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SWR2 / SWR Kultur

  

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SWR Kultur Wort zum Tag

31JAN2026
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Einen Schatz finden – das hat Menschen immer wieder motiviert, große Mühen auf sich zu nehmen. Besonders wenn es sich um lang verschollene Schätze gehandelt hat. Ein versunkenes Schiff etwa oder eine verborgene Grabkammer.

Es gibt jedoch nicht nur Schätze aus Gold und anderen kostbaren Materialien, sondern auch menschliche Schätze: Freundlichkeit, Humor, Geduld, Fürsorge, Treue, Mitgefühl – sozusagen Schätze des Herzens. Und nicht umsonst sagen wir manchmal: du bist mein Schatz, um auszudrücken, wie wertvoll jemand für uns ist. 

Der Beginn einer Beziehung ist oft davon geprägt, dass wir entdecken, was am andern besonders und wertvoll ist.  Und dadurch wächst eine gegenseitige Wertschätzung, die dazu führen kann, dass wir regelrecht aufblühen. Doch nach einer gewissen Zeit tritt oft die Gewöhnung ein, und der Alltag legt seinen Staub darüber. Es kommen manche Enttäuschungen und Missverständnisse dazu, und irgendwann ist der Glanz verschwunden. Dann braucht es ein zweites Entdecken und meine Bereitschaft, zu einer Schatzgräberin zu werden. Das beginnt damit, genau hinzuschauen und die vielen kleinen Momente wahrzunehmen, wo mir der oder die andere freundlich und wohlwollend begegnet. Etwa mit einer Tasse Kaffee am Morgen. Oder wenn ich mich darauf verlassen kann, dass jemand für mich da ist, wenn es mir mal nicht so gut geht. Wenn ich das nicht einfach selbstverständlich in Anspruch nehme, spürt der andere, dass er wichtig ist. Natürlich gibt es auch die Momente, wo mich mein Gegenüber ärgert oder gar verletzt. Diese Steine müssen weggeräumt werden, damit ich nach dem graben kann, was kostbar ist. Und manchmal kommt erst dadurch ein besonderer Schatz zum Vorschein – vielleicht nach einem Streit eine Versöhnung oder mehr Verständnis füreinander. Solche besonderen Erfahrungen können dann auch meinen Blick auf das alltägliche Miteinander verändern.

Mitunter hilft ein Anstoß von außen, um zum Schatzgräber zu werden. Bald ist Valentinstag. Eine gute Gelegenheit, um dem Lieblingsmenschen an meiner Seite zu zeigen, dass er mir bedeutet. Und warum nicht auch einer guten Freundin, einem netten Kollegen oder einem lieben Verwandten? Dazu braucht es nicht immer Geschenke – auch Herzensworte sind kostbar. Damit wir spüren, wie wertvoll wir füreinander sind. Darum geht es übrigens auch in der Aktion „7WochenWERT“ voll, die mit der Fastenzeit startet: Beziehungen durch gegenseitige Wertschätzung stärken. Bei dieser kostenlosen Aktion der katholischen Kirche bekommen die Teilnehmenden sieben liebevoll gestaltete Briefe mit Anregungen und Ideen für ihr Miteinander. Einfach im Internet suchen nach „7Wochenaktion“ (www.7wochenaktion.de). Dort gibt es vieles zu entdecken.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43774
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SWR Kultur Wort zum Tag

30JAN2026
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Ob bei der Arbeit, beim Sport oder in der Familie: Teamwork ermöglicht vieles, was man alleine nie geschafft hätte. Kein Wunder, dass Teamwork hoch im Kurs steht.

Ich arbeite sehr gern im Team mit andern zusammen, wenn wir z.B. eine größere Veranstaltung planen. Da bringt eine gute Ideen ein, jemand schaut nüchtern auf die Zahlen und die Organisation liegt auch in kompetenten Händen.

