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SWR Kultur Lied zum Sonntag

Ein Sonntagnachmittag im Jahr 1958. Ein junger Mann macht eine Fahrradtour durch Holland, an Feldern und Obstwiesen vorbei – und wird dabei zu einem Lied inspiriert.
Solang es Menschen gibt auf Erden,
solang die Erde Früchte trägt,
solang bist du uns allen Vater;
wir danken dir für das, was lebt.
Der junge Mann ist Jesuit und auf dem Weg, Priester werden. Zu dieser Zeit kurz vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil bedeutete das noch, die Messe in einer feierlichen Liturgie auf Latein zu zelebrieren. Doch Huub Osterhuis, so heißt der junge Mann, sucht nach Worten, die die Menschen unmittelbar ansprechen – und die zugleich in der Bibel verwurzelt sind. „Solange die Erde besteht“, heißt es dort, „werden Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht nicht aufhören“. Dieses Versprechen gibt Gott Noah nach der verheerenden Sintflut. Das Lied von Osterhuis lädt dazu ein diesem Gott des Lebens zu vertrauen. Das ist die elementare Botschaft der Bibel: Gott ist wie ein Vater für uns Menschen da. Mit seinem Wort möchte er mit den Menschen in Kontakt kommen, um seine Liebe und seinen Frieden mit ihnen zu teilen.
Solang die Menschen Worte sprechen,
solang dein Wort zum Frieden ruft.
Solang hast du uns nicht verlassen.
In Jesu Namen danken wir.
Das Lied ist schwungvoll, ein echtes Sommerlied. Diese Vertonung von Tera de Marez Oyen hat sicherlich zu der raschen Verbreitung dieses Liedes beigetragen wie auch die Übertragung ins Deutsche, die Dieter Trautwein, ein Freund von Osterhuis, gemacht hat.
Das Anliegen von Osterhuis, Menschen unmittelbar anzusprechen und zu erreichen, wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil aufgegriffen. Die Messe wurde nun in der deutschen Sprache gefeiert, der Altar zu den Gläubigen hin ausgerichtet. Osterhuis hat mit seinen Liedern und anderen Texten zu einer verständlichen, ansprechenden und zugleich poetischen Sprache für den Glauben beigetragen. In seinen Liedern, die heute in evangelischen wie katholischen Gottesdiensten gerne gesungen werden, können sich viele wiederfinden. Osterhuis war es wichtig, dass die Menschen in der Liturgie Gott näherkommen und sie im Sakrament der Eucharistie die Verbundenheit mit Jesus und untereinander spüren können.
Du bist das Licht, schenkst uns das Leben,
du holst die Welt aus ihrem Tod,
gibst deinen Sohn in unsre Hände,
er ist das Brot, das uns vereint. (gesprochen + instrumental)
Osterhuis hat mit seiner Studentengemeinde in Amsterdam die Liturgie in sehr freier Weise gefeiert über die Grenzen der Konfessionen hinweg im gleichberechtigten Miteinander von Priester und Laien. Er träumte nicht nur von einer anderen, erneuerten Kirche. Er setze sie um. Doch das führte zum Konflikt mit seiner Kirche, die darin eine Preisgabe der Tradition sah. Als er den Zölibat in Frage stellte, kam es dann zum Bruch. Er wurde von seinem Orden ausgeschlossen und 1970 trat er schließlich aus der römisch-katholischen Kirche aus. Doch er blieb seiner Gemeinde verbunden, die sich als unabhängige, ökumenische Personalgemeinde gründete – die Ekklesia Amsterdam, die bis heute existiert.
Liturgie hat die Aufgabe, einen Raum zu schaffen, in dem wir Gottes Nähe erfahren können. Die Auseinandersetzungen darüber, welche Formen dem dienen, dauern bis heute an. Für mich gehören die Lieder, die im Gottesdienst gesungen werden, ganz wesentlich dazu. Gerade auch die Lieder von Osterhuis, die mir oft aus der Seele sprechen.
Osterhuis ist 2023 gestorben. So höre ich dieses Lied auch als Vermächtnis eines großen Theologen und Dichters, der zeitlebens darum gerungen hat, in unserer Sprache Gott einen Ort zu geben.
