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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Der 31. Oktober 1517 gilt als die Geburtsstunde der evangelischen Kirchen. Als Katholik frage ich mich, was denn am heutigen Reformationstag eigentlich gefeiert wird.
Vor fast 500 Jahren hat ein katholischer Theologieprofessor seine Kritik auf ein Plakat geschrieben und an die Türe der Wittenberger Schlosskirche gehängt. So die Legende. Sicher ist: Der Mönch hat seine insgesamt 95 Thesen an seine Vorgesetzten gesandt. Er hat darin einige kirchliche Traditionen und Praktiken in Frage gestellt. Er hat gefordert, Glaubensfragen nur noch streng nach den Aussagen der Bibel zu beantworten. Er hat eine theologische Diskussion auslösen wollen. Das, was dann tatsächlich in ganz Europa passierte, nämlich blutige Auseinandersetzungen und Spaltungen, wollte er nicht. Über viele Generationen hat das dazu geführt, dass sich Christen untereinander hierzulande spinne feind waren, Kriege wurden geführt und das Trennende wurde mehr betont als das Verbindende. Für mich heute kaum mehr vorstellbar.
Ich bin ein Kind der Ökumene, das heißt für mich war es selbstverständlich im evangelischen Kirchenchor mitzusingen, obwohl ich katholischer Ministrant und Chorknabe war. Die wunderbaren Bach-Kantaten, das Weihnachtsoratorium, viele Psalmen - in deutscher Sprache. Heute weiß ich, ohne Martin Luther, diesen aufrechten Theologieprofessor und tiefgläubigen Mönch, der die Reformation ausgelöst hat, würde das alles so nicht existieren. Luther hat die ganze Bibel ins Deutsche übersetzt, in die Alltagssprache der Leute. Für diese Leistung bewundere ich ihn. Die evangelische Kirchenmusik hat mich als jungen Mann in meinem Glauben genauso geprägt wie die gregorianischen Psalmen. Beim Choralsingen schießen mir heute noch Tränen in die Augen und ich bekomme eine Gänsehaut. Das Psalmensingen auf Lateinisch ist geheimnisvoll und erhebend, Weihrauch und Kerzen lösen bei mir immer noch Herzklopfen aus. Ich habe also beides erleben dürfen und ich empfinde es als Reichtum. Mein Freundeskreis besteht ganz selbstverständlich aus evangelischen und katholischen Christen. Für das, was die Christen in Konfessionen trennt, habe ich oft wenig Verständnis. Außerdem beobachte ich, dass es in der Praxis oft mehr Ökumene gibt als offiziellen Stellen lieb ist. Für mich stellt sich nicht die Frage, welche Konfession hat recht, sondern: wie können wir uns gegenseitig bereichern,den Glauben bezeugen und Gutes tun.

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