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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Ich bin weiß Gott kein Mensch, der seinen Glauben in der Tasche hat. Und ihn bei Bedarf rausziehen kann wie ein Scheckkarte oder einen Ausweis.
Der Glaube, mein Glaube, ist eine lebenslange Beziehung mit Höhen und Tiefen. Wie alle Beziehungen. Eine Beziehung, die immer auch mit Menschen zu tun hat, die den Glauben durch die Zeit tragen wollen oder sollen. Mit all ihren Stärken und Schwächen. Und darum ist es gut den Glauben nicht nur von diesen Glaubensvermittlern abhängig zu machen. Immer auch selbst zu denken und zu fühlen. Auch und gerade beim Glauben. Immer wieder auch zu fragen und zu zweifeln.
Denn der Zweifel ist ein Bruder des Glaubens. Aber trotz meinen zeitweiligen Zweifeln kann ich doch nicht nicht glauben. Ich kann und will nicht glauben, dass am Ende nur ein großes Nichts sein soll. Auch wenn das manche als Verweigerung sehen mögen, als Verweigerung den Tod anzuerkennen oder als schöne wie blinde Illusion.
Trotz der todsicheren Perspektive des Lebensendes, gibt es so viele Dinge in dieser Welt, die mir wie Spuren Gottes erscheinen, wie Zeichen eines Lebens nach dem Tod. Das Werden und Vergehen der Natur, außerirdisch schöne Momente hier in diesem irdischen Leben, und natürlich, die Liebe.

Die Dichterin Marie-Luise Kaschnitz ist einmal gefragt worden ob sie denn an ein Leben nach dem Tod glaube. Ihre Antwort spricht mir aus dem Herzen. Ich möchte sie Ihnen und all den Menschen, die heute an einem Grab stehen müssen gern weitergeben:

Glauben Sie, fragte man mich, an ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben
Wie das aussehen sollte, wie ich selber Aussehen sollte
Dort

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie von Heiligen auf goldenen Stühlen sitzend
Kein Niedersturz verdammter Seelen
Nur
Nur Liebe - frei gewordene, niemals aufgezehrte, mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold, mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnenwebenleichtes Gewand, ein Hauch mir um die Schultern
Liebkosung, schöne Bewegung, wie einst von thyrrhenischen Wellen ...
Wie von Worten hin und her    

Wortfetzen, komm du komm

Schmerzweh mit Tränen besetzt, Berg- und Talfahrt
Und deine Hand wieder in meiner, so lagen wir   
lasest du vor,    
Schlief ich ein, wachte auf, schlief ein
Wache auf
Deine Stimme empfängt mich, entlässt mich und immer so fort

Mehr also, fragen die Frager
Erwarten Sie nicht nach dem Tode?
Und ich antworte
Weniger nicht.

Quelle: Marie Luise Kaschnitz, Gesammelte Werke in 7 Bänden, Frankfurt am Main: Insel 1981 ff., 5. Band, Seite 504 f.

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