Allerdings entsteht gutes Teamwork nicht einfach dadurch, dass mehrere miteinander eine Aufgabe übernehmen. „Team“ ist manchmal auch eine Abkürzung für : Toll Ein Anderer Macht´s. Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, dass sich in einem Team jede und jeder gesehen fühlt. Wenn ich merke: ich bin wichtig, meine Fähigkeiten werden gebraucht, dann motiviert mich das. Das kann auch bedeuten, dass sich die erfahrenen „alten Hasen“ gelegentlich  zurückhalten, damit die anderen ihren Platz finden können.  In einem guten Team müssen Zusammenarbeit und Verantwortung immer wieder ausbalanciert werden. 

Ich finde es spannend, wie das bei Jesus und seinen Jüngern war. Keine Frage: Jesus war der Meister. Wenn er predigte, dann kamen die Menschen in Scharen. Er sah ihnen ins Herz, er hat Kranke geheilt und die Menschen haben durch ihn gespürt, dass Gott ihnen nahe war. Und trotzdem war die Verkündigung bei Jesus nicht nur Chefsache. Er hat Frauen und Männer in sein Team geholt und sie zu seinen Jüngern gemacht. Nicht nur als Helfer. Sie sollten lernen, selbstständig und eigenverantwortlich zu handeln.  Dafür hat er sie einmal je zu zweit in die umliegenden Dörfer geschickt, um die Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden und Kranke zu heilen. Mich fasziniert das Zutrauen von Jesus. Wie konnte er sich sicher sein, dass alle in seinem Sinne handeln würden?

Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Ihr seid nicht meine Knechte, sondern meine Freunde“ (Joh: 15,15). Im Team von Jesus geht es nicht um Gehorsam und Hierarchie, sondern darum, wirklich in Beziehung zu sein, mit ihm und untereinander. Ihm war der Teamgeist wichtig. Er wollte nicht, dass die einen sich wichtiger fühlen als die andern. Jeder sollte auf den andern hören und ihn respektieren.

Das wünsche ich mir auch für meine Kirche: mehr Teamgeist im Miteinander von Klerikern und Laien beispielsweise. Darum geht es auch beim letzten Treffen des synodalen Weges, das gestern mit Bischöfen und Laienvertretern in Stuttgart stattgefunden hat. Ich hoffe, es wird dazu beitragen.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

28DEZ2025
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Die Engel dürfen an Weihnachten nicht fehlen. Erst durch sie wird klar, wer da in der Krippe im Stall von Bethlehem liegt: Gottes Sohn. So singen sie: „Gloria in excelsis Deo“ - „Ehre sei Gott in der Höhe“. Kein Wunder, dass ihr Gloria in vielen Weihnachtsliedern erklingt: 

 

An Weihnachten öffnet sich der der Himmel und Gott sagt allen Menschen guten Willens seinen Frieden zu. Seinen Shalom. Ein Frieden, der alle und alles miteinander verbindet. Gott und die Menschen, die Menschen untereinander – ja die ganze Schöpfung ist dann im Einklang.

Das Gloria der Engel bleibt nicht auf Weihnachten begrenzt. Es begleitet uns weiter durch das ganze Jahr, nämlich im Gloriagebet, das zum Eröffnungsteil der Messe gehört. „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seiner Gnade.“ Mit den Worten der Engel loben und preisen die Gläubigen ihren Gott. Bis auf die Adventszeit - hier wird das Gloria bewusst ausgesetzt, und es erklingt dann in den weihnachtlichen Gottesdiensten umso festlicher, wie zum Beispiel in der bekannten h-Moll Messe von Johann Sebastian Bach:

Bach hat viele seiner Werke mit der Widmung „soli Deo gloria“ unterschrieben: Allein Gott sei Ehre. Und in diesem Gloria ist das zu spüren, wenn Bach alles erklingen lässt, was Sänger und Orchester zu bieten haben, und die Sängerinnen und Trompeten bis in die höchsten Höhen steigen. So lässt uns Bach die Größe Gottes erahnen.

