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SWR Kultur Wort zum Tag

11MRZ2026
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Jetzt, nach einem langen Winter und den tollen Tagen, war es wieder einmal nötig: Ich musste Bürgersteig und Straße fegen. Altes Laub im Rinnstein, Bonbonpapiere, ein nasses Taschentuch, Splitt vom letzten Glatteis. Was sich halt so in ein paar Wochen ansammelt. Also hab ich mir morgens einen Besen genommen und gefegt. Das Wetter war mies. Es hat geregnet. Egal, denn nach der Aktion sahen Gehweg und Straße besser aus.

Ich gebe zu, es hat mir Spaß gemacht. Frische Luft und nachher sieht alles aufgeräumt aus. Das hat was. Haben auch schon andere so gesehen. So hat man früher die Wege saubergemacht, wenn der König oder die Königin kamen. Hat Blumen, Teppiche, Umhänge auf die Straße gelegt, dass die hohen Herren und Damen nicht durch den Matsch gehen mussten.

Auch in der Bibel taucht das auf. Da macht sich Jesus nach Jerusalem auf und als er dort ankommt, legen viele Leute Kleider vor ihm auf den Weg (Lukas 19,28–40). Behandeln ihn wie einen König. Sagen: Du bist uns wichtig. Du sollst statt durch Dreck wie auf Wolken gehen.

Daran muss ich denken, wenn ich meinen Besen schwinge. Klar, hier kommen keine Könige vorbei. Aber andere Menschen. Nachbarn, Passanten, Besucherinnen, die Briefträgerin, Eltern mit Kinderwagen. Den Weg sauber machen, das kann da sagen: Ihr seid in meinen Augen wie Könige und Königinnen. Und mein gefegter Gehsteig zeigt: Du bist mir wichtig. Als Mensch.

Auch daran denke ich, wenn ich im Regen den Gehweg fege. Dass jedem Menschen Achtung zukommt. Dass vor Gott jeder Mensch ein König, eine Königin ist. Ein sauberer Gehweg kann davon erzählen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

10MRZ2026
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Da sitze ich bei der Zahnärztin auf dem Stuhl und weiß mal wieder nicht, was mich erwartet. Dabei ist es nur ein Routinetermin. Kontrolle und Reinigung. Eigentlich kein Problem. Und trotzdem merke ich meine Anspannung. Sicher auch, weil ich so machtlos bin. Einfach die Kontrolle in einer Situation abgeben, das fällt mir schwer. Zum Glück ist die Behandlung harmlos.

Hinterher geht mir die Situation bei der Zahnärztin noch nach. Denn dass ich machtlos bin, auf andere angewiesen bin, das passt kaum zu dem, wie ich und sicher die meisten Menschen heute leben. Wir wollen unser Leben selbst bestimmen. Selbst in der Hand haben, was wir tun und was nicht. Aber auf dem Zahnarztstuhl, da habe ich nichts in der Hand. Da liegt mein Schicksal in den Händen anderer. Wie in vielen anderen Bereichen. Bei Krankheit und Gesundheit, bei Schicksalsschlägen: Überall da kann ich nur wenig machen. Auch bei alltäglichen Dingen habe ich es nicht in der Hand: Dass das Brot, das ist esse, vom Bäcker gut gemacht ist – darauf muss ich vertrauen. Dass das richtige Benzin aus dem Zapfhahn kommt – muss ich glauben. Dass ich als Fahrradfahrer im Verkehr gut gesehen werde – muss ich hoffen.

Für mich ist das auch ein spirituelles Thema. Gott ist für mich auch eine Chiffre dafür, dass ich vieles in meinem Leben nicht bestimmen kann. Dass meine Macht begrenzt ist. Nicht umsonst wird Gott in vielen Religionen der Welt groß gedacht. Gott, das heißt das, reicht weiter als mein Leben. Was vor mir war und was nach mir kommt – auch darauf habe ich keinen Einfluss. Für mich heißt das: Ich muss akzeptieren, dass ich, dass mein Leben, meine Macht, meine Fähigkeiten begrenzt sind. Und ich muss immer wieder neu Vertrauen lernen. Darauf, dass die Menschen, mit denen ich zu tun habe und auf die ich angewiesen bin, gut zu mir sind. So wie meine Zahnärztin. Und da kann ich auch erleben: Ich kann Macht abgeben und trotzdem geht das ganz oft gut.

