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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Um eine Geige zu bauen, braucht man ganz besonderes Holz. Holz, das klingt. Martin Schleske weiß das. Er gehört zu den größten Geigenbauern unserer Zeit. Musiker aus der ganzen Welt kommen zu ihm, um sich ihr Instrument bauen zu lassen. Doch Martin Schleske ist mehr als ein Geigenbauer. Er ist auch ein tiefgläubiger Mensch. Und beides gehört für ihn unbedingt zusammen. Wenn er aus einem Stück Holz ein Instrument herstellt, dann erkennt er Parallelen zum Glauben. Man könnte sagen, sie sind moderne Gleichnisse, die ihm helfen das Leben zu verstehen.

Bevor Martin Schleske beginnt, eine Geige zu bauen, nimmt er sich viel Zeit bei der Auswahl des Holzes. Mehrere Stunden steht er in seiner Werkstatt, nimmt Brett für Brett in die Hand, klopft auf das Holz und hört, wie es klingt. Entscheidend ist dabei, dass er den Punkt findet, an dem er das Holz festhalten muss. Denn nur wenn man es an einer bestimmten Stelle hält, beginnt es zu klingen. Packt man das Holz an einem anderen Punkt, braucht man viel Kraft beim dagegen schlagen, um überhaupt einen Ton herauszubekommen. Und der klingt dann dumpf und matt.

Martin Schleske ist fest davon überzeugt, dass auch wir Menschen unterschiedlich klingen können. Wenn wir den Punkt gefunden haben, der uns und unser Leben hält, dann können wir das entfalten, was in uns steckt. Dann kommt das zum Klingen, was uns besonders macht und auszeichnet. Verlieren wir den Punkt, dann tun wir uns schwer, brauchen viel Kraft und kommen nicht mehr so recht in Schwung.

Manchmal geht es mir auch wie so einem Stück Holz, das an der falschen Stelle gehalten wird. Dann bin ich durcheinander, habe keine Lust auf gar nichts und finde mich selbst unerträglich.

Wenn ich den Geigenbauer Martin Schleske richtig verstehe, dann könnte es vielleicht helfen, mir bewusst zu machen, dass ich gehalten werde. Dass Gott mich mit einem besonderen Klang ausgestattet hat. Ich kann klingen, weil ich weiß, dass er mich trägt.

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