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SWR4 Feiertagsgedanken

01JAN2022
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Zu Beginn des Neuen Jahres grüße ich Sie sehr herzlich! Ich wünsche Ihnen ein gutes, gesegnetes und gesundes Jahr 2022! Das neue Jahr ist wie ein Buch, das noch unbeschrieben vor uns liegt. Heute wird die erste Seite aufgeschlagen, mit ersten Worten, ersten Sätzen aber auch mit vielen Fragezeichen, was dieses Jahr wohl alles bringen wird.

Auf die erste Seite meines Buchs klebe ich das Bild eines Engels.  Ich habe es von meinem Adventskalender für das Neue Jahr aufgehoben. Es ist das Bild eines Engels. Der Engel hat ein nachdenkliches und konzentriertes Gesicht. Seine Arme  sind auf der Brust gekreuzt, als wolle er etwas Kostbares aufbewahren.  Aber trotz seines Gewichts schwebt er leicht über der Erde. Er wird  von einer Kette gehalten, die oben im Kirchengewölbe festgemacht ist. Der Künstler Ernst Barlach schuf den schwebenden Engel 1927 als Mahnmal für die Toten des Ersten Weltkriegs. Das Original wurde von den Nationalsozialisten vernichtet, weil die Darstellung des Engels nicht in deren Verherrlichung von Gewalt und Rasse gepasst hat. Gott sei Dank ist es den Nazis nicht gelungen, dieses Kunstwerk aus der Welt zu schaffen. Sie haben zwar das Original vernichtet, aber konnten nicht verhindern, dass Freunde des Bildhauers noch rechtzeitig einen Abguss von dem Friedensengel gemacht haben. Und so finden sich heute sowohl in der Antoniterkirche in Köln wie im Dom zu Güstrow Kopien dieses eindringlichen Mahnmals. Ernst Barlach hat einmal über seinen Engel geschrieben, er plane „eine schwebende Figur, die ganz in sich geschlossen ist und das Höchste an Konzentration darstellt. Sie soll über den Alltag hinausführen in eine andere Welt.“

Für mich geht von dem Engel eine große Ruhe aus. Es ist kein Wunder, dass Menschen still werden, wenn sie den Schwebenden betrachten.  Niemand muss sie dazu anhalten. Auf mich wirkt es so: Nur in der Stille kann man seine Botschaft hören. Mir ist dieser Engel am Beginn des Neuen Jahres ein wichtiger Begleiter. Er strahlt eine wunderbare Gelassenheit aus und vermittelt das Versprechen, dass er bei allem, was kommen mag, dabei ist und nicht von meiner Seite weicht.

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Ein Engel, der nicht von meiner Seite weicht, das ist heute mein Thema in den SWR 4 Feiertagsgedanken zum Neuen Jahr. Barlachs schwebender Engel ist nicht abgehoben und unberührt, von dem, was auf der Erde los ist. Im Gegenteil: Bis in seine Gesichtszüge hinein kann man die Spuren menschlicher Angst entdecken. Er ist kein Überflieger, sondern hält es aus, immer wieder zwischen die Fronten zu geraten. Ich stelle mir vor: Er hört das Stöhnen des Schwerkranken und vernimmt gleichzeitig seine große Hoffnung. Er spürt den riesigen Hunger eines jungen Menschen nach Leben und spürt gleichzeitig, wie enttäuscht er ist. Er sieht fröhliche und unbekümmerte Menschen und weiß doch wie verletzbar und gefährdet sie sind. Der Engel schwebt zwischen Himmel und Erde und kann in dieser Lage das tun, was seine Aufgabe ist. Er soll über den Alltag hinausführen in eine andere Welt, so wie es Ernst Barlach selber gesagt hat.

Mich bestärkt der schwebende Engel in dem Gedanken, dass über mir, über uns allen, kein dunkles und anonymes Schicksal schwebt, sondern ein Gott, der alles in seinen Händen träg. Hände, die nicht fesseln und zwingen, Händen, die nicht schlagen und verletzen. Sondern Hände, die heilen und segnen. Engel haben immer den Auftrag, diesen Gott vernehmbar zu machen und dadurch den Menschen ihre Angst zu nehmen. Darum heißt ihr erstes Wort, wo immer sie in der Bibel auftreten: “Fürchte dich nicht!

Barlachs Engel führt über den Alltag hinaus. Er zeigt mit seinem ganzen Gewicht, dass wir von oben her gehalten und getragen sind. Auch und gerade dann, wenn uns Angst und Sorgen niederdrücken. Er verkörpert buchstäblich, was Dietrich Bonhoeffer unnachahmlich ins Wort gebracht hat: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Ich wünsche Ihnen, dass sie behütet und gesegnet ins neue Jahr gehen. Dass Sie zwischen den Seiten in ihrem Jahrbuch immer wieder Engelsspuren entdecken. Und denken sie daran, Engel müssen nicht Männer mit Flügeln sein. Manchmal wohnen sie mit uns Wand an Wand, manchmal sagen sie uns ein gutes Wort, manchmal geben sie uns schweigend die Hand. Und manchmal schweben sie kurz vorbei, lächeln uns still an und verschwinden wieder.

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