Thomas Weißer aus Budenheim bei Mainz von der Katholischen Kirche

 

 

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SWR Kultur Wort zum Tag

09MRZ2026
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Mich hat das immer berührt, wenn da bei den olympischen Winterspielen die deutsche Fahne geschwenkt wurde. Schwarz-rot-gold, das sind auch meine Farben. Dabei sind die ganz schön alt. Heute, vor fast 180 Jahren, am 9. März 1848 legte der Bundestag des Deutschen Bundes Schwarz, Rot und Gold als offizielle Farben fest.

Schon im Mittelalter gibt’s diese Farbenkombination. So findet sich auf dem Banner des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation ein schwarzer Adler mit rotem Schnabel und Krallen auf einem Goldgrund. Auch als die französische Revolution Deutschland erreicht, da schwenken die deutschen Revolutionäre die dreifarbige Flagge. Sie steht für Demokratie und Bürgerrechte und Freiheit.

Kein Wunder, dass die Nazis schon 1933 die Fahne abschaffen. Mit der deutschen Freiheitsbewegung und einer demokratischen Republik wollte das NS-Regime nichts zu tun haben. Und gerade, weil die Nazis so besessen von Flaggen und Fahnenaufmärschen waren, weil sie den Begriff der Nation missbraucht haben, halten sich bis heute viele Deutsche zurück, wenn es um die Nationalfahne geht.

Auf der anderen Seite heißt es zu Recht: Flagge zeigen. Meint: Offen seinen Standpunkt zeigen. Zu einer Sache stehen. Das sorgt dafür, dass sich andere dieser Meinung anschließen können.

Flaggen haben deshalb auch eine identitätsstiftende Bedeutung. Wenn ich also die deutsche Flagge zeige, dann zeige ich immer auch: Ich stehe für eine Demokratie, in der Freiheit und Freiheitsrechte zentral sind. Es ist eine Flagge, unter der sich alle Menschen versammeln dürfen, die hier leben. Schwarz-rot-gold färbt unsere Gesellschaft mit einem Gedanken ein: Dass jeder Mensch, ungeachtet seiner Herkunft, seiner Hautfarbe, seines Geschlechts, seiner Religion oder seiner Sprache gleiche Rechte besitzt. All das findet sich in den drei Farben der deutschen Flagge wieder. Sie sagen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Das finde ich einen guten Grund, die Flagge zu schwenken. Nicht nur bei den olympischen Winterspielen.

 

 

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SWR4 Sonntagsgedanken

08MRZ2026
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Aus dem Brunnen …

Ich erinnere mich noch sehr genau an diese Bergwanderung. Wir sind früh aufgebrochen, wollten bis zum Gipfel und dann wieder zurück. Im Dunklen sind wir losgegangen. Doch schon bald brannte die Sonne unglaublich auf der Haut. Zum Glück hatten wir Wasser dabei. Aber nicht genug, wie sich bald herausstellte. Der Rückweg war echt hart: Wie ausgetrocknet habe ich mich gefühlt. Und dann war da dieses kleine Rinnsal, das aus dem Felsen kam. Mit den Händen habe ich eine Schale geformt und getrunken. Köstliches Nass. Belebend. Danach fiel der Rest des Weges ziemlich leicht. Noch heute, wenn ich daran denke, hab ich diesen Geschmack von Bergwasser auf der Zunge.

Viele Menschen auf der ganzen Welt erleben noch viel existentieller, wie das ist, wenn zu wenig Wasser da ist. Sie leben in Dürrezonen: Regionen, in denen es zu wenig lebensnotwendiges Wasser für alle Lebewesen gibt. Das führt dazu, dass Obst und Gemüse nicht wachsen können. Da verdursten Pflanzen und Tiere.

