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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Man sieht nur mit dem Herzen gut. Manchmal scheint es, als ob Dichter auf einen einzigen Satz reduziert werden. Hier stehe ich und kann nicht anders - Martin Luther. Oder Shakespeare: Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.
In den letzten Jahren ist es dieser eine Satz des Franzosen Antoine de Saint-Exupéry aus dem "Kleinen Prinzen", der so gerne zitiert wird. Egal ob in Talkshows, Gottesdiensten, in Politikeransprachen oder Werbesendungen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ So wird aus einer schönen Formulierung schnell eine abgegriffene Floskel. Dabei hat Saint-Exupéry genau wie Luther oder Shakespeare viel mehr geschrieben als diesen einen Satz. Und viel mehr als die schöne Geschichte vom Kleinen Prinzen.
Zum Beispiel Gebete. Kurze Gebete, die immer mit dem Satz beginnen: "Ich bitte nicht um Wunder und Visionen, Gott, sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte."
"Du weißt, wie sehr wir der Freundschaft bedürfen. Gib, dass ich diesem schönsten, riskantesten und zartesten Geschenk des Lebens gewachsen bin", so geht eines der Gebete weiter.
Oder ein anderes: "Lass mich immer wieder herausfinden aus dem täglichen Trott, aus dem ermüdenden Einerlei und Vielerlei, aus Angst und Langeweile. Zu mir selbst möchte ich finden. Hilf mir dazu!"
Auch bei Gebeten gibt es leider immer wieder welche, die längst abgegriffen sind, so wie der Spruch aus dem Kleinen Prinzen. Oder noch schlimmer: solche, die in meinen Ohren platt klingen oder abstrakt und voll merkwürdiger Kirchensprache, die kaum einer versteht.
Die Gebete von Antoine de Saint-Exupéry sind da anders, finde ich: nah an meinem Leben, mit klaren Aussagen und schönen Bitten, die mir direkt ins Herz gehen.
Für mich genau der richtige Ton, den ich am Anfang eines Jahres gut gebrauchen kann:
Deshalb bitte ich jetzt für mich und für Sie mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry:
"Lehre mich, Gott, die Kunst der kleinen Schritte.
Schenke mir im Neuen Jahr das Fingerspitzengefühl, um herauszufinden, was erstrangig und was zweitrangig ist. Bewahre mich vor dem naiven Glauben, es müsste im Leben alles glatt gehen,
und vor der kindischen Angst, ich könnte das Leben versäumen und "leben", ohne das Leben zu erleben. – Denn ich weiß: es kommt nicht darauf an, dass ich erfolgreich, sondern dass ich von Dir gesegnet bin.“

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