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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

06MAI2021
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Hat Ihnen eine Topfpflanze schon mal das Leben gerettet? Eher unwahrscheinlich. Und  natürlich war es auch bei Milka Loff Fernandez nicht nur die Pflanze. Aber der ehemalige Star des Musiksenders VIVA hat in einem Interview gesagt, in einer tiefen Depression habe ihr ausgerechnet eine unscheinbare Topfpflanze geholfen zu überleben. „Ich bin echt nicht der Pflanzentyp“, sagte sie. „Aber als es mir nicht gut ging, habe ich mir eine gekauft und ihr versprochen, sie zum Blühen zu bringen. Das mag komisch klingen, aber ich musste Verantwortung übernehmen für etwas ganz Kleines, das ich bewältigen konnte.“

Für etwas verantwortlich sein. Etwas Lebendiges. Für etwas sorgen, das darauf angewiesen ist, dass ICH mich darum kümmere. Das kann Menschen Halt geben, wenn sie selbst ins Trudeln kommen und nach etwas suchen, an dem sie sich festhalten können. Wohlgemerkt: nicht anstelle einer professionellen Therapie, sondern zusätzlich, um die Seele zu wärmen. Wahrscheinlich ist es das ganz tiefe Bedürfnis, etwas für andere tun zu können. Nicht nur schwach zu sein und Unterstützung zu brauchen, sondern trotz der eigenen Schwäche immer noch etwas geben zu können.

Bei den anonyme Alkoholikern gibt es ein ähnliches Prinzip: Die beiden Gründer haben in den dreißiger Jahren bemerkt, dass sie beide nicht mehr trinken müssen, wenn sie einander helfen. Und bis heute gilt ihr Grundsatz: Wenn es dir schlecht geht, dann such dir einen, dem du helfen kannst. Erstaunlicherweise funktioniert das.

Aber vielleicht ist es ja auch gar nicht so erstaunlich. Denn Menschen sind Gemeinschaftswesen. Wir spüren, dass es dem Einzelnen nur dann wirklich gut gehen kann, wenn es auch andern gut geht. Nicht umsonst kennen alle Kulturen und alle Religionen die so genannte Goldene Regel. Sie ist ein Herzstück des jüdischen Gesetzes, und der gläubige Jude Jesus hat sie den Seinen in der berühmten Bergpredigt ans Herz gelegt. Dort heißt sie so: Alles, was ihr euch von andern wünscht, das tut auch für sie. (Matthäus 7,12)

Simpler geht’s nicht. Niemand kann sagen, es sei zu schwierig, um es zu verstehen. Nach diesem einfachen Muster funktioniert jedes Zusammenleben. Im privaten Bereich, im öffentlichen, im internationalen. Und manchmal sogar das Zusammenleben mit einer Zimmerpflanze.

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