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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

Bei meinem Freund steht der Adventskranz in der Küche. Fürs Wohnzimmer findet er ihn etwas peinlich. Er hat ihn von seiner Mutter geschenkt bekommen, er selbst hätte sich nie einen Adventskranz gekauft. "Alles viel zu kitschig", meinte er. Ich habe ihn dann gefragt, ob er wisse, wie denn der Adventskranz entstanden sei?
Erfunden wurde er von Pastor Johann Hinrich Wichern im Jahre 1839. Wichern leitete damals das „Rauhe Haus" in Hamburg. Er war sozial engagiert und wollte den damals unzähligen Straßenkindern ein Zuhause bieten. Jeden Abend trafen sich die Jugendlichen des "Rauhen Hauses" dann in einem großen Saal um den Tag gemeinsam zu beschließen. Dabei merkte Wichern, dass die Jugendlichen nicht nur ein warmes Essen und ein Dach über dem Kopf brauchten, sondern vor allem eine neue Hoffnung auf ein sinnvolles Leben.
So erfand er den ersten Adventskranz: ein altes Wagenrad wurde an die Decke gehängt und jeden Tag im Advent eine kleine rote Kerze darauf gesteckt, an den Sonntagen eine dicke weiße. Der Saal muss ziemlich groß gewesen sein, und natürlich noch ohne elektrisches Licht - was bringt da schon eine kleine Kerze? Aber wenn sich jeden Abend eine weitere Kerze dazu gesellt, dann wird es langsam immer heller im Saal.
Die Jugendlichen verstanden dieses Bild. Viele fühlten sich einsam und verlassen, in einer dunklen Welt. Jetzt erlebten sie, wie jede noch so kleine Kerze wichtig ist und wie sie zusammen einen riesigen, dunklen Saal erleuchten können. Für sie wurde der Adventskranz zu einem echten Hoffnungszeichen. So verstehe ich als Christ den Advent: es gibt Hoffnung für mich und diese Welt. Diese Hoffnung kommt nicht mit lautem Getöse und mächtigem Gehabe. Jesus Christus ist damals in einem unscheinbaren Stall geboren worden, wie so eine kleine Kerze im Dunklen. Aber so hat er das Herz unzähliger Menschen erreicht. Übrigens wurde im Rauhen Haus jedes Jahr dieser Adventskranz wieder aufgehängt. Für die Jugendlichen was das ihr Symbol, das ihnen Mut machte. Als Straßenkinder erschien ihnen ihr Leben zuvor oft wertlos, jetzt spürten sie, wie wichtig ihr Licht ist. Daher muss ich bei einem Adventskranz immer wieder an dieses Wagenrad im Rauhen Haus denken. Die Jugendlichen fanden das nicht kitschig, vielmehr hat es ihnen Mut und Hoffnung gegeben. Wie doch ein paar Kerzen die Herzen von Menschen verändern können.
Das ist für mich ein echter Advent.

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