Darum muss jeder zu dir rufen,
den deine Liebe leben lässt.
Du Vater bist in unsrer Mitte,
machst deinem Wesen uns verwandt.
Text: Huub Osterhuis / Dieter Trautwein ; Melodie: Tera de Marez Oyen
Aufnahme: Coro piccolo für den SWR, Markus Christian Raiser / Michael Alber - instrumental
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SWR Kultur Wort zum Tag
Die Zukunft sieht gerade alles andere als rosig aus: Hitzewellen lassen uns den bedrohlichen Klimawandel hautnah spüren, viele machen sich Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung und auf der ganzen Welt stürzen machthungrige Politiker ganze Regionen in Krieg und Elend. Nicht die Zeit, um Kinder zu bekommen. Abgesehen davon gibt es auch individuell viele Gründe, warum junge Menschen zögern, Eltern zu werden. Haben sie überhaupt den Partner, mit dem sie sich ein Kind zutrauen? Manchmal zerbricht eine Beziehung auch an dieser Frage. Und gar nicht so selten klappt es einfach nicht mit dem schwanger werden, was für die Betroffenen meist ein großer Schmerz ist.
Junge Menschen fragen sich: Was würde ein Kind für unseren Lebensstil bedeuten? Finden wir eine bezahlbare Wohnung? Bekommen wir die nötige Unterstützung, um Arbeit und Familienleben zu vereinbaren? Fragen, die sich erst recht stellen, wenn jemand allein für das Kind sorgen muss.
Kein Wunder, dass die Geburtenrate so tief ist und viele diese Entscheidung immer weiter hinausschieben.
Es ist gut sich zu fragen, ob man die Verantwortung für ein Kind tragen kann und will. Und zugleich ist es ein großes Geschenk, Eltern zu werden und das Leben weiterzugeben, denn mit einem Kind bekommen wir intensiv Anteil an der unverfügbaren und oft überraschenden Dynamik des Lebens.
Ein Sprichwort sagt: „Kinder sind ein Geschenk des Himmels.“ Als Christin glaube ich, dass jedes Kind seinen Ursprung in Gott hat und letztlich von ihm gewollt ist. Mit jedem Kind kommt etwas Neues in die Welt. So verkörpert jedes Kind auf seine eigene, unverwechselbare Weise die Zukunft. Es fordert damit seine Eltern heraus, über sich selbst hinauszuwachsen und Teil von etwas Größerem zu werden. Wer Kinder hat, kann sein Leben weniger planen und bestimmen und erfährt dafür, selbst von diesem Leben getragen zu werden.
Das „Ja“ zu einem Kind ist eine sehr persönliche Angelegenheit, und doch kann es der Gesellschaft nicht egal sein, ob Kinder geboren werden oder nicht. Denn Familien investieren mit ihren Kindern in die Zukunft aller. Sie verdienen daher auch die Solidarität aller. Es geht dabei nicht nur um künftige Facharbeiter und Rentenzahler. Es geht darum, ob wir auch als Gesellschaft lernen, dem Leben wieder mehr zu vertrauen. Junge Familien leben das Tag für Tag.
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Die Töpfe in unserem Haushalt tun nun schon seit über 30 Jahren ihren Dienst. Wir haben sie – ganz klassisch – zur Hochzeit geschenkt bekommen. Mein Mann legte damals Wert auf beste Qualität – und ich muss ihm nachträglich Recht geben. Tag für Tag sind sie im Einsatz und sie haben sich bewährt.
So ein Kochtopf ist nicht gerade ein gängiges Symbol für eine Ehe. Für mich passt es trotzdem. Denn in einer Ehe geht es nicht nur um romantische Gefühle, sondern auch darum, wie wir den Belastungen des Alltags standhalten können. Wer kocht und kauft ein? Wer holt das Kind aus der Kita ab? Wer wechselt die Reifen? Wodurch wird eine Beziehung resilient – wie ein Kochtopf, der eben auch Hitze und heftige Dämpfe aushalten muss?
