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SWR3 Gedanken
Wie oft passiert das schon, dass einem einfach so Zeit geschenkt wird? Mir läuft sie meistens davon. Deswegen mag ich die Umstellung auf die Winterzeit. Wenn mir heute Nacht eine Stunde geschenkt wird. Die kann ich bewusst nutzen. Für eine Joggingrunde oder ein gutes Gespräch, oder für einen Moment für mich.
Zeit ist eben mehr als nur das Ticken einer Uhr. Schon die alten Griechen hatten deshalb zwei verschiedene Götter für Zeit. Klingen beide bisschen seltsam. Der erste ist „Chronos“ - der Zähler. Und der zweite ist Kairos – der richtige Moment.
Zeit als „Chronos“ bestimmt meistens meinen Alltag, weil die Zeit einfach so runterläuft. Ich hab vierundzwanzig Stunden, um alles unter einen Hut zu bringen. Arbeiten gehen, Haushalt schmeißen, Kinder betreuen, Essen, Trinken, Schlafen. Und schon ist der Tag vorbei.
Beim alten Gott „Kairos“ geht´s um was anderes. Da geht es um die gute Gelegenheit, und zu Kairos passt die Frage: Wie fühlt sich deine Zeit an? Was ist jetzt, und nur jetzt?
„Kairos“ ist immer dann, wenn die Zeit still steht. Immer dann, wenn ich richtig vertieft bin und es nicht nur drum geht was zu erledigen. Kurz die Zeit vergessen: bei einer herzlichen Umarmung, beim Küssen, wenn ich eine zündende Idee habe. Oder wenn ich eine Gelegenheit beim Schopf packe und einfach mache.
Für morgen bin ich gespannt: Die Stunde Zeit ist geschenkt. der gute alte „Chronos“ sortiert sie einfach ein, eine dreizehnte Stunde und fertig. Aber wenn’s nach Kairos geht bietet auch diese Stunde Gelegenheit für einen besonderen Moment.
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Kaum bin ich losgelaufen, setzt so ein fieser Nieselregen ein. Und ich denk nur: „Bah. Echt jetzt? Da hab ich endlich Zeit zum Joggen und jetzt das!“
Und es kommt noch besser: Ich jogge weiter und sehe überall Menschen auf ihren Balkonen und in ihren Gärten, alle schauen nach oben und machen Fotos. Obwohl es regnet, sind alle gut drauf und freuen sich. Es ist so, als ob die ganze Welt für einen Moment ein „perfect match“ ist. Oder: wie der Himmel auf Erden. Ein, zwei Minuten puren Glücks. Und die Ahnung wie sich echter Frieden anfühlen könnte.
Es sind nur ein paar Augenblicke, und ja, die Welt ist komplex und das Leben nicht immer einfach. Trotzdem hab ich diesen leisen Wunsch in mir, dass sich vieles in der Welt auch so genial ergänzt - so wie Sonne und Nieselregen.
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Jetzt nur noch ein kurzer Abstecher ins Möbelhaus, erst eine neue Pfanne besorgen und dann noch schnell was Essen. Aber mein Plan geht leider nicht auf. Denn die Schlange am Buffet ist zehn Meter lang, und dann auch noch das: Zwei ältere Herren, rustikal und mit breitem Dialekt, drängeln sich dreist an der Absperrung vorbei.
Ich bin sofort auf 180. Kennt man ja: Der Puls geht hoch und es brodelt in einem. Aber „Wozu?“
Ich lass mir von denen nicht meine gute Laune verderben. So wie bei meiner neuen Pfanne lass ich das an mir abprallen. Die hat eine super Anti-Haft-Beschichtung. Nichts bleibt kleben, nichts brennt an. Genau das kann ich auch gut gebrauchen. Sozusagen als innere „Anti-Hass-Beschichtung“. Denn diese kleinen und großen Reizmomente gibt’s doch ständig.
Wenn ich alles an mich ranlasse, brennt’s irgendwann an. Da wird der Tonfall aggressiv und ich koche über. Aber ich kann mir auch angewöhnen Abstand zu halten, ruhig zu bleiben, erstmal durchzuatmen.
Natürlich müssen Dinge auch mal hochkochen und wenn das Fass überläuft, dann läuft es über. Dann muss ich mich aufregen, aber bitte nicht immer.
