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SWR1 Begegnungen

29AUG2021
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Peter Annweiler trifft Ingo Schenk, Impulsgeber für die „Ideenschmiede ländlicher Raum“

Teil 1: Landliebe

Der 52jährige brennt dafür, auf kreative Weise „die Kirche im Dorf zu lassen“. Weil er selbst dort groß geworden ist, kennt der Sozialpädagoge sich gut aus mit Menschen und Mentalitäten in der „Alten Welt“, dem Landstrich zwischen Kaiserslautern, Kusel und Bad Kreuznach.

Wir haben rausgefunden, dass diese Region immer ein Stück vergessen worden ist. Und was daraus entsteht, ist so ein Vorbehalt gegen Neues und auch gegen Veränderungen, was auch verständlich ist, weil die Leute am Bewährten festhalten, was für sie immer richtig war.

Auf dem Land ist es irgendwie „eng“ – in den Dörfern und den Köpfen. Mit diesem Klischee bin ich ja auch losgefahren nach Reipoltskirchen in der Nordpfalz, wo ich mit Bus oder Bahn kaum hingekommen wäre. Doch schnell bin ich gepackt: „Ideenschmiede Alte Welt – Projektentwicklung ländlicher Raum“ steht auf dem Schild an einem frisch sanierten Haus. Und als Ingo Schenk mir die Tür öffnet, treffe ich auf einen hip aussehenden Typ mit Dutt.

Gemeinsam mit den Menschen vor Ort  überlegt der Referent des Jugendpfarramts, wie das Landleben attraktiver werden kann. Dafür bringt er bodenständiges Leben, soziologische Theorien und innovativen Idee zusammen. Es gefällt mir, wie der Pfälzer seine Herkunft gründlich und wertschätzend bedacht hat.

Also man ist nicht immer so anfällig dafür jedem Trend nachzurennen, sondern ich habe ein sehr starkes Bewusstsein dafür, was mich auch trägt von meiner Biographie her und was das Land mir auch gegeben hat: Das sind die ganzen Beziehungen, das Wissen um natürliche Ressourcen, die Erfahrung beim Bauer, mit Lewwerworschtebrot, Senf und Gurke, wo man nach getaner Feldarbeit gemeinsam am Tisch saß und diese Gemeinschaft gespürt hat.

Zuerst klingt das für mich ein bißchen nach Sommerromantik. Doch Ingo Schenk setzt seine persönlichen Erfahrungen ja für eine wichtige Aufgabe ein:

Der Gänsehautmoment ist der Moment, dass ich mit jungen Menschen arbeiten darf, die in dieser Region leben und so hoch kreativ sind, auch in der Dorfforschung und der Zusammenarbeit mit uns – das ist wie ein innerer Antrieb.

Seine Projekte begeistern junge Leute für ihren Lebensraum. Sie gehen dann auf die Älteren und Entscheidungsträger zu und überlegen gemeinsam, wie etwa der Wegzug gestoppt werden kann. Da geht es auch um gute Atomsphäre – und deshalb finden die Zukunftsgespräche nicht mit externen Experten in großen Sälen statt, sondern private Wohnzimmeratmo wandert ganz einfach auf die Straße.  

Wir haben im Retro-Style n Wohnzimmer mit Kaffee,  mit Sitzgarnitur, mit Lampen, hingestellt, haben eingeladen – es kamen fünfzig Leute. (lacht)

Die Jugendlichen waren skeptisch und  es hat funktioniert und die machen das seit 7 Jahren mittlerweile- haben jetzt schon viele Preise gewonnen, waren im Fernsehen, reisen da rum, waren in Schulklassen – genial.

Schön, wenn ohne Schwellen Ideen für eine Zukunft im Dorf geschmiedet werden. Mit Menschen und Kräften, die schon da sind. Ich lerne von Ingo Schenk: Es ist schon viel „Kirche im Dorf“ gelassen, wenn es gelingt, Begegnungen zu organisieren, die sonst nicht stattfinden.

Teil 2: Menschenliebe

Ingo Schenk leitet eine „Ideenschmiede für den ländlichen Raum“ in der Nordpfalz. Der Sozialpädagoge entwickelt für das Jugendpfarramt in der Pfalz Zukunftsideen – und die dürfen für ihn nicht aus Modellen entstehen. Sie müssen aus Begegnungen wachsen.

Ich bin derjenige, der unheimlich gern mit unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeitet im Alltagsgespräch. Ich mag keine gestellten Situationen, sondern wirklich hier auf die Straße gehen, mit dem Bürgermeister was zu entwickeln, mit Pfarrer, mit Bürgern. Also einfach rausgehen – und mit den Menschen was tun.

Der 52jährige liebt es, Begegnungen anzustiften. Begegnungen, die sonst nicht stattfinden würden. Zwischen jung und alt, zwischen zugezogen und alteingesessen. Zwischen Theorie und Praxis, zwischen Kommune und Kirche.

Was mich kirchlich geprägt hat, sind Personen, das heißt: Ganz klare Begegnungen

Es zeichnet Kirche von Anfang an aus: Menschen zusammen zu bringen, die sonst nicht zusammenfänden: Juden und Griechen. Arme und Reichere, Traditionelle und Progressive. Oft ging es dabei auch darum, wie Menschen aus dem Glauben heraus ihr Zusammenleben neu begreifen und organisieren - ohne Rücksicht auf Herkunft, Geschlecht oder Geld.

Deshalb bleibt es eine wichtige Aufgabe von Kirche Begegnungen zu ermöglichen – über die Gottesdienstgemeinde hinaus und weit in den Sozialraum hinein: Zum Beispiel zwischen heimatverbundenem Landwirt und dem Homeoffice-Menschen, der mit der Pandemie aus der Stadt geflohen ist.

Aus unerwarteten und wertschätzenden Begegnungen heraus können Menschen sich heilsam weiter entwickeln. Das vertraut mir Ingo Schenk auch aus seiner eigenen Lebensgeschichte an.

Ich war in meiner Kindheit und Jugend jemand, der zurückhaltend war und Fußballer. Und da war ein Pfarrer, der hat am Rand gestanden und gesagt: Traut dem Ingo! - Diese Wertschätzung, dass er mich anspricht, mit mir in den Dialog geht, dass er mich ernst nimmt. Das hat mich dann dazu bewogen zu studieren. Weil ich hab ja vorher ein Handwerk gelernt. Ich war KFZ-Mechaniker und habe mit 21 noch mal Mittlere Reife absolviert

Heute ist der schüchterne Junge Vater zweier Töchter. In seinem Dorf ist er der Trainer der Mädchenfußballmannschaft. In seiner Arbeit begeistert er sich für gesellschaftliche Theorien.

Der Mann mit dem Dutt versucht so ganz gründlich, Menschen in ihrem Alltag zu verstehen. Auch sich selbst. Vielleicht kann er deshalb Bodenständigkeit und neue Ideen, Landliebe und Menschenliebe so gut zusammenbringen. Auf jeden Fall ist er in meinen Augen der richtige Mann für eine „Ideenschmiede“ in der dörflichen Welt. Auf der Rückfahrt weiß ich nicht mehr, wie ich darauf kam zu denken, es sei „eng“ - dort auf dem Land.

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Mehr Infos zum Projekt:

https://www.alte-welt.com

https://www.dorfraum-entwickler.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33825