Wasser ist lebensnotwendig. Davon erzählt auch eine biblische Geschichte. Da treffen sich Jesus und eine Frau. An einem Brunnen. Dem Ort, an dem es um Wasser geht. Die Frau will dort ihren Krug füllen. Die beiden kommen ins Gespräch, unterhalten sich über die Kraft des Wassers. Wasser, da sind sich die Frau und Jesus einig, ist Leben. Aber Wasser steht für mehr. Für die Frage: Wonach habe ich eigentlich Durst? Und bei beiden wird schnell klar: Durst haben, sich sehnen nach, sich etwas wünschen und erhoffen, das tun alle Menschen. Das spürt wohl jede und jeder: Dass es mehr gibt als das, was im Moment da ist. Und so sprechen die Frau am Brunnen und Jesus über diesen Durst, der mit Wasser nicht zu stillen ist. Aber sie sprechen nicht nur. Im Gespräch kommen sie sich näher. Erfahren voneinander, spüren Nähe, bauen eine Beziehung auf. Aus Fremden werden Menschen, die sich verstehen. Danach dürsten viele Menschen. Jesus und die Frau am Brunnen zeigen, wie dieser Durst gestillt werden kann. Durch aufeinander zugehen, durch Zuhören, durch Nachfragen.

 

… Leben schöpfen

Durst ist sicher eines der elementarsten Gefühle. Durst muss befriedigt werden, damit wir überleben. Menschen halten es lange aus ohne Nahrung. Doch ohne zu trinken, wird die Lage schnell lebensbedrohlich. Wenn ich also Durst habe, dann muss ich was trinken.

Was aber, wenn es beim Durst nicht um einen rein körperlichen Mangel geht? Denn wenn ich sage, dass ich Durst habe, dann kann das auch für eine Sehnsucht stehen. Es geht da um emotionale Nahrung. Um das, was für das Leben wichtig ist. Durst nach Beziehung, nach Anerkennung, nach innerer Reife.

Ich sehne mich nach einem Gespräch, nach einer Umarmung, nach einem Schritt nach vorne, danach, dass ich endlich etwas besser kann. Sehnsucht, das ist ein Wort wie für die Fastenzeit gemacht. Die vierzig Tage, die auf Ostern hinführen. Fasten heißt ursprünglich: festhalten. Merkwürdig. Denn beim Fasten will ich ja eigentlich eher was loswerden. Gewicht, Gewohnheiten, alltägliche Süchte wie Rauchen oder Social Media. Doch in der religiös geprägten Fastenzeit geht es um das Festhalten an den Geboten, die für die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern gelten. Das Gebot, kein Fleisch zu essen etwa.

Fasten hat aber auch im übertragenen Sinn mit Festhalten zu tun. Der Gedanke: Nur wer sich an etwas festhält, der kann auch etwas loslassen. Wenn ich mich nach einem echten Gespräch sehne, wenn ich danach Durst habe, dann kann icheinfacher auf die Zeit verzichten, die ich sonst im Internet verbringe. Wenn ich Sehnsucht nach einer gerechteren Welt habe, dann kann ich vielleicht leichter etwas von dem abgeben, was ich habe – aus Solidarität mit anderen Menschen. Wenn ich mich als Mensch verändern will, dann kann ich den ersten Schritt tun, um mich von alten Gewohnheiten zu lösen.

