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SWR1 Begegnungen

25DEZ2021
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Ulrike Manthey Foto: privat

Teil 1: Weihnachtsglut

Peter Annweiler trifft Ulrike Manthey, Beraterin für Geflüchtete

Sie ist so was wie die Wirtin im Krippenspiel. Obwohl schon alles ausgebucht ist, findet die nämlich eine Unterkunft für die unfreiwillig umherirrende Familie in Betlehem. Zwar ist es dort nur ein Stall, aber immerhin: Eine Bleibe in der Not und mit Sicherheit die berühmteste provisorische Unterkunft der Welt.
Ulrike Manthey, die 58jährige Mannheimerin hat für die Diakonie schon vielen unfreiwillig Geflüchteten geholfen, eine Bleibe zu finden. Bei meinem Besuch merke ich gleich: Die Frau macht viel mehr als einen Job.

Ich würd schon sagen, dass meine Passion, Leidenschaft  immer war, doch so viel wie möglich zu helfen wie es nur geht, dass es eben doch ne Möglichkeit gibt, in den Aufenthalt, in das Bleiberecht zu kommen.

Ihre Augen leuchten, wenn sie das sagt. So ein Leuchten ist für mich die Glut für eine Welt mit menschlichem Antlitz. Und ganz bestimmt ist es weihnachtlich, wenn jemand nicht nur vermittelt und verwaltet, sondern sich berühren lässt von Schicksalen und Begegnungen. Aber Ulrike Manthey zeigt mir auch sofort, dass Barmherzigkeit allein nicht reicht, um Geflüchteten zu helfen. Als Sozialpädagogin kennt sie sich aus mit professionellen Wegen, mit Ämtern, mit Rechten und Pflichten. 

Die Familien, meistens sind es die Mütter, die zu uns in die Beratung kommen – es geht um Wohnung, es geht ums Geld, es geht um die Kinder, es geht um die Betreuungsplätze, es geht auch immer wieder um Probleme mit dem Asylverfahren, Ausländerbehörde.

Ihre derzeitige Aufgabe nennt sich vornehm „Integrationsmanagement“. Mit einem zeitlich begrenzten Auftrag kümmert sie sich um Geflüchtete mit einer guten Bleibeperspektive. Oft kamen die 2015 nach Deutschland. Mir gefällt, wie bei Ulrike Manthey ein weites Herz und ein realistischer Blick zusammenfinden.

Wenn ich jetzt an ne irakische Familie denke, die ich betreue: Ja, die lebt trotzdem für sich in der Neckarstadt, eigentlich eher isoliert und hat nicht so viel Kontakt zu den Deutschen oder den Einheimischen. Dass man jetzt sagt, sie werden eingeladen zu Weihnachten oder so – eher nicht.

Sie sagt das ohne Wertung. Eher beschreibend, wie unsere Gesellschaft eben tickt. Ja, die Willkommenskultur ist zurückgegangen. Aber gerade weil Stimmungen und kulturelle Prägungen nicht alles sein dürfen, müssen bei der Aufnahme von Geflüchteten auch grundsätzliche Fragen ihren Platz haben.

Die Arbeit im Asylbereich ist immer ne politische Arbeit, man sollte politisch interessiert sein und es ist natürlich ne Menschenrechtsarbeit, das hat mich immer fasziniert.

„Politisch“ und „barmherzig“. Weihnachten heißt für mich: Menschenrechte und persönliches Engagement zusammen zu halten. So ist ja auch die Wirtin im Krippenspiel nicht nur barmherzig, sondern ihr Handeln wirkt in die Welt des Kaisers Augustus hinein.

Teil 2: Weihnachtsspielraum

Ulrike Manthey kümmert sich seit fünfzehn Jahren um Geflüchtete. Bei meinem Besuch in ihrem Büro hat die Mitarbeiterin der Mannheimer Diakonie ganz viele Fotos und Erinnerungsstücke ausgebreitet. Beim Zuhören spüre ich deutlich, wie sie engagiert bei den Menschen ist.

Ich hab jetzt heute hier mal einen Engel mitgebracht, der steht hier auf dem Tisch. Der ist so gebastelt worden von einem Kind: Der Duran war ein 14jähriger Junge, der in der Schule gewisse Probleme hatte, sehr große Probleme. Und ich hab ne Schwimm-AG zu der Zeit organisiert und die Kinder sind mit Begeisterung zum Schwimmen gefahren, und auch der Duran. Dann ist er immer wieder negativ aufgefallen.

Klar: Menschen, die Traumatisches erlebt haben, sind nicht immer „nett“.  Erst recht Kinder können manchmal nicht anders: Sie zeigen sich aggressiv oder sie verstummen. Sie beschuldigen andere oder kommen einfach nicht zu einer Verabredung. Ulrike Manthey macht immer wieder die Erfahrung: Menschen sind trotzdem mehr als die Summe ihrer Belastungen:

Wie auch immer: Zu Weihnachten die große Überraschung. Duran kommt in mein Büro, bringt mir ein Päckchen mit drei Dingen, die er gebastelt hat, unter anderem dieser schöne Engel. Das hat mich wahnsinnig gefreut, weil ich es grad von ihm nicht erwartet hatte.

Um so heftiger, dass Ulrike Manthey nach einiger Zeit über die mazedonische Familie erfahren muss,

dass sie abgeschoben wurden – und zwar halt – wie es leider so oft ist – unter furchtbaren Umständen, dass halt in der Nacht, am frühen Morgen, die Polizei kommt. Das hat mich wahnsinnig getroffen: Licht und Schatten ist da ganz nah beisammen. Die Freude mit den Menschen aber dann auch die Abschiebung, als wirklich was, was ich in den ganzen Jahren so erlebt hab, immer als was ganz Furchtbares.

Zu Ulrike Mantheys Klienten gehörten auch Menschen, die nicht bleiben durften: Die werden „zurückgeführt“ und abgeschoben. Oft in ganz bedrohliche Lebensverhältnisse.
Unser reiches Land liegt eben nicht in einer „heilen“ Welt.  Im Gegenteil, die Welt ist wund. Und es ist für die nächsten Jahre nicht zu erwarten, dass es besser wird. Natürlich weiß ich: Wir können nicht die Welt retten, indem wir alle Menschen aufnehmen. Aber es macht in meinen Augen einen Unterschied, ob ich unberührt die kalte Schulter zeige. Oder ob ich einen weihnachtlichen Spielraum auslote. Ulrike Manthey:

Ich glaub schon, dass ich mich da ein bissel schwer tun, einfach zu sagen: Die Gesetze sind so. Ich glaub‘, ich hab‘ da sehr viel versucht, so gut es geht, was auszureizen, was möglich ist.

Wenn es gelingt, das Mögliche auszuloten – und nicht allein das Unmögliche zu betonen, kommt ein Weihnachtsspielraum in die Welt.
„Wer ein einziges Leben rettet, rettet die ganze Welt.“  Das jüdische Sprichwort  fällt mir ein, als ich mich von Ulrike Manthey verabschiede. Mit ihm wünsche ich Ihnen frohe Weihnachten!

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