Der Gloria-Text der Messe ist wie ein Echo auf das Lied der Engel. Er wurde zu einem Hymnus erweitert, zu einem Lobpreis auf Gott. „Wir loben dich, wir preisen dich, wir beten dich an“ – so heißt es da. Als der Hymnus im 3. Jahrhundert. entstand, galten solche Rufe dem römischen Kaiser, der sich als siegreichen Herrscher feiern ließ. Für die Christen lag der wahre König und Herrscher der Welt hingegen in Windeln gewickelt in einer Krippe. Ausgesetzt und verwundbar. Ihm ging es nicht um die Macht, sondern er wollte den Menschen den Frieden bringen.

Und so komponiert Bach nach der fulminanten Eröffnung in einer ganz anderen Farbe und Stimmung das „et in terra pax“ - „und auf Erden Frieden“. Es beginnt leise, mit tiefen Stimmen, das Orchester begleitet nur. Eher wie eine flehentliche Bitte als eine selbstbewusste Ansage.

Es scheint, als läge der göttliche Friede beim Kind in der Krippe, scheinbar schwach und verletzlich. Doch er ist auf die Welt gekommen und er wächst unter allen Menschen guten Willens.

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SWR Kultur Wort zum Tag

03DEZ2025
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Was für ein Pech! Ich wollte zu einer Veranstaltung gehen und alle Parkplätze waren schon besetzt. Nur einen kleinen Grünstreifen gab es noch – der würde für mich schon ausreichen, dachte ich. Doch kaum stand ich darauf, steckte ich fest. Da lag nämlich ein großer, flacher Stein, den ich übersehen hatte, und jetzt kam ich mit dem Auto weder vor noch zurück. Ich stieg aus und fühlte mich völlig hilflos.

Da kam ein Mann auf mich zu, der mein Ungeschick mitbekommen hatte. Er meinte: „Vielleicht kriegen wir es mit einem Wagenheber hin“. Aber wo war der nur? Der Mann fand ihn und mit gemeinsam Kräften bekamen wir das Auto innerhalb von ein paar Minuten wieder frei. Mit so viel spontaner Hilfsbereitschaft hätte ich nicht gerechnet, aber der Mann meinte: „Wenn ich was kann, helfe ich gern“.

Der Satz ist mir nachgegangen.

Tatsächlich erlebe ich das auch so. Wenn ich andern mit meinen Fähigkeiten weiterhelfen kann, fühlt sich das gut an. Zu spüren, hier kann ich positiv etwas bewirken. Das stärkt auch mein Selbstvertrauen.

Umgekehrt fällt es nicht immer leicht, andere um Hilfe zu bitten, vor allem dann, wenn ich denke: ich müsste es alleine schaffen. Wie stehe ich denn vor den andern da? Falle ich ihnen nicht zur Last? Und wie stehe ich vor mir selbst da? Bedürftig zu sein, das kratzt manchmal am Stolz. Ich möchte unabhängig sein, meine Dinge selbst regeln.

Hilfe brauchen und anderen eine Hilfe sein – beides gehört für mich zusammen. Es tut nicht gut, nur auf eines festgelegt zu sein. Dass ich immer wieder auf Hilfe angewiesen bin, lehrt mich dankbar für meine Mitmenschen zu sein und ihre Fähigkeiten zu schätzen. Eine Hilfe für andere zu sein, macht mir bewusst, was ich für andere tun kann, und lässt mich manchmal über mich selbst hinauswachsen. 