Manchmal hilft vielleicht so eine „Anti-Hass-Beschichtung“. Für die vielen Momente, in denen das Leben zu schade ist, um sich jetzt aufzuregen.
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Alleinerziehend sein – das ist ein Vollzeitjob plus Extraschicht.
Kinder trösten, Termine organisieren, Geld verdienen, irgendwie durch den Tag kommen – und abends nicht selbst zusammenbrechen.
Sarah Buschmann kennt das. Sie selbst nennt sich „Solomutter“ und hat ein Buch geschrieben. Es heißt: „Das Buch, das du vor dem Alleinerziehen gelesen haben musst.“ Darin erzählt sie nicht nur schonungslos ehrlich, sondern auch ermutigend. Von Finanzfragen und Stress im Kopf. Sie erzählt ohne Selbstmitleid, aber auch wütend und vor allem wünscht sich Sarah Buschmann, dass man sie mehr sieht. Denn: Alleinerziehende sind keine Randgruppe. Es sind Arbeitskolleginnen, Nachbarn, Freundinnen.
Auf jeden Fall alles Menschen, die ihre Kinder lieben. Die jeden Tag großartiges leisten und dabei oft übersehen werden.
Sarah Buschmann schreibt: „Es ist okay, wenn du gerade nur funktionierst. Und es ist auch okay, wenn du’s nicht mehr schaffst.“ Das dürfen sich alle sagen lassen, die grade wirklich nicht mehr können. Nicht als Ausrede, sondern als Erlaubnis. Denn kein Mensch kann immer nur weitermachen.
Ich kann mir persönlich gut vorstellen wie Gott genau das auch sagt. „Du musst nicht immer nur funktionieren…“. Und das gilt für alle, nicht nur für die, die alleine erziehen.
Immer wenn ich mit allem alleine klar kommen muss. Oder wenn irgendwo jemand das Gefühl hat nur auf sich selbst gestellt zu sein: dann sagt Gott: „Ich sehe dich und was du leistest. Alles, was du geben kannst – es ist genug!“
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Mit jeder Fahrt wird’s klarer: Die Bremsen sind durch und mein Auto muss in die Werkstatt. Wie mich das nervt. Ständig ist was: Bremsen, Öl, Reifen. Und als wären neue Bremsen nicht schon teuer genug, ruft die Werkstatt an und sagt: „Übrigens – hinten rechts haben Sie einen Nagel im Reifen. Das muss unbedingt gemacht werden.“ Na super. Aber wenigstens hat sich der Werkstattbesuch gleich doppelt gelohnt.
Mit mir selber ist das nicht viel anders, ich brauche auch ab und zu einen Check. Körperlich und seelisch. Der Haken ist nur: Bei voller Fahrt merk ich oft gar nicht, dass was nicht stimmt. Zum Beispiel wenn ich unzufrieden bin, aber nicht sagen kann woran es liegt. Dafür muss ich anhalten.
Ich habe mir zu Hause meine eigene kleine Werkstatt eingerichtet, nicht für mein Auto, sondern für mich. Im Regal stehen eine Kerze und ein Kreuz.
Da kann ich runterkommen und mich fragen, was gerade rund läuft und was nicht. Ich kann überlegen mit wem ich Streit habe und was mich drückt. Und wie geht’s eigentlich meinem Körper? Alles was mir einfällt, leg ich quasi auf die Hebebühne, und Gott ist dann mein Mechaniker. Er hilft mir, dass mein Leben läuft, er tauscht Verschleißteile und poliert Lebenskratzer. Manchmal drückt er mir auch selbst das Werkzeug in die Hand. Denn Beziehungen flicken oder neue Scheinwerfer einbauen, bei so was muss ich schon selbst mit anpacken. Und das Beste: Im Gegensatz zur Autowerkstatt - kostet es mich nicht einen Cent.
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„Hätte ich das mal früher gesehen, hätte ich anders reagiert.“ Das denke ich mir, als ich mich im Zug über einen älteren Mann ärgere. Er pöbelt rum, benimmt sich daneben. Andere setzen sich schon um. Ich wechsle genervte Blicke mit meiner Sitznachbarin und bin kurz davor, was zu sagen.