Eine Ehe beginnt mit einem gegenseitigen Versprechen: „Ich will dich lieben, achten und ehren und dir die Treue halten, solange ich lebe.“ Das sagen sich Mann und Frau bei einer kirchlichen Trauung zu, und ich finde, das ist ein gutes Fundament für eine Beziehung.
Es geht nicht nur um ein einmaliges Versprechen, sondern um eine Grundhaltung: Wir vertrauen uns und wir bemühen uns umeinander. Da muss nicht alles perfekt sein, es gibt auch Auseinandersetzungen und Enttäuschungen. So wie bei einem Topf manches anbrennt. Doch das lässt sich lösen, wenn jeder versucht, auch das Erleben des anderen zu verstehen und zugleich seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche ehrlich mitteilt.
Sich für ein ganzes Leben die Treue zu versprechen – das ist ein hohes Ideal. Kann ich das aus eigener Kraft überhaupt leisten? Im kirchlichen Trauritus heißt es: „Vor Gottes Angesicht nehme ich dich an als meinen Mann / als meine Frau.“
Für die katholische Kirche ist die Ehe ein Sakrament, also ein Zeichen, in dem Gott erfahrbar wird. Denn Gott hat einen Bund mit uns geschlossen, der unwiderruflich ist. In diesen Bund sind wir als Paar hineingenommen.
Und doch können wir auch an Grenzen stoßen, die unüberwindlich erscheinen. Ich finde es daher tröstlich, dass es im Trauritus weiter heißt: „Gott wird das Gute, das er in euch begonnen hat, vollenden.“ Treue ist kein abstraktes Ideal. Wir leben sie in unseren menschlichen Bedingungen und wie leicht werden wir durch gegenseitige Verletzungen blind und fühllos füreinander. Aber wir können darauf vertrauen, dass es in unserer Beziehung noch einen Dritten im Bunde gibt, nämlich Gott. Seine Liebe und Treue zu uns bleibt, was auch immer geschieht.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44777SWR Kultur Lied zum Sonntag
Ich liebe den Sonntagmorgen, wenn alles noch ruhig ist und nur die Vögel singen. Diese Stimmung ist in dem Lied eingefangen, dass ich heute morgen für Sie ausgewählt habe: „Dich rühmt der Morgen; leise, verborgen / singt die Schöpfung dir, Gott, ihr Lied.“
So beginnt es, beschwingt und fröhlich wie ein Tanzlied.
Musik: 1. Strophe „Dich rühmt der Morgen“
Dich rühmt der Morgen; leise, verborgen/ singt die Schöpfung dir, Gott, ihr Lied./
Es will erklingen in allen Dingen/ und in allem, was heut geschieht./
Du füllst mit Freude der Erde Weite,/ gehst zum Geleite an unsrer Seite,/
bist wie der Tau um uns, wie Luft und Wind./ Sonnen erfüllen dir deinen Willen;/
sie gehn und preisen mit ihren Kreisen/ der Weisheit Überfluss, aus dem sie sind.
Hier singt nicht ein Mensch, sondern die Schöpfung als Ganzes. So wie ein Ton den Atem hörbar macht, lässt uns ihr Morgenlied Gottes schöpferischen Atem erlauschen. Christen glauben ja, dass die Welt ihren Ursprung in Gott hat und dass seine schöpferische Geistkraft alles mit Leben erfüllt. So kann ich Gott in der Schöpfung auch sinnenhaft erahnen: im morgendlichen Vogelgezwitscher, in den wärmenden Sonnenstrahlen, und in der frischen Luft.
Der Text zu diesem Lied stammt von dem evangelischen Pfarrer Jörg Zink. Vielen Älteren dürfte er als Wort-zum-Sonntag-Sprecher in der ARD noch gut bekannt sein. Als Melodie hat er dabei auf ein Tanzlied aus der Zeit der Renaissance zurückgegriffen:
Musik: Gastoldi: Alieta vita (instrumental)
Dieses Madrigal von Gastoldi, das auch heute noch in vielen Chören gesungen wird, ist Lebensfreude pur: tanzen, springen, singen, lachen, sich draußen vergnügen und am Leben freuen. Das passt in den Wonnemonat Mai. Und diese Sinneslust greift Jörg Zink auf und verbindet sie mit dem Glauben an Gott. „Du füllst mit Freude der Erden Weite, gehst zum Geleite an unsrer Seite.“ Gott tanzt mit uns in Luft und Wind.