Das gilt auch für meinen Glauben. Ich darf Gott um Hilfe bitten, wenn ich nicht mehr weiterweiß – und sei es in einem kurzen Stoßgebet. Aber mein Glaube ermutigt mich auch, meine eigenen Fähigkeiten ernst zu nehmen und sie (für andere) einzusetzen. Im Geben und Empfangen entsteht so ein Netzwerk, das mich mit anderen verbindet und das unser Leben reicher macht. Mal fällt mir das eine leichter, mal das andere. Ich bin gespannt, welche Herausforderung als Nächstes kommt.

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SWR Kultur Wort zum Tag

02DEZ2025
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Wenn sie in der U-Bahn sitzen, schauen die meisten auf ihr Handy oder sie lesen Zeitung. Aber neulich saß eine Frau neben mir, die las in der Bibel. Die erste Seite hatte sie aufgeschlagen: Buch Genesis, 1. Kapitel. Ich hätte sie gerne gefragt, warum sie das macht. Hat sie die Bibel und vielleicht auch den Glauben erst ganz neu entdeckt, oder macht sie das oft und ist ganz vertraut mit den Texten der Heiligen Schrift? Lauter Fragen gingen mir durch den Kopf, Aber ich habe mich nicht getraut, sie anzusprechen.

Ich lese auch öfters in der Bibel, und die ersten Sätze sind mir sehr vertraut:

Bereschit bara Elohim et haschamayim we’et ha’arets…

Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und wirr, und Finsternis lag über der Urflut und der Gottesgeist schwebte über den Wassern. Und Gott sprach: Es werde Licht und es wurde Licht.

Ich habe die Bibel für mich entdeckt, als ich noch ein Kind war. Wir hatten zu Hause eine Schallplattensammlung mit sämtlichen wichtigen Erzählungen der Bibel. Sie waren wie ein Hörspiel mit verschiedenen Sprechern und Musik inszeniert und ich habe diese Geschichten oft und oft gehört. Vor allem die Stimme Gottes war sehr eindrücklich für mich – ich habe sie noch heute im Ohr. Kraftvoll, väterlich und klar. Dieser Gott – so empfand ich es als Kind – stand weit über uns Menschen und zugleich waren ihm die Menschen wichtig. Dass er die Welt erschaffen hatte, bedeutete, dass ich in dieser Welt zuhause sein konnte. Es war ja seine Welt.

Ich bin dankbar, dass ich den Schatz biblischer Geschichten schon als Kind entdecken konnte und sie seither in mir trage. Natürlich ist im Laufe der Zeit vieles dazu gekommen an Wissen, an Reflexion, natürlich auch an Fragen. Die biblischen Texte sind Zeugnisse einer langen vergangenen Zeit. Vieles ist uns heute fremd und doch geht es um die Fragen, die Menschen immer beschäftigt haben: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Welche Kräfte bestimmen die Welt? Gibt es ein gutes Ende? 

In der Bibel zu lesen, hilft mir, meine Erfahrungen und die Welt zu deuten. Mit der Bibel erscheint sie mir in einem besonderen Licht. Auch wenn mir vieles in der Welt Angst macht und Sorgen bereitet, ist sie Gottes Welt und bleibt deswegen für mich ein Hoffnungsort.

Wie es wohl der Frau in der Bahn mit dem Bibellesen ergeht? Ich weiß es nicht. Aber ich wünsche ihr, dass sie dabei für sich eine Lichtspur entdeckt.

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SWR Kultur Wort zum Tag

01DEZ2025
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Zum Advent gehört für mich ein Adventskalender, der mir dabei hilft, mich auf Weihnachten vorzubereiten. Jeden Tag ein Gedanke, ein Bild, eine Geschichte oder auch eine süße Überraschung, die ich hinterm Türchen entdecken kann.

Besonders schön ist es, wenn der Kalender eine persönliche Note hat, weil er von jemandem für mich ausgesucht oder gestaltet wurde. Dann steckt in jedem Türchen die Geste: ich denk an dich. Und umgekehrt macht es auch Freude, so einen Kalender für jemanden zu machen. Das wissen nicht nur Eltern und Großeltern. Das ist auch unter Freunden schön, oder für größere Gemeinschaften.