Dann sehe ich unter seinem Sitz eine Bierflasche. Er greift danach und nimmt einen kräftigen Schluck – morgens um halb elf. Dann lässt er die Flasche wieder unter seinem Sitz verschwinden. Jetzt verstehe ich mehr. Nicht er ist das Problem – sondern der Alkohol.
Klar, bin ich immer noch genervt von dem Mann. Er riecht unangenehm und seine Sprüche sind dumm. Aber ich verstehe, warum er sich so verhält. Er hat eine heftige Beeinträchtigung, die niemand von außen sehen kann.
. Menschen mit Autismus oder ADHS. Menschen, die mit Depressionen oder einer chronischen Krankheit zu kämpfen haben. Betroffene erleben leider viel zu oft Vorurteile und Unverständnis. Weil man’s eben nicht gleich erkennt.
Woher soll ich auch wissen, dass die Frau an der Backtheke so super lange braucht, weil sie chronische Schmerzen hat. Oder, dass eine meiner Schülerinnen schlechte Noten hat, weil es ihr schwer fällt sich zu konzentrieren.
Genau deshalb ist das hier mein Plädoyer, erst mal natürlich für mich selber: andere nicht vorschnell zu bewerten, nicht gleich urteilen, nicht gleich genervt reagieren. Denn auch wenn ich viele Einschränkungen nicht sehe – sind sie trotzdem da.
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Ein Freund hat zu mir gemeint: „Du musst unbedingt deinen Stromanbieter wechseln!“ Erst hab ich die Augen verdreht, aber dann hab ich festgestellt: Ich bezahle viel zu viel! Ich hab direkt bei meinem Anbieter nachgehakt, aber der Kundenservice war so mies, dass ich sofort gekündigt habe. Jetzt habe ich einen neuen Vertrag: besserer Service, weniger Kosten. Der Strom kommt natürlich immer noch ganz normal aus der Steckdose, aber es fühlt sich besser an.
Mit Gott ist das ähnlich. Egal, ob ich ihn bewusst wahrnehme oder nicht: er ist da. So wie Strom: still und unauffällig. Und ohne ihn geht’s nicht. Nur wie ich mich mit ihm verbinde, das kann sich ändern. Die Frage ist, welcher Anbieter passt am besten zu mir: Der klassische Sonntagsgottesdienst morgens um zehn, das christliche Popkonzert mit großer Bühne und elektronischen Beats oder doch lieber die meditative Yogasession, die im Nachbarort angeboten wird.
Mein Leben verändert sich, da ist es logisch, dass irgendwann das ein oder andere Angebot nicht mehr passt. Anstatt Gott gleich ganz abzuschalten, kann ich es mit einem neuen Zugang versuchen. Denn auch wenn ich Gott nicht direkt sehe oder spüre, für mich ist er da.
Und ganz ehrlich: ein Leben ohne Gott, ist für mich genauso unvorstellbar wie eins ohne Strom.
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Die selbstgebaute Legorakete meines Sohns hat mir schon den letzten Nerv geraubt. Seit Wochen liebt Matteo alles, was mit Weltraum zu tun hat, vor allem sein Spaceshuttle aus Lego. Das muss ich gefühlt jeden Tag mit ihm zusammenbauen und die Hälfte der Teile unterm Sofa rausziehen.
Aber jetzt hat unser dreijähriger Matteo damit einen echten Hammer gebracht. Er rennt mit dem Teil durch die komplette Wohnung und ruft: „Hey Papa, komm wir fliegen damit hoch bis zu Uropa.“ Sofort muss ich schlucken, denn sein Uropa ist noch gar nicht lange tot. Matteo schnappt meine Hand und zerrt mich ins Spielzimmer. Dann erklärt er mir nochmal genauer: „Weißt du Papa, mein Spaceshuttle kann ganz weit hoch in den Himmel fliegen. So weit! Bis zu Uropa Bernhard.“
„Wow, soweit kann das fliegen, das ist aber toll.“ antworte ich. Mein Sohn blickt mich voller Stolz an: „Mhm, der Uropa ist jetzt im Himmel ganz weit oben, oder?“ Ich darauf: „Ja, das hoffe ich.“
Trauern ist nicht leicht. Schon gar nicht im Kinderzimmer. Mein Glaube ist dabei auch ein bisschen wie eine Legorakete. Er schiebt mich immer wieder an und gibt mir die Hoffnung, dass unser Uropa nun an einem besseren Ort ist. Aber so eine Legorakete kann auch mal kaputt gehen. Gerade wenn ich trauere, habe ich oft Zweifel, da fließen auch Tränen und ich muss irgendwelche kaputten Teile in mir drin wieder einsammeln.
