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SWR4 Sonntagsgedanken

04OKT2020
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Beim Umzug meiner Wohnung bin ich auf ein Bild gestoßen, dass ich schon längst vergessen hatte. Ein afrikanischer Künstler hat es vor Jahren für die Fastenaktion Misereor gemalt. Eigentlich sind es zwei Bilder. Zwei verschiedene Köpfe auf Augenhöhe. Sie schauen einander an und jeder berührt sein Gegenüber  mit der Hand. Ganz behutsam, vorsichtig, als wäre etwas sehr Zerbrechliches zu schützen. Man kann die Bilder ganz weit auseinander aufhängen oder ganz nah. Es bleiben immer zwei  getrennte Bilder und zwei verschiedene Köpfe.

 Das ist Gemeinschaft, wie ich sie gut und passend finde. Zwei unterschiedliche Menschen bewahren voreinander den nötigen Abstand und Respekt und schaffen gleichzeitig eine Nähe, die nicht erdrückt und jedem der beiden die nötige Freiheit lässt. Ich merke plötzlich, wie aktuell dieses Bild immer noch ist. Nicht nur für die vielen Paare, denen ich in meinem Berufsleben (am Traualtar) begegnet bin. Es gilt viel grundsätzlicher. Wo immer Menschen zusammenleben, in einer Familie, in einer Gemeinde, in einem Staat, es braucht die Augenhöhe, dass man sich gegenseitig wahrnimmt und rechtzeitig erkennt, was dem anderen fehlt. Es braucht den Respekt vor jeder einzelnen Lebensgeschichte mit all ihren Kehren und Wendungen und es braucht die Erfahrung, dass wir uns gegenseitig mit unseren Fähigkeiten ergänzen und bereichern können. Das Wörtchen „Wir“ kann zwar sehr vereinnahmend gebraucht werden im Sinne, „wir sind doch alle der gleichen Meinung“. Man kann es aber auch so sagen, dass dieses „wir“ ermutigt und einem den Rücken stärkt. Ich vergesse nie meinen Vater, der mich bei ätzend langweiliger Arbeit auf dem Kartoffelfeld  unterstützt hat, hinter mich trat und ganz unauffällig sagte; „wir schaffen das!“.Und er hat es nicht nur gesagt, sondern sofort geholfen den leeren Korb zu füllen. Wir schaffen das! Solche aufmunternden Worte tun gut und zuweilen sind sie bitter notwendig. Besonders wenn der Berg einer zu bewältigenden Aufgabe unüberwindbar scheint. Dann brauche ich Rückendeckung, dann hilft mir ein aufmunterndes Wort, dann brauche ich keinen, der alles besser weiß oder an mir herum meckert.

Mittlerweile weiß ich, dass ich mich nicht schämen muss, wenn ich die Hilfe eines anderen brauche. Keiner ist so stark und allem gewachsen, dass er nicht auch an seine Grenze käme. Und dann ist es gut ,wenn jemand da ist, der mir ganz freundlich zusagt: „Wir schaffen das!“

Wir schaffen das! -ich spreche heute in den SWR 4 Sonntagsgedankenüber die Kraft, die entsteht, wenn wir uns gegenseitig helfen. Sehr oft erinnere ich mich an eine Geschichte, die mir ein afrikanischer Priester erzählt hat. Ein europäischer Wissenschaftler kommt in ein afrikanisches Dorf um die Lebensweise der Menschen dort zu studieren. Er lädt die Kinder zu einem kleinen Spiel ein und stellt  in die Mitte des Dorfplatzes einen Korb voller Früchte. Wer als erster beim Korb ankommt, darf sich dann die Früchte nehmen. Alle gehen in Startposition. Auf los geht’s los. Aber die Kinder fassen sich bei der Hand und rennen alle gemeinsam los. Niemand will der Sieger sein. Entweder alle oder keiner! Niemand will den vollen Korb für sich haben, während die anderen leer ausgehen.

Darin steckt eine große Lebensweisheit. Sie zeigt schon den Kindern eine klare Richtung auf. Die Menschen in Afrika nennen das in ihrer Sprache“ UBUNTU“; das heißt auf Deutsch Gemeinschaft.„Ich bin, weil wir sind und weil wir sind, deshalb bin ich.“ Jedes Kind wächst mit dieser Grundeinstellung auf. Es ist das Wissen darum, dass das einzelne Individuum ohne die Gemeinschaft gar nicht bestehen kann. Jeder einzelne ist hineingewoben in ganz viele Beziehungen, nicht nur zu anderen Menschen sondern zu allen Geschöpfen. Von Anfang an steht der Gedanke der Verwandtschaft, der Geschwisterlichkeit im Vordergrund. Das „Wir“ ist viel stärker als das „Ich“

Gestern war Tag der Deutschen Einheit. Auf Grund der Corona Pandemie konnte kein rauschendes Fest gefeiert werden, obwohl es zum Feiern Grund genug gäbe, aus Dankbarkeit für alles, was in den letzten dreißig Jahren in unserem Land möglich wurde. Wir wissen aber auch dass die Einheit in unserem Land immer neu gesucht und gelebt werden muss. Es ist nicht einfach, unterschiedliche Mentalitäten und Meinungen, unterschiedliche Kulturen und Weltanschauungen, die verschiedenen politischen Richtungen und Überzeugungen  in ein gutes Gespräch zu bringen. Aber es ist notwendig, damit Einheit nicht bloß eine Formel in Sonntagsreden ist sondern wirklich gelebt und erfahren wird. Dazu kann jeder etwas beitragen. Erst recht, wenn wir es so machen, wie es die afrikanischen Kinder uns in ihrem wunderbaren Spiel zeigen. Einander die Hände reichen, uns gegenseitig ermutigen und einander helfen und beistehen. Wir schaffen das! Ich bin sicher, dann würde ein frischer Wind durch unser Land wehen.

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