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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Viele Leute schauen sich im Urlaub gerne Kirchen an. Ich auch.
Es interessiert mich, welche Art von Kirchen die Menschen an meinem Urlaubsort gebaut haben.
Jede Kirche erzählt ihre Geschichte. Auch über die Menschen, die sie gebaut haben. Die kleine evangelische Kirche am Ortsrand - sie erzählt von den zugezogenen Evangelischen. Damals, nach dem Krieg haben sie sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit gebaut. Das ist eine Kirchen-geschichte, genau so interessant wie die des Petersdoms in Rom, mit all seinen verschiedenen Bauphasen und all seiner Pracht.
In der einen Kirche wurden Könige gekrönt und haben Königskinder geheiratet.
In der anderen haben die Handwerkerfamilien im Ort zusammengelegt und die Kirchenfenster gestiftet nach einem großen Brand. Viele dieser Kirchen-Geschichten verrät mir mein Reiseführer.
Manchmal aber, da passiert noch mehr. Dann bin ich plötzlich nicht mehr nur als Touristin in dieser Kirche.
Manchmal erfasst mich in einer Kirche die Ahnung, dass Gott da ist: in dieser Größe und Erhabenheit und Farbenpracht oder in der Stille, im Licht oder der angenehmen Kühle. Ich glaube, man spürt es Räumen ab, wenn in ihnen viel gebetet wird.
Aber wenn Kirchen reine Museen geworden sind, dann fehlt ihnen dieses gewisse Etwas an Atmosphäre.
Manche Menschen aber sind empfindlich gegen zu viel Schönheit, zu viel Schmuck und Pomp. Sie finden, das lenkt sie eher ab von Gott. Zu ihnen gehörten auch Reformatoren; Luther zum Beispiel oder Calvin und Zwingli. Sie sagten: Schmuck und Architektur sind doch nicht das Eigentliche. Das Eigentliche, das in einer Kirche geschehen soll, ist das, was zwischen Gott und den Menschen passiert.
Wenn Gott mit den Menschen redet, durch ein Bibelwort, von dem sie merken, das hat etwas mit mir zu tun, das ist wichtig für mich und mein Leben. Und entscheidend ist auch, dass die Menschen mit Gott reden, wenn sie singen und beten. Das soll in einer Kirche geschehen: das, was zwischen Gott und den Menschen geschieht.
Ich finde, beides stimmt. Ein besonders schöner Kirchenraum kann ablenken. Er kann aber auch helfen, leichter aus der Alltagsroutine heraus kommen. Mir hilft er, besser auf mich selbst zu hören - und auch auf Gott. Besonders leicht gelingt mir das im Urlaub.
Und deshalb habe ich auch vollstes Verständnis, wenn ich als Touristin eine schöne Kirche betrete und am Eingang lese: Bitte vergessen Sie nicht, das ist kein Museum, sondern eine Kirche. Hier wird gebetet".

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