Doch das Schöne an Lego und auch an meinem Glauben ist, dass ich einzelne Bausteine niemals wegschmeißen muss. Was irgendwo rausgebrochen ist, kann ich wieder zu was Neuem zusammenbauen. Im Kinderzimmer übe ich jeden Tag, wie das geht.
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Ein Datum oder Tag kann eigentlich kein Stolperstein sein, klar! Aber der heutige Tag ist genau das! Der 8. Mai ist ein Stolperstein in meinem Kalender. Ein Termin, der auffällig „quer liegt“ und an dem ich irgendwie hängen bleibe. Natürlich gibt es x Gedenktage und die meisten gehen an mir vorbei. Aber dieses 80. Jubiläum heute kann und will ich nicht übersehen. So wie die unzähligen goldenen Stolpersteine, die an so vielen Stellen in den Straßen verlegt sind und an die vielen Opfer des NS-Regimes erinnern.
Heute vor genau achtzig Jahren hat Deutschland kapituliert, und damit war der zweite Weltkrieg und die grauenhafte NS-Diktatur endlich vorbei. Das ist ein Ereignis, das gefeiert werden soll, und ich frage mich sofort: „Wie soll das gehen?“ Sicher nicht mit Sekt und Party, eher eben mit Stolpern. Denn wenn ich stolpere, halte ich inne, und schau zurück, was da quer liegt und mich irgendwie aus dem Tritt gebracht hat. Ich will wissen, wie diese unsagbare Katastrophe passieren konnte. Wie es dazu kam, dass unser Land von Hass und Menschenverachtung regiert wurde. Und natürlich was ich heute tun kann, damit so etwas nie wieder passiert. Dafür möchte ich mich heute bücken. Auch wenn es mühsam ist. Ich will bewusst die Namen der vielen Opfer und ihre Geschichte auf den Stolpersteinen lesen.
Gleichzeitig werde ich heute auch feiern. Ich werde feiern, dass dieser Tag Millionen Menschen von Krieg, Hass und Gewalt befreit hat. Und ich feiere heute auch alle, die sich engagieren. Für Vielfalt, Gerechtigkeit und Frieden.
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Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund... Das sind 2,5 Sekunden. So schnell geht ein Boxenstopp von Lewis Hamilton oder Lando Norris. Wenn ich den bei der Formel 1 beobachte, muss ich hin und wieder an Mönche im Kloster denken.
Auch wenn man denkt: Mönche und Formel 1 – das passt doch gar nicht. Die beiden haben was gemeinsam. Denn schon lange bevor es die Formel 1 gab, haben die Mönche in den Klöstern so was wie Boxenstopps gemacht, jeden Tag. Bei den Benediktinern heißt das „Ora et labora“, also „Beten und Arbeiten“. So alle drei Stunden werden Spaten, Kochschütze und Arbeitshandschuhe fallen gelassen und die Mönche treffen sich in der Kirche. Sie machen einen kurzen Stopp mit Gott, nehmen sich einen Moment zum Durchatmen und Gedanken sortieren. Und danach geht´s, wie bei der Formel 1, mit frischer Energie weiter. Nur eben in den Klostergarten oder in die Küche.
Ich finde dieses Prinzip sinnvoll. Natürlich kann ich dafür nicht immer in eine Kirche gehen. Meistens reicht mir aber auch ein Moment im Alltagshusle. Ein kurzes Durchatmen an der Kaffeemaschine im Büro, ein wenig frische Luft in der Mittagspause. Oder ich leg zwischen Staubsaugen und Essen kochen für ein paar Minuten die Füße hoch.
Gerade wenn ich viel zu tun habe, fällt es mir schwer mal kurz Pause zu machen. Aber wie bei der Formel 1 reichen mir manchmal auch nur ein paar Sekunden. Ein kleines Stoßgebet. Mein Boxenstopp mit Gott.
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