Mir gefällt das. Und ich finde es wichtig, dass diese Leichtigkeit zum Glauben gehört. Nicht nur das Ernste und Schwere. Jörg Zink hat Beides gekannt. 1922 geboren und früh verwaist musste er als Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen, wo er unmittelbar mit Tod und Zerstörung konfrontiert war. Von seinem ganzen Geschwader von 400 Mann haben nur er und zwei weitere Piloten überlebt.
Vielleicht haben auch diese Erfahrungen dazu beigetragen, dass Jörg Zink gelernt hat, das Leben zu schätzen. Nicht nur das menschliche Leben, sondern das Ganze der Schöpfung. Früh schon hat er sich – etwa auf Kirchentagen für die Bewahrung der Schöpfung eingesetzt. Auch politisch. Hat dafür sensibilisiert, dass die Natur und die Tiere ein Eigenleben und einen eigenen Wert haben – und nicht nur benutzt und oder gar ausgebeutet werden dürfen. Die lebendige Schöpfung war für ihn nicht selbstverständlich, sondern ein Geschenk von Gott, in dem wir seinen Segen erfahren. So heißt es in der zweiten Strophe:
Du hast das Leben allen gegeben;/ gib uns heute dein gutes Wort!
So geht dein Segen auf unsern Wegen,/ bis die Sonne sinkt, mit uns fort.
Du bist der Anfang, dem wir vertrauen;/ du bist das Ende, auf das wir schauen;/
was immer kommen mag, du bist uns nah./ Wir aber gehen von dir gesehen,/
in dir geborgen durch Nacht und Morgen/ und singen ewig dir. Halleluja!
Musik 2. Strophe „Dich rühmt der Morgen“
Komponist
T + M: Jörg Zink + Gastoldi
Musik 1 + 3: Chor: Cantus Iuvenum, Dirigent: Markus Raiser. Für Kirche im SWR/Lied zum Sonntag aufgenommen.
Musik 2:
CD007910001
01-001
2‘37
A lieta vita. Ausgeführt mit Mezzosopran. Blockflöte und und 2 Gamben.
O dolce vita mia
Gastoldi, Giovanni Giacomo; Unbekannt
The London Early Music Group
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44438SWR Kultur Wort zum Tag
Influencer sein – davon träumen viele, vor allem junge Menschen: Wahrgenommen werden und viele Follower finden. Man möchte die eigenen Ideen verbreiten oder sich gut vermarkten, einen tollen Auftritt haben und damit möglichst auch Geld verdienen.
Natürlich ist es am Ende nicht so einfach unter den vielen wahrgenommen zu werden. Man muss schon etwas Besonderes aufweisen – cool rüberkommen, eine Sprache haben, die andere erreicht und eine Botschaft, die die Leute hören wollen.
Ich frage mich, ob wohl Jesus, käme er heute auf die Welt, sich auch als Influencer in den Sozialen Medien versuchen würde. Vielleicht schon. Er wollte ja Follower haben, Leute die ihm nachfolgen. Er wollte seine Botschaft rüberbringen. Und sich in Szene setzen, davor hat er sich mit seinen spektakulären Handlungen nicht gescheut.
Und doch gibt es einen großen Unterschied zwischen Jesus und den typischen Influencern von heute. Jesus ging es nicht um sich, um seine Person und seine Geltung. Jesus wollte nicht selbst groß rauskommen – ihm ging es um Gott. Seine Botschaft war: Gott ist ganz nah. Ihr könnt seine Gegenwart spüren, wenn ihr euch für ihn öffnet.
Jesus selbst war ganz erfüllt von Gott. Nicht künstlich inszeniert, sondern echt. Und diese Erfahrung wollte er mit anderen teilen. Denn er war überzeugt, dass das Leben gelingen und heil werden kann, wenn wir in Gottes Liebe eintauchen. Dadurch werden wir aus dem engen Ego-Korsett befreit. Wir werden mitfühlender und liebesfähiger und spüren eine tiefe Verbundenheit mit anderen Menschen.
