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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

09SEP2020
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Ich mag keine Gastgeschenke. Wenn ich jemanden zu mir einlade, dann soll er mit leeren Händen kommen. Ich kümmere mich um alles, was mein Gast braucht. Ich empfange ihn freundlich, koche ein gutes Essen, sorge für eine Decke oder einen Pullover, wenn wir draußen sitzen. Und wenn wir Wein getrunken haben, gibt’s ein Bett zum Übernachten und anderntags ein Frühstück. Ich freue mich, wenn meine Einladung mit leeren Händen angenommen wird. Und ich bin froh, wenn ich meinerseits keine Gastgeschenke besorgen muss, wenn ich bei jemanden eingeladen bin. Ich sage das meistens dazu, wenn ich eine Einladung ausspreche: „Bitte ohne Mitbringsel!“, mache aber keinem Vorschriften. Wenn der Gast partout etwas mitbringen will, akzeptiere ich das. Ich weiß ja auch, dass keiner so schnell aus seiner Haut kann, wenn es um eingespielte Gewohnheiten geht. Trotzdem frage ich mich:

Was soll das hin und her, der Versuch, alles irgendwie auszugleichen, was man Gutes tut und von anderen Gutes erhält? Das scheint tief in uns verankert zu sein, dass wir niemanden etwas „schuldig“ bleiben wollen. Es macht uns unruhig, in eines anderen Schuld zu stehen. Ja, das mit der Schuld hat sich eingegraben in uns bis in die Sprache, die wir dafür verwenden. Ich fürchte nur: Das macht kaputt, was es bedeutet eingeladen zu sein.

Gast zu sein und Gastgeber, das ist etwas Großes. Etwas, das unser Zusammenleben enorm prägt. Wenn ich die Türe meiner Wohnung öffne und einen einlasse, der zunächst einmal fremd ist. Wenn ich den Ort für ihn öffne, an dem ich geschützt bin und am meisten ich selbst. Wenn ich mein Essen mit ihm teile, meine Zeit, meine Gedanken. Ich bin fest davon überzeugt: Im Laufe der Zeit verändert das mehr zum Guten als nur die Beziehung zwischen den Menschen, die einladen und eingeladen sind. In unserer Nachbarschaft, wo ich wohne, pflegen wir das so gut es geht, und es wirkt sich spürbar positiv aus auf das Klima in der ganzen Straße.

Noch etwas. In der Ordensregel des Mönchsvaters Benedikt heißt es: Jeder Gast soll empfangen werden, als käme mit ihm Christus ins Haus. Das braucht man nicht zu glauben. Aber mir gefällt es, dass ich auf diese Weise als Gastgeber sogar noch mit Gott in Kontakt komme.

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