Deswegen haben wir uns in meiner Gesamtkirchengemeinde dazu entschlossen, einen digitalen Adventskalender auf unserer Homepage zu gestalten. Neben einigen besinnlichen Texten war die Idee auch, sichtbar zu machen, wieviel Engagement es innerhalb unserer Gemeinden gibt und was alles getan werden muss, damit Weihnachten gefeiert werden kann.

So gibt es hinter den Türchen einiges zu entdecken: etwa Frauen, die Adventskränze flechten und den Gewinn ans Kinderhospiz stiften. Jugendliche, die sich als Nikoläuse für Familien zur Verfügung stellen. Kinder, die sich auf die Sternsingeraktion vorbereiten. Köchinnen und Köche, die zum gemeinsamen Essen für alle einladen, Kirchenchöre, die für ihren Auftritt proben….

Dabei geht es nicht nur um die „eigene“ Gemeinde, die man vielleicht kennt, sondern auch um die anderen drum herum. Es ist spannend mitzubekommen, was andere tun und so über den eigenen Kirchturm hinauszuwachsen.

Dieses Vorhaben hat uns deutlich mehr Zeit und Mühe gekostet als ursprünglich gedacht. Bis alle Beiträge zusammen waren, waren etliche Mails und Anrufe nötig, aber das hat mich auch in Kontakt gebracht mit Menschen, die ich bis dahin nicht gekannt habe. Es ermutigt mich immer in meinem eigenen Engagement, wenn ich andere treffe, die sich ebenfalls dafür einsetzen, dass unsere Welt menschlich wird und bleibt. Und die gibt es ja Gott-sei-Dank nicht nur in den Kirchen, sondern in vielen Communities.

Der Advent erinnert daran, dass Gott in unserer Welt ankommen will. Das ist für mich die Hoffnung, die all die großen und kleinen menschlichen Bemühungen um Mitmenschlichkeit und Solidarität, um Frieden und um Gerechtigkeit verbindet. Ich bin oft überrascht zu sehen, wie viele Ideen und Initiativen es gibt, manchmal ganz in meiner Nähe. In einer Zeit, die ja auch von vielen Ängsten geprägt ist, gibt mir das Hoffnung.

Ich will daher die kommende Adventszeit nutzen, um das Gute zu entdecken, das um mich herum geschieht – sei es hinter einem Türchen oder auch sonst.

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SWR Kultur Lied zum Sonntag

16NOV2025
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Die letzten Blätter, die jetzt von den Bäumen fallen, erinnern daran, dass alles Leben vergänglich ist. Gibt es auch etwas, das bleibt und nicht vergeht. Und wie können wir damit in Verbindung kommen? Darum geht es im Lied von heute morgen.

 

Lied 1. Strophe

Gott, der du warst und bist und bleibst, wohne unter uns,

der du uns Glauben ins Herz hineinschreibst, wohne unter uns, unter uns.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, vielmehr die kommende suchen wir.

Wir haben hier auch kein bleibendes Haus,

aber ein Zelt, aber ein Zelt, ein Zelt der Begegnung mit dir.

 

Gott steht über der Zeit, er ist ewig. Gott wohnt im Himmel – so hat man das zu umschreiben versucht. Und doch heißt es in dem Lied: „Wohne unter uns“, d.h. sei uns nah. Das kann eine drängende Bitte sein, wenn im Leben plötzlich alles wegbricht, was Sicherheit gegeben hat. Wenn man nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll.

 

Das Volk Israel hat solche Zeiten immer wieder erlebt und zugleich erfahren: Gott ist da. Gerade jetzt. Er lässt uns nicht im Stich. Das war so beim Auszug aus Ägypten und beim Weg durch die Wüste. Da war Gott wie in einem Zelt mit seinem Volk unterwegs.