Seine Follower – also seine Jünger – haben das immer wieder erlebt. Das Leben wird reicher, wenn Menschen ihr Herz öffnen. Wenn sie miteinander teilen. Wenn sie nicht ängstlich darauf schauen, besser zu sein. Wenn sie frei davon werden, ständig nur um sich selbst zu kreisen.
Jesus war also weniger ein Influencer als ein Confluencer – er hat Menschen zusammengebracht und untereinander verbunden. Nicht um seine Macht und seinen Einfluss zu stärken, sondern um Frieden zu stiften.
Ich hätte gerne mehr solcher Confluencer, die Menschen verbinden und Gemeinschaft stiften. Die zum gegenseitigen Verständnis und Respekt beitragen. Sie dürfen dann gerne auch im Internet und mit vielen Followern unterwegs sein.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44312SWR Kultur Wort zum Tag
Ich kann mich noch gut daran erinnern, obwohl es schon so lange her ist: an den ersten Augen-blick meiner Kinder. Er schien wie aus einer anderen Welt zu kommen, noch ganz offen und unbestimmt, und er hat unser Herz als Eltern sofort eingenommen.
Und wenn ich heute junge Eltern mit ihren Babies sehe, bin ich immer berührt von diesem Spiel der Blicke, dem intensiven Anschauen und Angeschaut-werden, durch das sich eine tiefe Bindung aufbaut. Psychologen betonen, wie wichtig es ist, dass ein Kind sich im liebevollen Blick seiner Mutter und seines Vaters spiegeln kann, im Glanz ihrer Augen. Dieser Blick gibt dem Kind das Gefühl: Du bist geliebt und angenommen; du kannst dich hier ganz sicher fühlen; wir sind für dich da. Und ein Kind, das so angeschaut wird, wird diesen Blick irgendwann an seine Eltern zurückgeben.
Liebevoll angeschaut zu werden – das bleibt ein tiefes menschliches Grundbedürfnis – ein Leben lang. Dass jemand mich ansieht und wahrnimmt, dass ich ein „Ansehen“ haben – prägt mein Selbstwertgefühl. Im Guten wie im Schlechten.
Ein wohlwollender Blick wird mich aufbauen. Ein abschätziger Blick, kann mich verunsichern. Wenn jemand meine Möglichkeiten und Potentiale sieht, traue ich mir eher etwas zu, als wenn jemand nur das wahrnimmt, was ich nicht so gut kann. Wie ich mich selbst ansehe und einschätze, ist immer auch von dem abhängig, wie mich andere sehen. Und so kann ein positiver Blick mich verändern?
In der Bibel wird von vielen Menschen erzählt, die genau das erfahren haben, als sie Jesus begegnet sind. Es waren häufig Menschen, die zuvor kaum ein Ansehen hatten, die missachtet wurden. Ich denke an den korrupten Zolleinnehmer Matthäus oder die stadtbekannte Hure, die Jesus die Füße wäscht. Jesus hat sie trotz ihrer offensichtlichen Defizite und Sünden nicht verachtet und abgestempelt – sondern er hat ihre Sehnsucht gespürt, anders zu leben. Er hat gesehen, dass sie bereit sind, ihr Leben zu verändern und dass auch sie zu Liebe fähig sind. Und diese Erfahrung hat ihrem Leben eine neue Wendung gegeben.
Liebevoll angeschaut zu werden – das ist für mich auch eine religiöse Erfahrung. Gott schaut uns liebevoll an. Jeden einzelnen. Das kommt besonders schön im so genannten aaronitischen Segen zum Ausdruck. „Der Herr segne dich und behüte dich. Er lasse sein Antlitz über dir leuchten und sei dir gnädig. Er wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Frieden.“ Ein Zuspruch, mit dem der Tag heute gut beginnen kann.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44304SWR Kultur Lied zum Sonntag
Es sind gerade Tage voller Gegensätze, die in den Kirchen gefeiert werden. Eben noch war Karfreitag, an dem sich Christen an den erschütternden Tod Jesu erinnern. Und heute morgen erklingt schon der freudige Jubelruf: Christ ist erstanden! Halleluja!
