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SWR1 Begegnungen

20DEZ2020
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Sabine Schwenk-Vilov

Peter Annweiler trifft Sabine Schwenk-Vilov, Gemeindepfarrerin in Weihnachtsvorbereitungen

Teil 1: Schafsgeruch beim Krippenspiel

Es ist ja nicht das erste Krippenspiel, das die 42jährige plant. Seit dreizehn Jahren ist die Mutter zweier Söhne Gemeindepfarrerin in Altenkirchen in der Westpfalz. Da hat sie viele Erfahrungen gesammelt. Manchmal auch die, dass beim Krippenspiel die Botschaft vom „Frieden auf Erden“ schon vor dem Fest in Gefahr ist. Dieses Jahr nicht.

Normalerweise gibt es bei der ersten Krippenspielprobe immer Streit, wer darf Schäflein sein und wer ist der Engel – und diesmal ist die Frage nach den Schafen von Natur aus geklärt – die Rolle ist besetzt.

Denn dieses Jahr will die Gemeinde das Krippenspiel nach draußen verlegen: Auf eine Weide mit echten Schafen. Klar, dabei sollen die Menschen vor dem Virus geschützt werden – und auch die Tiere sollen nicht zu viel Rummel abbekommen, 

aber zwei, drei Schafe, die werden mitspielen. Und zwar mit der Besitzerin gemeinsam. Es soll so ein bisschen  das Feeling wiedergeben von damals: Die Hirten, die draußen sind und die Schafe, die dazu gehören.

Als Städter spricht mich ein Krippenspiel auf der Weide irgendwie besonders an, vielleicht sehne ich mich dabei auch nur nach ländlicher Idylle. Und doch bin ich davon überzeugt: Es ist viel mehr als Idylle und Folklore, wenn ein Krippenspiel aufgeführt wird:  Hirten, Schafe, Engel. Maria, Josef und das Kind: Seit 2000 Jahren sind das mit die stärksten Motive der Weltliteratur. Und ich finde: Sie klingen noch stärker in die Gegenwart, wenn es nach Schafen riecht und Hirtenmusk in die Dämmerung tönt.

Wie ansprechend die Geschichte schon für die Kleinen  ist  - darüber konnte Sabine Schwenk-Vilov in den letzten Wochen immer wieder staunen.

Vor kurzem klingelt‘ s Telefon und ein kleines Mädchen von sechs, sieben Jahren ruft mich an und nennt ganz stolz ihren Namen und sagt „Ich mach‘ mit!“ – Und ich stand total aufm Schlauch und hab‘  gesagt: „Wo, bei was?“ – „Ei, beim Krippenspiel, ich bin dabei“. Dass Kinder selbst anrufen, weil es ihnen wichtig ist da, mitzumachen - das zeigt doch auch, dass Weihnachten für die Kinder mehr ist als nur Geschenke.

Weihnachten in diesem Jahr – das scheint auch die Chance zu bieten, das Wesentliche an diesem Fest herauszufinden. Glühwein, Großfamilienbesuche und Konzerte – all das mag jetzt ausfallen. Doch die Weihnachtsbotschaft ist ja viel größer als das Fest und alles, was wir organisieren. Sie kann weit über die Feiertage hinaustragen.

Wenn es uns gelingt, dass wir merken, dass Weihnachten nicht nur so ein Punkt ist im Jahr, also dass Weihnachten nicht nur der 24.,25.,26. (Dezember)ist, sondern dass Weihnachten weiter geht. Wenn Gott in die Welt kommt, dann kommt der nicht für drei Tage, dann kommt er für lange.

Teil 2: Alles bleibt anders

Sabine Schwenk-Vilov ist Pfarrerin in Altenkirchen in der Westpfalz. Sie hat in den letzten Wochen erlebt, wie anders sie an die  Weihnachtsgottesdienste herangehen musste als sonst  – und dabei überraschende Parallelen entdeckt.

Das ist auch so etwas, das komisch ist: Leute aufzuschreiben, die kommen wollen – und dann vielleicht auch zu sagen: Tut mir Leid, für Sie ist kein Platz mehr. Das ist natürlich wie an Weihnachten:Maria und Josef, die  durch Betlehem gehen und klopfen und sagen: Hallo, wir würden gerne noch ein Plätzchen haben – und dann sagt jeder: Nö, bei uns nicht. 

Und eine Gemeinde, die sich abschottet – das geht für die 42jährige gar nicht. Deshalb sind bei der Planung für die Weihnachtsgottesdienste in Altenkirchen  - genau wie in vielen anderen Gemeinden – nicht weniger sondern  mehr und neue Ideen entstanden.

Einmal Open Air am Wald – für die, die gut zu Fuß sind und die auch Nieselregen aushalten und Kälte. Dann für die, die sagen: „Weihnachten gehört in die Kirche“ – also auch in das Gebäude Kirche, ne Andacht in der Kirche anzubieten. Für die, die sagen „Wir sind wirklich sehr vorsichtig wir sind auch belastet – Risikogruppe“, zu sagen: Ok, es gibt die Möglichkeit,  das, was wir Open Air machen,  vorher aufzuzeichnen  - und das im Internet zur Verfügung zu stellen.

Draußen, drinnen, digital. Da will eine den ganzen Spielraum ausschöpfen: In der Natur, in der Kirche und im Internet. Und selbst wenn am Ende nur das Internet übrig bleibt: Die Pandemie regt an, zu fragen, was wesentlich am Fest ist – und wie wir trotz allem Schweren stimmig feiern können.

Diese Begeisterung für dieses Fest – das ist für mich ein ganz besonderes Geschenk. Dass es nicht mehr darum geht: „Was essen wir?“ oder „Wer hat das schönste Geschenk?“, sondern: „Schaffen wir es, miteinander auf Distanz -  aber trotzdem miteinander Gottesdienst zu feiern?“  – und es Weihnachten werden zu lassen.

Oft geht es mir an Weihnachten ja so, dass ich viel zu genau weiß, wie die Feiertage verlaufen werden.  Und sicher, wir brauchen seelisch auch Wiederholungen, um stabil zu sein. Doch manchmal habe ich genug von „Alle Jahre wieder dasselbe.“  - Dieses Jahr ist das anders. Das Fest fordert heraus, das Gewohnte anders zu gestalten und uns Ungewohntem zu stellen. Vielleicht spüre ich ja  genau in dieser Mischung aus Vertrautem, das wir brauchen – und Neuem, das uns entgegenkommt, wie wir an Weihnachten Beschenkte werden. Eben nicht, weil das Fest kommt und wir es bewältigen müssen, sondern weil Gott in die Welt gekommen ist.

Das Wunder der Weihnacht – das liegt nicht in unsrer Hand: Gott kommt zu uns – und er kommt, ob wir jetzt in ‚ner hochpolierten Marmorkirche sitzen: Steril, alles perfekt er kommt dorthin oder er kommt auf eine matschige Wiese. Ich weiß nicht, was der bessere Ort ist. Es ist beides gut. Aber Gott kommt, das kann ich net beeinflussen, das kann die Pandemie net beeinflussen das kann niemand beeinflussen  – und das feiern wir, dass Gott zu uns kommt, egal wie die Welt ist.

Informationen und Zugang zum Krippenspiel in Altenkirchen:

https://www.pfarrei-altenkirchen.de/

https://www.kirche-im-swr.de/?m=32278