 

 

Dieses Bild vom Zelt hat der evangelische Pfarrer und Liedermacher Eugen Eckert in seinem Lied aufgegriffen. „Wir haben hier kein bleibendes Haus, aber ein Zelt der Begegnung mit dir“. Ein Haus steht fest, es bietet Schutz und Sicherheit. Ein Zelt dagegen lässt sich hier und dort aufschlagen. Eine Behausung für unterwegs. Unterm Zeltdach ist man dem Wetter ausgesetzt  – aber man ist auch dem Himmel näher.

 

Eckert hat das Lied 1993 zur Einweihung der neuen Seminarkirche in Frankfurt geschrieben. Und ausgerechnet dort singt er davon, dass Gott nicht an Mauern gebunden, sondern mitten im Leben erfahrbar ist - wenn ich mich auf Begegnung einlasse, mich nicht innerlich abschotte sondern berührbar bleibe.

 

Das sind oft nur Momente, keine sicheren Gewissheiten.  Und manchmal ist das schwer auszuhalten. Wir richten uns gern in vertrauten Räumen, in Routinen, in dem, was wir kennen ein. Und zugleich ahnen wir, dass Leben mehr ist. Bewegter. Verletzlicher. Vergänglicher.

Das kann schmerzen. Und es kann trösten. Denn wenn unser Leben vorläufig ist, heißt das auch: Wir dürfen suchen, hoffen, uns aufmachen zu dem Leben, das Gott für uns denkt – ein Leben in Frieden, in Gerechtigkeit, ohne Tränen.

(Musikunterlegung) „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die kommende suchen wir.“ Ein Satz aus der Bibel. Er erinnert daran, dass alles hier vergeht – und weitet zugleich den Blick: Wir tragen eine Ahnung von Gottes Ewigkeit in uns. Und am Ende  finden wir bei ihm nach Hause.

Lied 3. Strophe

Gott, Lebensquell und letzter Halt, wohne unter uns,

dass Hoffnung blühe, dann wird uns nicht kalt, wohne unter uns, unter uns.

Wir haben hier keine bleibende Stadt, vielmehr die kommende suchen wir.

Wir haben hier auch kein bleibendes Haus,

aber ein Zelt, aber ein Zelt, ein Zelt der Begegnung mit dir.

 

Komponist Eugen Eckert, Musik: Herbert Heine

Aufnahme (priv.): Adrian Brenneisen und Jana Maier, Musikhochschule Trossingen 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=43290
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SWR Kultur Wort zum Tag

16AUG2025
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Für Handwerksgesellen ist es ein alter Brauch: Nach bestandener Gesellenprüfung gehen sie auf die Walz. Sie ziehen von Ort zu Ort, um in verschiedenen Betrieben eine Zeitlang mitzuarbeiten. Früher war das oft die einzige Möglichkeit, den eigenen Horizont zu erweitern. Und auch heute gibt es noch junge Gesellen und auch Gesellinnen, die sich auf den Weg machen. Nicht nur um in ihrem Beruf weiterzukommen, sondern auch um als Mensch zu reifen.

Der Aufbruch beginnt mit einem eindrucksvollen Ritual: Man muss über das Ortsschild seiner Heimatstadt klettern und darf, solange man auf der Walz ist, nicht dorthin zurückkehren. So ein Ortsschild ist ganz schön hoch, ohne Unterstützung geht es nicht. Deswegen sind immer andere Handwerksgesellen dabei, die mit ihren Wanderstöcken eine Art Leiter bilden. Und wenn die Neuen dann übers Schild geklettert sind, dann können sie sich fallen lassen, weil die anderen unten stehen und sie auffangen.

In diesem Ritual steckt echte Lebensweisheit: Wer wirklich lernen will, muss die vertraute Zone verlassen. Muss sich strecken, etwas riskieren, sich exponieren. Über sich hinauswachsen – im wörtlichen Sinn. Und dabei zugleich: lernen zu vertrauen. Denn auch das sich Fallenlassen gehört dazu. Die Erfahrung, dass andere da sind, die halten, die mittragen. Und das verändert etwas. Im besten Sinn.

