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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Sie hat sich geschämt. Dabei hat sie die anderen im Kurs nur gefragt, wie sie sich ein Leben nach dem Tod vorstellen. In einer Zeitung habe ich das gelesen.

Die Journalistin Verena Hasel beschreibt dort religiöse Scham. Sie ist nicht gläubig, aber ihre Tochter hat sie gelöchert mit religiösen Fragen. Und Verena Hasel hatte meistens keine Antwort. Da ist sie zu einem Glaubenskurs mit anderen Erwachsenen gegangen und dort hat sie diese Scham gespürt. Glauben ist für viele Menschen ein Thema, bei dem sie sich schämen. Und sich schwer tun, danach zu fragen. Obwohl sie Fragen haben. Und Verena Hasel hat auch gespürt in ihrem Kurs: Manche Menschen, die glauben, schämen sich auch, von ihrem Glauben zu sprechen.

Als Pfarrer rede ich über den Glauben, auch in der Öffentlichkeit. Aber ich kenne das manchmal auch, dass ich nicht über meinen Glauben reden will. Sondern ihn still für mich haben. Weil glauben auch etwas sehr Inneres ist. Wenn ich im Zug unterwegs ein Buch lese, in dem es um Glauben geht, halte ich den Titel nicht offensichtlich hin. Ich will nicht darauf angesprochen werden. Ich rede im Zug ja auch nicht mit jedem Menschen darüber, wen ich liebe und wie.

Also erst mal finde ich es nicht schlecht, wenn wir mit unseren Glaubensfragen behutsam umgehen. Unaufdringlich. Aber, das hat Verena Hasel in ihrem Artikel klar gemacht. Wenn aus Zurückhaltung Verschweigen wird, das ist nicht gut. Zuerst mal nicht für Kinder und ich glaube für uns Erwachsene auch nicht. Weil das Bedürfnis zu glauben, ist ein Teil von uns.

Kinder jedenfalls haben ein sehr großes Bedürfnis zu glauben. Sie möchten vertrauen. Ihren Eltern. Aber Kinder erfahren auch bald. Es braucht noch andere gute Mächte, die die Welt halten. Eltern können das nicht allein.

Wenn Kinder das Bedürfnis haben zu glauben, dann kann man sich als Mutter und Vater nicht hinter Scham verstecken. „Die Familie sollte das Kind nicht hungern lassen. Sie sollten es nicht allein lassen mit seiner Sehnsucht“, zitiert Verena Hasel eine Pädagogin.

Dazu muss man diese Sehnsucht spüren und zulassen. Was würde ich zB. antworten, wenn ich gefragt werde wie Verena Hasel von ihrer Tochter:
„Mama, hat Gott die Menschen bei der Sintflut wirklich getötet, und die Tiere?“
„Ja,“ würde ich vielleicht sagen, „vor langer langer Zeit war das. Aber das hat Gott dann sehr leid getan und er hat versprochen, das passiert nie wieder. Und zum Zeichen für sein Versprechen, hat er den Regenbogen gemacht.“

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