Von dem Theologen Augustinus stammt der Satz: „Der Mensch ist Sehnsucht nach Gott“. Das verweist auf einem wichtigen Punkt: Mit meinen Sehnsüchten schaue ich auf etwas, das ich noch nicht habe. Das außerhalb von mir liegt. Und entdecke so vielleicht eher, was ich festhalten will und was ich loslassen kann. Darum geht es – auch – in der Fastenzeit.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

08FEB2026
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Ich erlebe immer wieder: Manche Lieder haben ihre Zeit. Die singe ich oder höre ich und dann verschwinden sie wieder für lange. Aber plötzlich tauchen sie wieder auf. John Lennons »Give peace a chance« höre ich in letzter Zeit immer wieder im Radio. Auch mit dem Lied »Friedensnetz« geht mir das auch so. Das habe ich als Jugendlicher gesungen. Der Refrain war für mich wahr. Ja, wir zu Hause, bei den Pfadfindern, aber auch überall auf der ganzen Welt, wir „knüpfen aufeinander zu, wir knüpfen aneinander an, wir knüpfen miteinander, ein Friedensnetz.“ Und wir haben das auch gemacht im Gottesdienst. Netze geknüpft, uns verbunden, Frieden geteilt.

 

Musik

 

Heute denke ich: Warum habe ich bei den Strophen eigentlich so wenig zugehört? Da steht schon alles drin, was auch heute Sorgen macht. Dass Menschen gucken, wie sie das meiste aus ihrem Netz holen können. Dass viele nur ihren Fang im Blick haben. Nur das sehen, was für sie rausspringt. Klingt sehr moralisch – ist es auch. Ich erlebe das vor allem auf staatlicher Ebene: Krieg wird geführt – für die eigenen Interessen. Um das eigene Netz vollzumachen. Sich verbinden, gemeinsam an einem Netz knüpfen, den Frieden einfangen? Fehlanzeige.

 

Musik

 

Frieden, das scheint im Moment gängige Meinung zu sein, Frieden ist ein naiver Gedanke. Der Krieg in der Ukraine, die jahrzehntelangen Konflikte im Nahen Osten, die imperialen Gelüste der USA, die machen deutlich, dass es viele gibt, die an Frieden nicht interessiert sind. Davon spricht auch der Song »Friedensnetz«. Denn der cantus firmus in diesem Lied ist die Frage: „Wer denkt da an Frieden? Wer denkt an Shalom?“ Und wenn das Christinnen und Christen singen, dann erinnern sie daran, dass auch der christliche Glaube oftmals unfriedlich war: Im Namen des Glaubens wurden Andersglaubende getötet, Kriege geführt, Menschen versklavt und verfolgt. Frieden, das heißt auch, seine eigene Schuld in den Blick zu nehmen. Die gerissenen Fäden anzusehen, die man selbst hinterlassen hat.

 

Musik

 

Die Musik von Peter Janssens zu dem Text von Hans-Jürgen Netz bringt die ganze Zerrissenheit in Sachen Frieden auf den Punkt: Ich höre Anklänge an jüdische Volksmusik, höre den unruhigen Rhythmus, die Wechsel im Tempo. Dass der Frieden eben aus dünnen Fäden gewoben wird, reißen kann, das fängt die Musik ein. Und wird zugleich von einem unglaublichen Optimismus getragen: Immer dann, wenn es zum Refrain geht, denke ich, Ja, Frieden muss doch möglich sein.

 

Musik

 

Friedensnetz ist ein Hoffnungssong. Den ich mir und anderen zusingen kann. Der die Hoffnung weiterträgt, dass es bei allem Unfrieden eben auch Menschen gibt, die unbeirrt am Shalom, am Frieden arbeiten. Die im Alltag Frieden machen: Ein freundlicher Gruß im Straßenverkehr, ein Lächeln in der Straßenbahn, ein Anruf, der dem anderen das Herz wärmt. Überall lässt sich dieses Netz des Friedens knüpfen.

 

Text: Hans-Jürgen Netz (1975)

Melodie: Peter Janssens (1975)

 

Musik

01 Peter Janssens, Meine Lieder (von: Das Gesangsorchester Peter Janssens), In:

Peter Janssens Musik Verlag, Telgte, CD 1074 (1994), LC 4679

02 Lieder Zum Mitsingen(mit Peter Janssens Gesangsorchester); tvd Verlag Düsseldorf, tvd 7903 (1979), LC 5648

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

04FEB2026
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So früh am Morgen denke ich: Das wird wahrscheinlich wieder ein ganz gewöhnlicher Tag heute. Ähnlich wie der gestern oder vorgestern. Das geht sicher vielen von ihnen genauso. Aufstehen und Zähneputzen, Frühstücken und zur Arbeit. Oder sich um Kinder kümmern, einkaufen, kochen. Aber auch zu Hause sein, sich um alles kümmern, was so anliegt.