Solche Übergänge in einen neuen Lebensabschnitt gibt es auch sonst: Wenn junge Menschen für eine Ausbildung die Heimat verlassen. Für ein Studium in eine andere Stadt ziehen. Ein Auslandssemester wagen. Oder – viel später – noch einmal ganz neu anfangen – sei es beruflich oder privat. Diese Wege fordern Selbstvertrauen und lassen uns gleichzeitig die Bedeutung von Unterstützung neu begreifen.

Ich sehe in dem Ritual der Walz auch ein spirituelles Bild. Glaube ist nicht die Garantie, dass alles beim Alten bleibt, sondern eine Zukunftshoffnung. Er fordert immer wieder heraus: Brich auf. Lass das Vertraute hinter dir. Zieh ins Leben – es wartet auf dich. Das ist kein bequemes Versprechen. Es braucht Mut und Tatkraft. Aber man geht nicht allein. Es gibt Menschen, die mitgehen, die mittragen – und einen auffangen, wenn man fällt.

Diese Bereitschaft zum Aufbruch wünsche ich mir auch für meine Kirche. Die manchmal so unbeweglich erscheint: Zögerlich, müde und einfach gerne so bleiben möchte, wie sie immer war. Dabei wurden die ersten Christen „Anhänger des Weges“ genannt. Auf die Walz zu gehen, ist daher nicht nur für Handwerksgesellen eine gute Idee.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42620
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SWR Kultur Wort zum Tag

15AUG2025
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Es ist ein Genuss, jetzt über die Sommerwiesen zu gehen. Alles blüht und duftet – Wer bekommt da nicht Lust, einen Blumenstrauß zu pflücken? Vielleicht mit einer Königskerze, Johanniskraut und Ringelblumen, Schafgarbe, Lavendel und Frauenmantel – aus diesen 7 Kräutern wird traditionell ein Buschen für das heutige Fest Mariä Himmelfahrt, gebunden.

Vor allem auf dem Land werden diese Buschen im Gottesdienst geweiht – und danach bindet man sie übern Türstock, macht Tees daraus, oder legt sie unters Kopfkissen.

Die Tradition der Kräuterbuschen ist alt, älter als das Christentum. Bereits die Kelten ehrten in diesen Tagen die Fülle der Natur. Ihre Spiritualität war tief verwurzelt in den Rhythmen der Jahreszeiten.

Dass die Kirche dieses Brauchtum aufgriff und mit Maria verband, überrascht kaum, denn Maria steht stellvertretend für die Schöpfung und alle Geschöpfe.

Eine Legende erzählt: Als Maria gestorben war, wurde sie begraben. Doch als die Jünger später ihr Grab öffneten, war ihr Leichnam verschwunden. Stattdessen fanden sie darin Lilien und andere Blumen und der Erde soll an dieser Stelle ein wunderbarer Kräuterduft entstiegen sein.

Maria ist nicht im Tod geblieben. Ohne Verwesung wurde sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen. Das feiert die katholische Kirche heute – an Mariä Himmelfahrt. 

Mit diesem Glaubenssatz tun sich viele schwer. Aus Maria, einer einfachen Frau, wurde die Himmelskönigin. Ganz entrückt. Weit weg von unserer irdisch-menschlichen Existenz.

Maria ist gestorben. Und sie hat auch ihren Sohn nicht vor dem Tod bewahren können. Doch sie hat erfahren, dass es etwas gibt, das stärker ist als der Tod. Dass es ein göttliches Werden in allem gibt.

Der Apostel Paulus hat das in einem kühnen Bild ausgedrückt: Die ganze Schöpfung geht schwanger mit dem Göttlichen, das geboren werden will. Sie liegt geradezu in Wehen.