Im Glaubensbekenntnis steht beides unmittelbar nebeneinander, was etwa Johann Sebastian Bach in seiner h-moll-Messe eindrücklich vertont hat. „Cruzifixus, passus et sepultus est“ – er wurde gekreuzigt, hat gelitten und ist begraben worden. Hier erstirbt die Musik regelrecht und endet in einem monochromen, fast tonlosen Klang. Ein letzter Atemhauch.
Musik aus der H-Moll-Messe – „passus et sepultus est – et resurrexit“
Und dann kommt, wie aus dem Nichts ein Auftakt voller Dynamik und Vitalität: „et resurrexit tertia die“. Der Chor und das gesamte Orchester samt Pauken und Trompeten entfalten ein regelrechtes Feuerwerk für das unglaubliche Wunder, dass Jesus am 3. Tag auferstanden ist.
Wenn ich solche Musik höre oder gar selbst mitsinge, dann erfasst mich die Osterbotschaft geradezu körperlich. Aber manchmal geht es mir auch zu schnell und ich kann diesen Umschwung noch gar nicht nachvollziehen. Der Karfreitag lässt sich nicht so leicht abschütteln. Er erinnert ja nicht nur an das, was Jesus widerfahren ist, sondern er ist auch ein Resonanzraum für all das Leid und all die Verzweiflung in unserer Zeit. Die Kriege und die Katastrophen hören ja nicht auf. Und auch nicht die persönlichen Dunkelheiten.
Wie ist der Übergang zwischen Tod und Auferstehung?
Nach den Evangelien ist Jesus am 3. Tag auferstanden, also am 1. Tag der neuen Woche. Das erinnert an den ersten Schöpfungstag, an dem Gott aus dem Chaos des Uranfangs das Licht geschaffen hat. Dieses Licht des Anfangs leuchtet am Ostermorgen neu auf. Gott erweckt Jesus aus dem Tod. Nicht als Fortsetzung dessen, was war. Gott schenkt ihm neues, ewiges Leben. Mit dem 3.Tag bricht also eine neue Zeit an. Die Zeit Gottes, in der der Tod und alle Not überwunden sind. Jesus ist auferstanden und er wird auch uns, ja die ganze Schöpfung in sein neues, ewiges Leben hineinziehen. Das ist die großartige Botschaft von Ostern.
Doch dieser Übergang dauert. Dafür steht der Tag dazwischen. Der Karsamstag, an dem Gott wie abwesend scheint. Noch triumphieren die Mächte des Todes: Gewalt, Ungerechtigkeit, Leid und Verzweiflung. Der Karsamstag ist nicht in Tagen und Jahren zu messen. Manchmal dauert es lange, bis der Morgen des 3.Tages anbricht und wir Ostern auch in unserem Leben erfahren. Dass aus Verzweiflung neue Hoffnung keimen kann. Dass endlich Frieden wird. Umso wichtiger ist es mir, an Ostern in die Kraft und Dynamik dieser frohen Botschaft einzutauchen, in diesen göttlichen Auftakt voller Leben.
Musik aus der H-Moll-Messe – „et resurrexit“
Komponist: Johann-Sebastian, Bach-moll-Messe
Musik: Balthasar-Neumann-Chor , Credo: Et resurrexit, Thomas Hengelbrock
https://www.kirche-im-swr.de/?m=44202SWR Kultur Wort zum Tag
Einen Schatz finden – das hat Menschen immer wieder motiviert, große Mühen auf sich zu nehmen. Besonders wenn es sich um lang verschollene Schätze gehandelt hat. Ein versunkenes Schiff etwa oder eine verborgene Grabkammer.
Es gibt jedoch nicht nur Schätze aus Gold und anderen kostbaren Materialien, sondern auch menschliche Schätze: Freundlichkeit, Humor, Geduld, Fürsorge, Treue, Mitgefühl – sozusagen Schätze des Herzens. Und nicht umsonst sagen wir manchmal: du bist mein Schatz, um auszudrücken, wie wertvoll jemand für uns ist.
