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SWR1 Begegnungen

04JUL2021
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Julia Wege

Auswege aus Parallelwelten

… und mit Julia Wege. Die 36jährige arbeitet im Rotlichtmilieu. Sie kümmert sich um Frauen in der Prostitution und leitet das Mannheimer Beratungszentrum AMALIE.
„Wow“! – denke ich gleich, als ich die ehemalige Eckkneipe mitten im Kiez der Neckarstadt betrete: Bunte Bilder. Frische Blumen. Hell und einladend. Das Gegenteil von „Schmuddelecke“.
Seit 2013 hat die engagierte Sozialarbeiterin das alles aufgebaut.

Ich hatte natürlich immer sehr hohe Ansprüche und habe gesagt: Wenn ich mal eine Beratungsstelle eröffne, dann soll es die schönste bundesweit sein (schmunzelt). Ich hab‘ ein bestimmtes Bild gehabt … wie wir hier arbeiten, was unsere Grundwerte ausmacht, wie wir den Frauen mit Würde und Respekt begegnen können.

Fein, stimmig und vertrauenserweckend – so wirken nicht nur die Räume der diakonischen Beratungsstelle. Für mich verkörpert Julia Wege diese Eigenschaften in ihrer Person. Und solche Menschen braucht es „draußen“, wo es um das Geschäft mit dem Sex geht. Oft hat sie da mit traumatisierten jungen Frauen oder gar Minderjährigen aus Bulgarien und Rumänien zu tun. Ein „Lover Boy“ hat ihnen Liebe und Heirat versprochen, sie nach Deutschland gelockt – und sie dann in die Sexarbeit gezwungen. Für diese Frauen ist Julia Wege manchmal die einzige Ansprechpartnerin.

(Da fällt mir eine Situation ein von einer Aussteigerin, die in großer Not zu uns kam, an der Tür geklingelt hatte, mit dem Hinweis, dass sie schwanger sei. Sie vermutet, dass das Kind bereits tot ist – sie kommt direkt vom Straßenstrich, hat keine Krankenversicherung, vermutet, dass sie im siebten Monat ist. Ich hab dann vereinbart, dass wir direkt den Krankenwagen holen für ins Klinikum zu fahren. Dann haben die Ärzte festgestellt: Die Schmerzen, die sie hatte – das waren tatsächlich schon die Wehen, das Kind lebt noch. Und die Geburt erfolgt dann wenige Stunden danach.

Als Geburtshelferin hat Julia Wege hier gewirkt. Und weil sie da ist und hilft - anstatt zu verurteilen- öffnen sich ihr die Frauen:

Die Frau hat unter Tränen mir im Krankenhaus gesagt, sie kann für das Kind nicht sorgen. Keine Mutter gibt ihr Kind gerne weg und hat sozusagen alles unterschrieben, dass das Kind zur Adoption frei gegeben wird. Sie hat gesagt, sie wird von zwei Zuhältern überwacht, einem rumänischen, einem deutschen Zuhälter – und dass keiner wissen darf, dass sie entbunden hat, dass sie überhaupt schwanger ist – und dass sie jetzt bald wieder arbeiten müsse.

Empörend finde ich solche Lebensbedingungen. Und beschämend, wie schwer es offenbar ist, etwas dran zu verändern.

Ich hab‘ der Frau alle Möglichkeiten aufgezeigt, wie wir mit Polizeischutz im Klinikum ihr Hilfe bieten können, auch ihrem Kind – und sie musste aber sagen: Die deutschen Gesetze helfen mir nichts.

Die junge Frau ist dann doch zur Aussteigerin geworden. Vertrauen hat ihre Angst überwunden. Vertrauen in eine engagierte Sozialarbeiterin, die auch unkonventionelle Wege geht: So hat sie eine Stadtgemeinde dazu gebracht kurzerhand in einem Gottesdienst Spenden für die Erstausstattung des Babys zu sammeln.
Welche Konsequenzen Julia Wege aus Geschichten von Aussteigerinnen zieht – davon erzähle ich Ihnen gleich nach der Musik.

Nah bei den Menschen
Julia Wege kümmert sich für die Diakonie um Frauen in der Prostitution. Sie leitet die Beratungsstelle AMALIE in Mannheim. Viele Fotos von Lotusblüten hängen dort – und das hat seinen Grund:

Die Lotusblüte wächst in schlammigen Gewässern auf und entfaltet ihre Blüte, Stärke, Strahlkraft, wenn die Sonne scheint. 2.20 Ich seh‘ da einfach Parallelen – in der Regel sind es oft auch düstere, dunkle Ecken, in denen sie leben und arbeiten. Und wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, zu strahlen, dann haben sie auch die Chance auf ein anderes Leben.

Den Frauen einen Weg zu weisen in ein normaleres Leben, in dem sie aufblühen können – dafür setzt sich Julia Wege ein. Sie kämpft da auch für mehr Sichtbarkeit.

Grundsätzlich interessiere ich mich schon viele Jahre für gesellschaftliche Tabuthemen – und auch grad Randbereiche. Weil ich denke, dass man sich auch dort einsetzen sollte, wo niemand gerne hinschauen möchte.

Julia Wege hat gerade in der Coronazeit viele Hintergründe erfahren – und ist mit realer Not konfrontiert worden.

Wir haben sehr viele Anfragen erhalten, die Frauen waren mittellos und überfordert mit der ganzen Situation. Auch überfordert zum Beispiel, Hilfen zu beantragen – ohne Meldebescheinigung, ohne Krankenversicherung ohne Steuernummer, um diese Hilfen überhaupt abrufen zu können.

Gesellschaftlich bestimmen zur Zeit zwei Positionen den Blick auf Prostitution: Die einen wollen Prostitution verbieten – manchmal auch mit christlicher Motivation. Die anderen neigen dazu sie zu verharmlosen:

Viele verbinden Prostitution mit einer legalen Erwerbstätigkeit, mit einer sexuellen Dienstleistung, Sex gegen Entgelt: Der Freier bezahlt das Geld und damit ist die Abhandlung abgeschlossen.

Die Frauen geraten bei beiden Positionen oft aus dem Blick, findet Julia Wege. Deshalb ist es so wichtig, genau hinzuschauen. Um den Frauen und Ihren ganz unterschiedlichen Lebensumständen gerecht zu werden.

Wir erleben, dass es gewisse Klischees und Vorurteile oder bestimmte Meinungen gibt, die oft sehr voyeuristisch sind. 3.03 Prostituierte haben keine gute gesellschaftliche Stellung. Von daher ist es für uns auch immer sehr wichtig, dass wir Aufklärungsarbeit leisten, weil viele über die Hintergründe gar nicht Bescheid wissen.

Wie gut. Wie wichtig: Dass da eine die Hintergründe kennt. Dass sie parteilich auf der Seite der betroffenen Frauen steht.
Wie schön, wenn die Ästhetin Julia Wege weiter Lotusblüten in schlammigem Gewässer zum Blühen bringt.
Ich finde mit ihrem Engagement setzt sie den allerersten Auftrag von Kirche um: Nah bei den Menschen sein und sie bedingungslos annehmen.
Mitten im Rotlichtmilieu. Mitten im Kiez.


Informationen zur Beratungsstelle AMALIE
www.amalie-mannheim.de

https://www.kirche-im-swr.de/?m=33444