Klingt ziemlich langweilig, wenn ich das so aufzähle. Kann auch so sein. Wenn was immer gleich abläuft, immer ähnlich ist, dann droht die Langeweile. Deshalb gilt für viele auch: Nur das Neue, das Überraschende, das Andere, das ist interessant und spannend.

Aber ich erlebe auch: Es tut gut, wenn sich Abläufe und Dinge wiederholen, wenn etwas vertraut ist. Ich brauche dann gar nicht nachzudenken. Morgens Zahnpasta auf die Bürste und putzen, das kann ich sogar, wenn ich fast noch schlafe. Mein Fahrrad findet quasi den Weg zum Arbeitsplatz von allein. Ich laufe, ohne lange nachzudenken zum Supermarkt. Leben auf Autopilot. Zum Glück. Denn es wäre ja auch anstrengend, wenn alles immer neu und unbekannt ist. Ist etwas vertraut und selbstverständlich, dann gibt mir das Sicherheit.

Deshalb setzen auch die Religionen der Welt auf die Kraft der Wiederholung. In Ritualen und Gottesdiensten wiederholen sich Texte, Melodien, Handlungen. Das gibt Sicherheit. Und verbindet die Menschen. Weil alle wissen, wie ein Gottesdienst abläuft. Oder wie das Vater unser geht.

Gerade in der Routine – im Alltag und im Glauben – steckt zudem die Möglichkeit, dass ich überhaupt erst etwas Neues wahrnehme. Weil ich den Weg zur Arbeit ohne nachzudenken fahre, sehe ich das schimmernde Eis an den Bäumen. Weil ich einfach so die Zähne putze, fällt mir plötzlich eine Lösung für mein Terminproblem ein. Erst die Routine, das Vertraute macht einen ganz gewöhnlichen Tag offen für das Ungewöhnliche.

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

03FEB2026
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Ich gehöre zu der Sorte von Menschen, die gerne alles planen. Monate vor den Ferien suche ich auf der Karte die Stationen für unsere Fahrradroute im Sommer raus. Ich lege Listen an, wenn wir das Bad renovieren. Ich buche jetzt schon eine Unterkunft, obwohl wir unseren Sohn erst im Herbst besuchen. Online führe ich eine To-Do-Liste, die ich Tag für Tag abarbeite. Das hilft mir, meinen Tag und mein Leben zu strukturieren.

Aber ich weiß ganz genau: Das Leben ist nicht bis ins Letzte planbar. Immer kommt irgendwas dazwischen. Oft sind das Kleinigkeiten: Ein Anruf, eine Nachricht – und ich muss meine Planung umwerfen. Wenn ich krank werde, wars das mit den Zielen für die nächsten Tage. Und dann können auch große Schicksalsschläge alles über den Haufen werfen: Ein Unfall, ein überraschender Todesfall. In anderen Teilen der Erde sind es Krieg, Hunger und Kälte: Da geht’s ums Überleben. Nicht um Pläne.

Schon ganz früh in der Geschichte haben Menschen auch deshalb Kraft und Trost in der Religion gesucht. Haben zu Göttern gebetet, Opfer gebracht, Lichter angezündet, getanzt und gesungen. Heute geht man zur Ärztin, schließt Versicherungen ab, macht Verträge.

