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SWR2 Wort zum Tag

Andere beschenken macht reich. Das Geschenk kommt nicht nur anderen zugute, sondern auch dem Schenkenden selbst. Dazu sehe ich ein Bild aus einem biblischen Gleichnis vor mir, eine Marktszene aus dem Orient. (Lukas 6,38)
Eine Frau kauft Getreide auf dem Markt. Sie hält dem Händler ihren Eimer hin, der füllt das Korn hinein, nimmt einen Stab und streift ab, was über den Rand hinausgeht. Ein Eimer ist eben nur der Inhalt eines Eimers – das ist die Regel, so funktioniert Marktwirtschaft.

Doch dann wird ein Bild von einem anderen Händler gezeigt. Auch der füllt den Eimer ganz voll. Dann drückt er den Weizen mit beiden Händen hinein, damit die Körner ganz dicht beisammen liegen. Dann stößt er den Eimer auf die Erde, mehrmals, damit kein Hohlraum bleibt, und dann füllt er nochmals auf, macht einen Berg drauf, dass der Weizen auf allen Seiten überläuft. Und der Erzähler des Gleichnisses sagt: So füllt Gott den Eimer. So beschenkt er dich mit seiner Güte. Dich! Mich! Wie könntest du dann kleinlich oder geizig sein? 

„Gebt, so wird euch gegeben“, sagt Jesus, der Gleichniserzähler. Für mich höre ich das so: „Lass es fließen, mach es locker, den Weizen, das Geld, die Zeit. Du bist doch selber beschenkt mit Menschen, mit Zuwendung, mit Trost und Verständnis. Auch materielle Güter gehören dazu. Du hast etwas zu geben, und bekommst du im Übermaß zurück. Oft sind es ja nur kleine Gesten und Zeichen. Da lässt den anderen einfädeln im Verkehr, tritt zurück an der Kasse, verschafft dem Fremden am Schalter Gehör. Und es fließt. Das Enkelkind schreibt fünfen in Mathematik, die Eltern sind verzweifelt. ‚Ich kümmere mich um eine gute Nachhilfe, und ich bezahle es auch‘, sagt der Großvater. Welch eine Entlastung. Im Sprachkurs für Syrer fehlen Lehrer – die pensionierte Dame mit Bildung erklärt sich bereit. Beziehungen entstehen, auch Tee und Kaffee beginnen zu fließen. 

Ich bin überzeugt: Alles wurde mir geschenkt. Und es kommt alles zurück, was ich weitergebe. Manchmal vielleicht in anderer Währung. Z.B. in einer neuen Selbstwahrnehmung, dass man sich freier fühlt, sich selber zu mögen beginnt. – Schenken macht nicht nur reich. Schenken, so hat es einer mal gesagt, macht auch schön. Und so ergänze ich das Bild aus dem Orient. Der Händler, der so großzügig den Eimer füllt, ist Gott selbst. Er ist der Schönste von allen. Und er will, dass auch die Menschen schön werden. Und reich.

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