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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Gut sieht er aus, der junge Mann in der Talkshow. Schultern wie eine griechische Statue, ein durchtrainierter Oberkörper, modischer Haarschnitt, schickes Sweatshirt, sympathisches Gesicht. Die Kameraführung ist sehr geschickt und dezent, deshalb sieht man fast nicht, dass er im Rollstuhl sitzt. Als der Moderator ihn fragt, wie er als Querschnittsgelähmter im Alltag zurechtkommt, sagt er unter anderem: „Ich will kein Mitleid!“ Es klingt sehr bestimmt und auch ein bisschen trotzig. Man hört, dass darin Erfahrungen liegen, die ihn verletzt haben und die er nicht noch einmal machen möchte.

Ich kann mir vorstellen, was er meint. Er will nicht auf sein Handikap reduziert werden, und er kann diese „Ach-du-Armer“-Blicke nicht ausstehen, die ihn treffen, wenn er auf der Straße unterwegs ist. Es ist wohl dieser Beigeschmack, der das Mitleid für ihn so zwiespältig macht. Denn es gilt die Devise: Wer Mitleid braucht, ist ein armes Schwein, ein Loser, einer, der auf der Verliererseite steht. Wer das nötig hat, wird vielleicht noch bedauert, aber nicht mehr respektiert, steht nicht mehr ebenbürtig auf Augenhöhe. Und so möchte eben niemand angeschaut werden.

Ich frage mich, was da geschehen ist, dass das Mitleid so ein mieses Image bekommen hat. Denn eigentlich ist ja nichts Schlechtes dran, mit jemandem ‚mitzuleiden‘, ganz im Gegenteil.

Das griechische Wort für Mitleid heißt sympatheia, und – man hört es schon am Klang – das kann man auch mit Sympathie übersetzen. Das heißt doch: Erst mal muss ich die Menschen mögen, ihnen offen und wohlwollend begegnen. Sie nicht gleich taxieren und beurteilen, sie nicht kleiner machen, sondern so sein lassen, wie sie sind. „Das Klima der Sympathie – wie sehr wir darauf angewiesen sind!“ schrieb der Schriftsteller Max Frisch in sein Tagebuch. Für ihn ist die Sympathie wie die „Luft… unter den Flügeln“, also geradezu lebensnotwendig. Hier zeigt sich die ursprüngliche Gestalt von Mitleid. Nicht das Trostpflästerchen für Schwächlinge, die sonst nichts haben, sondern der Boden unter den Füßen, ein Wohlwollen, das trägt und leben lässt und das wir brauchen. Und zwar wir alle, ausnahmslos alle.

„Ich will kein Mitleid“, höre ich den jungen Mann im Rollstuhl immer noch sagen. „Okay, kein Mitleid“, antworte ich ihm. „Wie wär’s stattdessen mit Sympathie?“

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