschen. Jesus hat genau das vorgelebt. Er hat sein Leben mit anderen geteilt. DENKEN an das, was mir geschenkt ist. Und DANKEN. Das verändert meine Sicht. Wenn ich das zulasse, dann passiert Erntedank – auch und gerade in mir selbst.
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Lena ist nur 17 Jahre alt geworden. Seit ihrer Geburt war sie schwerstbehindert. Sie war blind und konnte auch nicht selbstständig gehen. Durch eine Magensonde wurde sie ernährt, weil ihr das Schlucken zu schwer viel. Richtig sprechen konnte sie nicht. Und doch hat sie deutlich machen können, wenn ihr etwas gut gefallen hat – oder eben auch, wenn ihr etwas nicht gepasst hat. Hören konnte sie unglaublich gut. Für Musik war sie immer zu begeistern. Besonders, wenn sie so richtig laut aufgedreht wurde.
Es hat mich beeindruckt, wie liebevoll sich Lenas Mutter um ihre schwerbehinderte Tochter gekümmert hat: „Für mich war das selbstverständlich“, hat sie gesagt. „Eigentlich war es Lena, die mir viel beigebracht hat. Sie hat mir gezeigt, wie man sich ohne Worte versteht. Auch als ich sie wegen der besseren Betreuung in eine Klinik geben musste, habe ich immer gewusst, wie es ihr geht und wie sie sich fühlt. Obwohl ich sie nicht jeden Tag sehen konnte. Und jetzt, nach ihrem Tod, fühle ich sie ganz nah bei mir. Eigentlich noch viel mehr, als sie es vorher war.“
Nach dem Gespräch mit Lenas Mutter war ich tief gerührt. Lena und ihre Mutter waren so eng miteinander verbunden. Sie hatten ohne Worte, ohne einen Blick, eine so tiefe Beziehung miteinander, dass sie nicht einmal der Tod trennen konnte. Das war auch bei der Trauerfeier zu spüren. Es war eine Feier voll Licht und Leben. Und Lena war ganz präsent in unserer Mitte. Sie hat uns mit hineingenommen in ihr Leben. Durch Lena habe ich nochmal gespürt, was Auferstehung heißen kann: Die Beziehung, die ich hier und heute zu meinen Lieben habe, bleibt! Sogar bis hinein in die Ewigkeit. Danke, Lena!
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„Herr Pfarrer, entschuldigen Sie bitte. Auch wenn Sie immer die richtigen Worte zum Abschied gefunden haben, möchte ich doch mit meinen Worten Tschüss sagen“.
Als ich den Umschlag mit diesen Zeilen öffnete, war ich baff. Der Mann, der diese Zeilen geschrieben hat, war ein paar Monate zuvor bei uns im Pfarrbüro. Er gab einen Umschlag zur Verwahrung ab. Nach seinem Tod erst sollte er geöffnet werden. Und darin war seine Trauerrede, die er selbst geschrieben hat.
Von der Familie des Mannes habe ich erfahren, dass er ein Jahr zuvor eine schlimme Diagnose bekommen hat. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit. Und in dieser Zeit hat er an seiner eigenen Beerdigungsrede geschrieben. Hat immer wieder daran gefeilt, viele Monate lang. Und das anscheinend mit Freude, denn er schreibt: „Es ist erstaunlich, welch wunderbare Augenblicke einem in den Sinn kommen, wenn man über sein Leben nachdenkt. Eigentlich ist es schade, dass man wartet, bis die Lebenszeit zu Ende geht“.
Als ich seine Rede in der Trauerhalle vorgetragen habe, war er durch seine Worte ganz präsent. Er hat sich bei allen seinen Weggefährten bedankt, die er in seinem Leben kennengelernt hat. Stolz war er auf seine Kinder: „Das Ergebnis ist großartig. Das hätte ich schon viel früher und viel öfter sagen müssen. Sorry dafür.“
Die Ansprache des Mannes begleitet mich seit einigen Monaten. Immer wieder fallen mir Sätze daraus ein. Die erste Zeile hat mich am meisten beeindruckt: „Ich gehe als zufriedener Mensch […]. Ich kann gehen, ohne das Gefühl zu haben, ich hätte irgendetwas verpasst“. Ich frage mich deshalb seit einiger Zeit auch ganz bewusst: Was kann ich heute tun, dass ich am Ende dieses Tages „als zufriedener Mensch“ ins Bett gehen kann?
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