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SWR1 Begegnungen

07MRZ2021
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Patrick Roth

Nachbarschaft von Bibel und Traum

Peter Annweiler trifft den Schriftsteller Patrick Roth 

Religion und Literatur passen für den Schriftsteller gut zusammen. Deshalb lässt der 66jährige sich oft von den Bildern und Figuren der Bibel anregen. Im „Gottesquartett“, dem neuesten Buch des profilierten Autors, verbinden sich zum Beispiel Abraham, Samuel oder Paulus mit Geschichten in Los Angeles und Mannheim. In beiden Städten ist Patrick Roth verwurzelt.
„Gottesquartett“. Ich hab‘ das Buch gelesen – und freu‘ mich dran, wie da einer die Glut weckt, die in alten Geschichten liegt. Patrick Roth findet: Wenn wir mit biblischen Bildern in Kontakt kommen, dann

wirkt das sinnvoll, in irgendeiner Weise erfüllend. Sie können’s nicht richtig sagen, was es ist. Aber es ist so, als hätten sie wichtige Teile im Innen berührt, massiert, wieder gesehen, aus dem Dunkel herausgerufen.

Was ein schönes Bild: Biblische Motive können mich von innen „massieren“. Wenn ich also vom Sturm auf dem See Genezareth lese, dann geht es darum, im Hier und Jetzt berührt zu werden und etwas aus dem Schatten des Unbewussten herauszuholen.

Das ist das Großartige, das Geschenk: Die Bilder erzeugen Bilder, die von Dir sprechen. Wir sind also ganz bei uns – und haben die Nachbarschaft, die psychische Nachbarschaft dieses Gedankens oder Gefühls … besucht.

Die seelische Nachbarschaft zwischen einem alten, archetypischen Bild und meinen eigenen Gedanken oder Träumen ist Patrick Roth wichtig. Durch diese Nachbarschaft können sie nämlich eine Verbindung zum Heiligen anbahnen. Patrick Roths Interesse für diese Verbindung hat schon in der Schule angefangen. Und zwar damit,

dass ein katholischer Pfarrer uns zum ersten Mal einen Überblick gab über die Psychologie: Feuerbach, Freud und so weiter.  Das war ungeheuer eindrucksvoll – der machte nicht nur Religionsunterricht, sondern der gab uns ein Bild von der Psyche, das wir so noch nicht gesehen hatten – das sprach mich sofort an.

Die Tiefenpsychologie von Carl Gustav Jung hat Patrick Roth dann weiter begleitet. Durch seine Zeit beim Film. Durch seine Jahrzehnte in Hollywood. Auf seinem Weg zurück nach Deutschland. Und in seiner Handschrift als Schriftsteller.

Für ihn, der von Kalifornien an den Rhein zurückgekehrt ist, gibt es eine bleibende menschliche Herausforderung für jeden. Eben

weil wir mit uns selbst nicht auskommen können. Weil wir die Sprache, die die Psyche spricht, nicht sprechen. Und also diesen Partner, innen, ich rede jetzt von der Seele nicht erkennen können. Die Bilder, die er spricht oder sie spricht gar nicht verstehen können.

Wir tun also gut daran, diese seelische Sprache besser zu lernen  - ein Leben lang, so verstehe ich Patrick Roth.

Lockdown und Babylonisches Exil

Die Oberfläche reicht ihm nicht. Der Schriftsteller Patrick Roth sucht seine Erkenntnisse in der Tiefe der Seele. Als „Tiefentaucher“ - so liest der 66jährige auch die Bibel: Ihre Bilder kommen aus dem Unbewussten und aktualisieren sich in der Gegenwart.
Nehmen wir den Lockdown. Der kommt vordergründig ja gar nicht in der Bibel vor. Aber Patrick Roth hat ein Motiv dazu parat und verbindet es mit seinem biblischen Wissen.

Wir sprechen ja von der Babylonischen Gefangenschaft zunächst mal der Israeliten, die entführt wurden, deren Tempel, d.h. höchster Wert, deren Mitte zerstört worden war

Stark finde ich das, wenn ein Schriftsteller unserer Tage die Geschichten der Bibel in die Gegenwart trägt. Denn für Patrick Roth gilt auch heute: Wenn die Religion als Mitte fehlt, dann wirkt diese Lücke verheerend.

Was wäre nun eine Babylonische Gefangenschaft der Welt? - Das hieße, unser Tempel ist zerstört. Die Religion als das eigentliche Zentrum, der lebendige Mythos, ist verloren gegangen. Das heißt:  Die ganze Welt lebt in gewisser Weise in einer babylonischen Gefangenschaft.

Gefangen im Materialismus und in einer unübersichtlichen Lage. Das Bisherige trägt da nicht mehr weiter. Und Neues ist noch nicht in Sicht.

Also die babylonische Gefangenschaft wäre für den einzelnen dann das, was wir als Lockdown bezeichnen. Dieses Eingesperrt sein  - wenn es als Bild zum Beispiel im Traum auftaucht –durchaus bedeuten kann: „Introvertiere. Wende dich nach  innen! Nein, geh nicht nach außen!“

Wie soll das gehen, wenn viele es kaum noch aushalten, „drinnen“ zu bleiben? frage ich mich. Patrick Roth macht stark, dass wir den Herausforderungen nicht ausweichen können.

Das Problem liegt im Psychischen, nicht im Lockdown.  Also irgendwas in der Historie, die wir jetzt durchleben, durchleiden, zwingt uns, Übersehenes wahrzunehmen.

Das wäre auch eine Chance der Krise: Das Übersehene neu wahrnehmen. Im damaligen Exil in der Bibel– da haben die Menschen sich ja auch neu ausgerichtet. Sie haben anders hoffen und träumen gelernt als in den Bahnen der Tradition.

Wenn uns jetzt nicht einfach Verzweiflung ergreifen soll – kann man sich an diesem Bild orientieren, kann man sehen, dass eine ganz neue Beziehung zum Religiösen, Beziehung zum heiligen Bild, Beziehung zur Schrift entstand.

Darum geht es dem Schriftsteller: Neu zu fragen, was uns heute eigentlich „heilig“ ist  - und dabei auf die Bilder der Seele und der Bibel zu hören. Denn die können uns gerade in der Krise neu ausrichten.
Dazu hat Patrick  Roth mir einen Anstoß gegeben. - Vielleicht Ihnen ja auch!

Mehr Infos zu Patrick Roth unter http://www.patroth.info/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32727