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SWR2 Wort zum Tag

„Eilt ihr Stunden, kommt herbei, bringt mich bald zu diesen Auen.“  (BWV 30)

So heißt es in einer Bach-Kantate zum Johannisfest. Hinreißend schöne Musik, finde ich. Violine und Sopranstimme jubeln in den höchsten Lagen; sie und scheinen sich gegenseitig anzutreiben, um diese Botschaft auszurichten: Die Zeit vergeht, aber sie tut es nicht schnell genug in Anbetracht dessen, was auf mich wartet: Die Herrlichkeit der himmlischen Welt.

Die heutige Sommersonnenwende hat etwas mit dieser Eilenden Zeit zu tun. Sie spielt in vorchristlichen Religionen und Kulten eine große Rolle. Das entsprechende Brauchtum hat sich vielerorts erhalten, wie z. B. der Tanz um das Feuer oder das Binden des Johanniskranzes. Von der katholischen Kirche wird dieser Tag seit dem vierten christlichen Jahrhundert als Hochfest für Johannes dem Täufer gefeiert, und auch die evangelische Kirche hat dieses Fest beibehalten.

Johannes hat nach neutestamentlicher Überlieferung Jesus im Jordan getauft. Und weil ab dem 24. Juni die Tage wieder abnehmen bis zur Winterwende am 25. Dezember, sah die Kirche bestätigt, was Johannes der Täufer im Hinblick auf Christus gesagt hatte: „Er – der Christus – muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Johannes 3,30).

Dieses Wachsen und Abnehmen beschäftigt mich. Wieder ist das Jahr zur Hälfte um, es rast seinem Ende zu, auf Weihnachten. Das Leben geht vorbei, die Kräfte lassen nach, der Sommer ist kurz. Mein und jedes Leben ist begrenzt, auch die Zeit der Welt. Und doch glaube ich: die große Wende steht bevor. Christus wächst, seine Kraft wächst, und eines Tages wird er ganz groß sein. Ich sehe es dort, wo der Widerstand gegen Unrecht wächst, wo Menschen einstehen für ihre bedrängten Mitgeschöpfe. Wo ein Völkermord öffentlich verurteilt wird. Wo verfolgte Christen ihren Peinigern vergeben. Eilt, ihr Stunden, heißt es in der Bachkantate zum heutigen Johannestag. Ja, ich teile diese Ungeduld, diese Hoffnung. Einmal wird Die ganze Welt von Christus durchdrungen sein, von seiner Liebe geprägt. Die Gewaltherrscher am Ende, vorbei der Wahnsinn, der Terror, die Gier.

Feiern Sie Johannistag. Sei es in einer katholischen Kirche – oder beim Hören einer Bach-Kantate.

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