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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Das Leben stellt einem manchmal anspruchsvolle Aufgaben. Kinder gut ins Leben zu begleiten. Oder damit klar kommen, älter und gebrechlicher zu werden. Die gehören für mich dazu. Besonders letztere beschäftigt mich zunehmend. Wie geht das weiter mit meinem Körper, mit meiner Gesundheit? Gleichzeitig nehme ich wahr, wie bewundernswert manche alte Menschen mit Ihren Gebrechen umgehen können. Indem sie nicht verbittert mit ihrem Schicksal hadern, sondern irgendwie damit klar kommen, dass es halt leider nicht mehr so geht wie früher.

„Weißt Du, das tut grad gleich weh, ob ich gut oder schlecht drauf bin“, meinte neulich eine ältere Dame, die ich sehr schätze – „da bin ich doch lieber gut drauf – das ist besser für mich und mein Umfeld“. Alle Achtung, wenn jemand so eine Haltung einnehmen kann – wohlwissend, dass das nicht für alle und jeden geht und es Schmerzen gibt, die zum Himmel schreien.

Wie komme ich zu so einer Haltung, wie kann ich mich gut einüben ins Älterwerden?

Bei Teresa von Avila, der großen Kirchenlehrerin aus dem 16. Jahrhundert habe ich zu diesem Thema einen Gebet gefunden, das mir gefällt und das ich mir hinter die Ohren schreiben möchte - als einen humorvollen Leitfaden fürs Älterwerden:

Erhalte mich liebenswert

O Herr, du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich, aber nicht grüblerisch,

hilfreich, aber nicht bestimmend zu sein.

Bei meiner ungeheuren Ansammlung von Weisheit erscheint es mir ja schade, sie nicht ständig weiterzugeben – aber du verstehst, Herr, dass ich mir ein paar Freunde erhalten möchte.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe  zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden.

Sie nehmen zu – und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir Leidensberichte anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Einsicht, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Ich möchte kein Heiliger sein – mit ihnen lebt es sich so schwer -,

aber ein alter Griesgram ist das Krönungswerk des Teufels.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken,

und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, es ihnen auch zu sagen.

                                                                                                       Teresa von Avila

 

(aus: Freude – Schätze aus 20 Jahren „Der andere Advent“, Hamburg 2014, S.31)

https://www.kirche-im-swr.de/?m=19221