Aber trotz all dem gibt es immer wieder Momente, Ereignisse, Zufälle, die das Leben aus der Bahn werfen. Dann kann ich nicht viel mehr machen, als damit umzugehen. Muss lernen, mit der Krankheit zu leben, muss mich mit dem Verlust abfinden, mit dem Tod. Ich mache die Erfahrung: Andere Menschen sind da wichtig. Die mich begleiten – oder die ich begleiten kann. Mit denen ich reden kann. Die mir zuhören oder denen ich ein guter Zuhörer sein kann. Der andere Mensch kann ein Lichtblick sein, gerade dann, wenn alle Pläne über den Haufen geworfen werden.

 

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Anstöße SWR1 RP / Morgengedanken SWR4 RP

02FEB2026
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Am ersten Weihnachtsfeiertag lagen abends schon Weihnachtsbäume am Straßenrand. Ohne Lichter und Kugeln. So schnell war der weihnachtliche Glanz verflogen. Dabei wird erst heute, vierzig Tage später, die letzte Weihnachtsgeschichte erzählt. Am Fest der Darstellung Jesu im Tempel. Im Volksmund heißt es Mariä Lichtmess.

Die Story: Maria und Josef reisen mit ihrem neugeborenen Kind nach Jerusalem. Im Tempel wollen sie ihr Kind sozusagen Gott vorstellen, es darstellen, wie es in der Bibel heißt. Sie wollen nach altem Brauch für die Geburt danken. Später hat man das mit Lichterprozessionen im Gottesdienst gefeiert. Deshalb: Lichtmess.

Das Licht spielt in der Tat auch in dieser letzten Weihnachtsgeschichte eine wichtige Rolle. Denn in der Bibel wird erzählt: Maria und Josef treffen mit ihrem Baby auf zwei alte Menschen. Simeon und Hanna. Die beiden erkennen, dass sie da ein besonderes Kind vor sich haben. Simeon sagt: Das Kind ist das Licht, das die Welt erleuchtet. Ziemlich erstaunlich: Denn dieses Kind ist eigentlich ein ganz normales Kind. Angewiesen wie alle Kinder auf die Liebe seiner Eltern, auf saubere Windeln, auf Muttermilch und warme Kleidung.

Auf vielen Bildern trägt dieses Kind später einen Heiligenschein, sieht erwachsen aus, hat nicht viel von einem neugeborenen Säugling an sich. Das Fest der Darstellung Jesu lenkt den Blick aber gerade auf das menschliche Kind. Und Simeon und Hanna sehen, dass sich in diesem Kind Gott zu erkennen gibt. Ohne Macht, ohne Geld, ohne Armeen. Gott zeigt sich anders: Im verletzlichen und schutzbedürftigen Kind. Das auf andere angewiesen ist. Liebe und Hilfe braucht auf seinem Weg ins Leben. Das heißt: Gott zeigt sich da, wo das Leben anfängt. Wo Neues beginnt. Und wo dieses Neue beschützt und umsorgt wird.

Dafür kann ich heute nochmal eine letzte Weihnachtskerze anzünden. Und ein weihnachtliches Gefühl mit in diesen Tag nehmen.

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SWR Kultur Wort zum Tag

03JAN2026
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Ganz egal, wie dunkel oder trüb der Morgen heute auch sein mag. Heute sind wir alle Sonnenkinder. Denn heute erreicht die Erde bei ihrer Reise um die Sonne den sonnennächsten Punkt. Ok. Es, es sind immer noch 147,1 Millionen Kilometer. Aber im Sommer sind es 5 Millionen Kilometer mehr.

Der Sonne am nächsten. Das erinnert mich an die Sage von Ikarus und Dädalus.

Beide, Sohn und Vater, stecken schon lange im Gefängnis. Da erfindet Dädalus einen Flugapparat. Er baut aus Stangen, aus Federn und Wachs Flügel für sich und seinen Sohn. Bevor sie starten, warnt er seinen Sohn Ikarus: Flieg nicht zu hoch, sonst schmilzt das Wachs. Sie fliegen los. Aber dann wird Ikarus übermütig, steigt hoch und höher – und die Sonne schmilzt das Wachs. Ikarus stürzt ins Meer. Der Übermut bringt Ikarus um, so wird diese Geschichte meist interpretiert. Heute lässt sie sich auch als Beispiel dafür lesen, wie anfällig menschliche Technik ist. Wir vertrauen ihr blind – und dann lässt sie uns im Stich. Die digitale Landkarte, die einen auf falsche Straßen führt; der Computer, der mitten in der Arbeit abstürzt.