Der Beginn einer Beziehung ist oft davon geprägt, dass wir entdecken, was am andern besonders und wertvoll ist. Und dadurch wächst eine gegenseitige Wertschätzung, die dazu führen kann, dass wir regelrecht aufblühen. Doch nach einer gewissen Zeit tritt oft die Gewöhnung ein, und der Alltag legt seinen Staub darüber. Es kommen manche Enttäuschungen und Missverständnisse dazu, und irgendwann ist der Glanz verschwunden. Dann braucht es ein zweites Entdecken und meine Bereitschaft, zu einer Schatzgräberin zu werden. Das beginnt damit, genau hinzuschauen und die vielen kleinen Momente wahrzunehmen, wo mir der oder die andere freundlich und wohlwollend begegnet. Etwa mit einer Tasse Kaffee am Morgen. Oder wenn ich mich darauf verlassen kann, dass jemand für mich da ist, wenn es mir mal nicht so gut geht. Wenn ich das nicht einfach selbstverständlich in Anspruch nehme, spürt der andere, dass er wichtig ist. Natürlich gibt es auch die Momente, wo mich mein Gegenüber ärgert oder gar verletzt. Diese Steine müssen weggeräumt werden, damit ich nach dem graben kann, was kostbar ist. Und manchmal kommt erst dadurch ein besonderer Schatz zum Vorschein – vielleicht nach einem Streit eine Versöhnung oder mehr Verständnis füreinander. Solche besonderen Erfahrungen können dann auch meinen Blick auf das alltägliche Miteinander verändern.
Mitunter hilft ein Anstoß von außen, um zum Schatzgräber zu werden. Bald ist Valentinstag. Eine gute Gelegenheit, um dem Lieblingsmenschen an meiner Seite zu zeigen, dass er mir bedeutet. Und warum nicht auch einer guten Freundin, einem netten Kollegen oder einem lieben Verwandten? Dazu braucht es nicht immer Geschenke – auch Herzensworte sind kostbar. Damit wir spüren, wie wertvoll wir füreinander sind. Darum geht es übrigens auch in der Aktion „7WochenWERT“ voll, die mit der Fastenzeit startet: Beziehungen durch gegenseitige Wertschätzung stärken. Bei dieser kostenlosen Aktion der katholischen Kirche bekommen die Teilnehmenden sieben liebevoll gestaltete Briefe mit Anregungen und Ideen für ihr Miteinander. Einfach im Internet suchen nach „7Wochenaktion“ (www.7wochenaktion.de). Dort gibt es vieles zu entdecken.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43774SWR Kultur Wort zum Tag
Ob bei der Arbeit, beim Sport oder in der Familie: Teamwork ermöglicht vieles, was man alleine nie geschafft hätte. Kein Wunder, dass Teamwork hoch im Kurs steht.
Ich arbeite sehr gern im Team mit andern zusammen, wenn wir z.B. eine größere Veranstaltung planen. Da bringt eine gute Ideen ein, jemand schaut nüchtern auf die Zahlen und die Organisation liegt auch in kompetenten Händen.
Allerdings entsteht gutes Teamwork nicht einfach dadurch, dass mehrere miteinander eine Aufgabe übernehmen. „Team“ ist manchmal auch eine Abkürzung für : Toll Ein Anderer Macht´s. Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, dass sich in einem Team jede und jeder gesehen fühlt. Wenn ich merke: ich bin wichtig, meine Fähigkeiten werden gebraucht, dann motiviert mich das. Das kann auch bedeuten, dass sich die erfahrenen „alten Hasen“ gelegentlich zurückhalten, damit die anderen ihren Platz finden können. In einem guten Team müssen Zusammenarbeit und Verantwortung immer wieder ausbalanciert werden.
Ich finde es spannend, wie das bei Jesus und seinen Jüngern war. Keine Frage: Jesus war der Meister. Wenn er predigte, dann kamen die Menschen in Scharen. Er sah ihnen ins Herz, er hat Kranke geheilt und die Menschen haben durch ihn gespürt, dass Gott ihnen nahe war. Und trotzdem war die Verkündigung bei Jesus nicht nur Chefsache. Er hat Frauen und Männer in sein Team geholt und sie zu seinen Jüngern gemacht. Nicht nur als Helfer. Sie sollten lernen, selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln. Dafür hat er sie einmal je zu zweit in die umliegenden Dörfer geschickt, um die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und Kranke zu heilen. Mich fasziniert das Zutrauen von Jesus. Wie konnte er sich sicher sein, dass alle in seinem Sinne handeln würden?
Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Ihr seid nicht meine Knechte, sondern meine Freunde“ (Joh: 15,15). Im Team von Jesus geht es nicht um Gehorsam und Hierarchie, sondern darum, wirklich in Beziehung zu sein, mit ihm und untereinander. Ihm war der Teamgeist wichtig. Er wollte nicht, dass die einen sich wichtiger fühlen als die andern. Jeder sollte auf den andern hören und ihn respektieren.
Das wünsche ich mir auch für meine Kirche: mehr Teamgeist im Miteinander von Klerikern und Laien beispielsweise. Darum geht es auch beim letzten Treffen des synodalen Weges, das gestern mit Bischöfen und Laienvertretern in Stuttgart stattgefunden hat. Ich hoffe, es wird dazu beitragen.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43773SWR Kultur Lied zum Sonntag
Die Engel dürfen an Weihnachten nicht fehlen. Erst durch sie wird klar, wer da in der Krippe im Stall von Bethlehem liegt: Gottes Sohn. So singen sie: „Gloria in excelsis Deo“ - „Ehre sei Gott in der Höhe“. Kein Wunder, dass ihr Gloria in vielen Weihnachtsliedern erklingt:
An Weihnachten öffnet sich der der Himmel und Gott sagt allen Menschen guten Willens seinen Frieden zu. Seinen Shalom. Ein Frieden, der alle und alles miteinander verbindet. Gott und die Menschen, die Menschen untereinander – ja die ganze Schöpfung ist dann im Einklang.
Das Gloria der Engel bleibt nicht auf Weihnachten begrenzt. Es begleitet uns weiter durch das ganze Jahr, nämlich im Gloriagebet, das zum Eröffnungsteil der Messe gehört. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade.“ Mit den Worten der Engel loben und preisen die Gläubigen ihren Gott. Bis auf die Adventszeit - hier wird das Gloria bewusst ausgesetzt, und es erklingt dann in den weihnachtlichen Gottesdiensten umso festlicher, wie zum Beispiel in der bekannten h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach:
Bach hat viele seiner Werke mit der Widmung „soli Deo gloria“ unterschrieben: Allein Gott sei Ehre. Und in diesem Gloria ist das zu spüren, wenn Bach alles erklingen lässt, was Sänger und Orchester zu bieten haben, und die Sängerinnen und Trompeten bis in die höchsten Höhen steigen. So lässt uns Bach die Größe Gottes erahnen.
Der Gloria-Text der Messe ist wie ein Echo auf das Lied der Engel. Er wurde zu einem Hymnus erweitert, zu einem Lobpreis auf Gott. „Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an“ – so heißt es da. Als der Hymnus im 3. Jahrhundert. entstand, galten solche Rufe dem römischen Kaiser, der sich als siegreichen Herrscher feiern ließ. Für die Christen lag der wahre König und Herrscher der Welt hingegen in Windeln gewickelt in einer Krippe. Ausgesetzt und verwundbar. Ihm ging es nicht um die Macht, sondern er wollte den Menschen den Frieden bringen.
Und so komponiert Bach nach der fulminanten Eröffnung in einer ganz anderen Farbe und Stimmung das „et in terra pax“ - „und auf Erden Frieden“. Es beginnt leise, mit tiefen Stimmen, das Orchester begleitet nur. Eher wie eine flehentliche Bitte als eine selbstbewusste Ansage.
Es scheint, als läge der göttliche Friede beim Kind in der Krippe, scheinbar schwach und verletzlich. Doch er ist auf die Welt gekommen und er wächst unter allen Menschen guten Willens.
Musikquellen (Angaben zur CD)
„Engel auf den Feldern singen“, Der Rheydter Kinderchor, M0387997 - 15 Sekunden
Johann Sebastian Bach, Nr. 4: Gloria in excelsis Deo. Vivace (Chor) aus: Messe für Soli, Chor und Orchester h-Moll, BWV 232, Pygmalion, M0741582 - 1:15 + 0:52 Minuten
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