Wer sich wie Maria diesem schöpferischen Prozess öffnet, wirkt an der großen Geburt mit. Wer die Hoffnung auf Frieden nicht aufgibt, wer Ungerechtigkeiten überwinden will. Wer spürt, Leben kann man nicht für sich behalten, sondern nur weitergeben.

Mir hilft das Fest Mariä Himmelfahrt dabei diesem Prozess zu vertrauen, dem Werden zu vertrauen. Auch wenn ich mich manchmal mutlos frage, wohin sich unsere Welt entwickelt. Und wenn die Blumen in meinem Buschen trocken geworden sind, erinnert mich ihr Duft und ihre Heilkraft daran, dass mit Gottes schöpferischer Kraft immer noch zu rechnen ist.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42619
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SWR Kultur Wort zum Tag

14AUG2025
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Das kleine Mädchen mir gegenüber in der U-Bahn kuschelt sich eng an seine Mutter. Doch dann lugt es vorsichtig und doch auch neugierig zu mir herüber. Vielleicht ist es zwei Jahre alt. Jedenfalls alt genug, um mit mir Kontakt aufzunehmen. Ich lächele, beginne mit den Fingern kleine Gesten zu machen. Und tatsächlich: Das Mädchen winkt zurück. Es rückt sogar ein bisschen zu mir hin, weg vom sicheren Schutz der Mutter. Ich staune, wie ausdrucksstark sein Gesicht ist – zwischen Scheu und keckem Interesse. Und ich frag mich, was wohl im Kopf des Mädchens vor sich geht.

Die Hirnforschung weiß heute: Unmittelbare Blickkontakte sind für kleine Kinder enorm wichtig. Sie ahmen intuitiv die Mimik ihres Gegenübers nach. Und das wirkt tief, denn über die Mimik werden Gefühle in ihnen wachgerufen. Wenn ein Kind etwa das Lächeln seines Gegenübers nachahmt, empfindet es dadurch Freude. Durch Blickkontakte lernen Kleinkinder also ihre eigenen Gefühle kennen. Das ist ein hochkomplexes Geschehen, denn all die feinen Verbindungen im Gehirn müssen sich erst noch bilden. 

So lernen Kinder auch im Gesicht ihres Gegenübers zu lesen, was der Blick des anderen verrät: Ob sie ihm vertrauen können oder nicht. Wie ist der Blick: liebevoll oder streng?

Psychologen sagen, dass Kinder den Glanz in den Augen ihrer Eltern brauchen, wenn sie angeschaut werden. Dieses Leuchten, das ihnen sagt: Wir freuen uns, dass du da bist.

Das bleibt ein Leben lang wichtig: Wie schauen andere auf mich? Werde ich überhaupt wahrgenommen? Habe ich ein Ansehen in ihren Augen?

Viele tun sich schwer einen Blick länger auszuhalten. Weil da die Erfahrung lauert oder zumindest die Angst: Der andere findet mich nicht gut, er schaut auf mich herab oder er lehnt mich sogar ab.

Und dann gibt es auch diese Augenblicke, die unter die Haut gehen. Wenn ein Neugeborenes zum ersten Mal die Augen aufschlägt und einen anschaut wie aus einer anderen Welt. Da entsteht Bindung. Oder wenn ich jemandem gegenüber ehrlich bin und meine Gefühle offenbare. Dann suche ich in seinem oder ihrem Blick nach einer Resonanz: Wie steht es jetzt mit uns? 

Mich berührt daher eine alte Segensformel aus der Bibel: „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig“ (Numeri 6,25).

Gott sieht mich an. Voll Liebe, voll Gnade. Und ich muss nicht ängstlich und beschämt zu Boden schauen, sondern darf mit ihm Kontakt aufnehmen und darin entdecken: Ich bin wertvoll in seinen Augen.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=42618
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