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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

03AUG2021
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Eine Steinfigur am Freiburger Münster zeigt eine stolze Frau mit erhobenem Haupt. Sie trägt eine Krone und in den Händen ein Kreuz. Diese alte Figur stellt „die Kirche“ dar, die christliche Glaubensgemeinschaft. Ähnliche Figuren finden sich übrigens in Paris, Straßburg oder auch in Trier. Der „Kirche“ gegenüber steht eine andere Frauenfigur: eher gebeugt mit gesenktem Kopf. Ihre Krone liegt am Boden und sie trägt eine Binde um die Augen. Diese Frau ist die „Synagoge“, die Gemeinschaft der Juden.

Die mittelalterliche Darstellung zeigt, wie überlegen sich das Christentum jahrhundertelang gefühlt hat. Die Botschaft war klar: Wir Christen haben die ganze Wahrheit erkannt und den einzigen richtigen Glauben. Die Juden dagegen haben nur einen Teil der Wahrheit, für den Rest sind sie blind. Bitter und beschämend sind diese Darstellungen. Beschämend für das Christentum.

Wir feiern dieses Jahr das Jubiläum „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. 1700 Jahre, in denen Menschen jüdischen Glaubens Teil der Gesellschaft und des religiösen Lebens gewesen sind - aber eben nicht auf Augenhöhe - leider. Dabei ist der jüdische Glaube das Fundament des Christentums. Große Teile der christlichen Bibel stammen vom älteren Judentum. Jesus selbst war gläubiger Jude, und zum Gebet ging er in die Synagoge, das jüdische Gotteshaus.
Ohne Synagoge würde es meine Kirche heute gar nicht geben.

Die steinernen Frauenfiguren in Freiburg oder in Trier sind Zeugen: die Kirche hat sich jahrhundertelang überlegen gefühlt anstatt der Synagoge auf Augenhöhe zu begegnen. Die hatte und hat ihren eigenen Weg mit Gott. Und nur, weil es ein anderer ist als der der Kirche, ist es ja nicht der falsche. Ich denke, so allmählich begreifen wir das.

In der US-amerikanischen Stadt Philadelphia findet man die beiden Frauenfiguren, Kirche und Synagoge wieder und zwar an der Universität. Hier stehen sie sich nicht gegenüber. Sie sitzen entspannt beieinander, beide mit gekröntem Haupt, und die Augen offen, füreinander und ihre Umgebung. Nein, diese beiden Frauen begegnen sich auf Augenhöhe. Sie studieren gemeinsam die Schriften der christlichen und der jüdischen Bibel. Sie tauschen sich aus, erfahren etwas über die jeweils andere. Ich hoffe, die beiden sind jetzt wirklich gemeinsam auf dem Weg. Jede auf ihre Weise.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33668