Auch im jüdisch-christlichen Glauben spielt die Sonne eine zentrale Rolle. In einem Psalm heißt es »Du hast der Sonne ihre Bahn gegeben« (Ps 74,19). Ein Satz, der der Sonne ihren Platz zuweist. Gott herrscht über die Sonne, hat sie erschaffen und auf ihre Bahn gestellt. Die Sonne ist aber auch ein Hoffnungsbild. »Euch soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit und Heil unter ihren Flügeln,« (Mal 3,20) schreibt der biblische Prophet Maleachi. Die wärmende Sonne beendet die Nacht und das Dunkel. Sie geht auf für alle Menschen. Steht für Gerechtigkeit und Frieden.

Ich versuche beides zusammenzudenken. Dass die Sonne, wie bei Ikarus, gefährlich ist. Heute stehen dafür Sonnenbrand und Hautkrebs, Dürre und Hitzeperioden. Und wie gut die Sonne ist. Sie wärmt mich und belebt mich. Sie macht mich dankbar als Teil der Schöpfung. Sie ist ein Bild für Gerechtigkeit und Verlässlichkeit. Ganz egal, wie nah wir ihr sind.

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SWR Kultur Wort zum Tag

02JAN2026
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„Siehe, ich mache alles neu.“ Das ist die Jahreslosung 2026 der christlichen Kirchen. Jahr für Jahr wählt eine Ökumenische Arbeitsgemeinschaft dieses Jahresmotto aus.

„Siehe, ich mache alles neu.“ Der Satz stammt aus dem letzten Buch der Bibel. Dem Buch der Offenbarung. Manchmal wird auch von der Apokalypse des Johannes gesprochen. Das ist der Autor und er beschreibt in seinem Buch das Ende der Welt. Doch das wird verbunden mit der Hoffnung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Mit der Hoffnung, dass alles neu wird.

Die Offenbarung wird Ende des ersten Jahrhunderts im Westen der heutigen Türkei aufgeschrieben. Der römische Kaiser lässt sich damals als Gott verehren – und droht allen mit dem Tod, die das nicht tun. Dass die Christen das nicht können, liegt auf der Hand. Sie verehren einen anderen Gott. In dieser Situation trifft das Buch einen Nerv. Es tröstet die verfolgten Christinnen und Christen. Es sagt: Diese Welt voller Angst und Tod, die wird untergehen. Gott macht alles neu.

Auch heute erscheint vieles bedrohlich. Die Weltlage, Kriege und Klimakatastrophe. Und auch im Privaten gibt es diese Umbrüche. Beziehungen zerbrechen, die Berufswelt ändert sich rasant, Kirchen müssen mit Mitgliederschwund und ihrer Glaubwürdigkeit kämpfen.

„Siehe, ich mache alles neu.“ Das ist ein Satz, der die Blickrichtung wechselt. Macht deutlich: Es geht nicht nur um meine Vorstellungen, was ich alles tun kann. Um meine Pläne. Der Neuanfang, so sagt Johannes, liegt nicht allein bei mir. Das Heil der Welt hängt nicht von mir ab.

Ich finde das tröstlich. Und das macht mich frei. Frei für die wenigen Dinge, die ich tatsächlich tun kann. Neuanfang da, wo es im Kleinen möglich ist: Mich zurücknehmen, wenn ich genervt bin; mal zuhören, wenn andere etwas sagen und nicht direkt nach Antworten und Lösungen suchen; Dinge schon früher anpacken und nicht erst, wenn höchste Eisenbahn ist; sagen, wenn mir was unter den Nägeln brennt und nicht alles runterschlucken. So kann auch ich Neues schaffen – den Rest kann ich Gott überlassen.

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