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Wir stehen an der Berliner Mauer. Oder besser: an dem Stück, das von ihr noch übrig ist. Mein Mann, meine Kinder und ich sind das erste Mal zusammen in Berlin und wollen hier gemeinsam mehr über die deutsche Geschichte herausfinden. Warum gab es die Mauer, wie haben die Menschen in der DDR gelebt, was ist mit denen passiert, die versucht haben zu fliehen? Und wie muss sich das angefühlt haben, vom Staat beobachtet, bespitzelt zu werden. Oder sogar von Nachbarn und Freunden. Welch tiefes Misstrauen da wohl gewachsen ist.
Und jetzt stehen wir an diesen bunten Resten der Berliner Mauer. Nach dem Mauerfall wurde sie bemalt von Künstlerinnen und Künstlern aus aller Welt. Die Bilder zeigen eindrücklich, worauf die Menschen zu der Zeit gehofft haben: Da tragen Friedenstauben Ketten weg, die jemanden gefangen gehalten haben. Ein Trabi durchbricht die Mauer. Bunte Farben erzählen davon, wie sehr sich die Menschen danach gesehnt haben, frei zu sein und in Frieden zu leben.
Die Hoffnungen, die damals in der Luft lagen, haben sich für viele Menschen nicht erfüllt. Die wirtschaftliche Situation im Osten hat sich für sie verschlechtert. Viele Menschen sind arbeitslos geworden, Betriebe mussten schließen. Menschen, die in ganz unterschiedlichen Systemen groß geworden sind, mussten auf einmal gemeinsam weitermachen. Auch wenn die Betonmauer weg war, das Land war nicht einfach von heute auf morgen eins. Die unterschiedlichen Erfahrungen und Sorgen zeigen sich bis heute und spiegeln sich auch in den Wahlergebnissen der vergangenen Wochen wider.
In Berlin habe ich verstanden: der Tag der deutschen Einheit ist nicht nur eine Erinnerung an ein längst vergangenes Ereignis, sondern bleibender Auftrag. Einheit entsteht nicht einfach, weil eine Betonmauer verschwindet. Sie wächst dadurch, dass wir nicht pauschal über „die anderen“ urteilen. Dass wir uns nicht aufgeben, auch wenn wir uns fremd sind. Dass wir versuchen, uns besser zu verstehen.
Das diesjährige Motto zum Tag der deutschen Einheit lautet: „Viele Stärken – ein Land.“ Ich glaube, es tut uns gut, auf unsere Stärken zu schauen. Statt immer nur darauf, was nicht läuft. Wir haben nicht die gleiche Geschichte, die gleichen Erfahrungen. Ob wir im Westen oder Osten Deutschlands aufgewachsen sind oder aus einem ganz anderen Land nach Deutschland gekommen sind. Aber wir leben heute zusammen hier und wir können gemeinsam die Zukunft gestalten!
Und deshalb würde unser Hoffnungsbild, das wir auf die Reste der Berliner Mauer malen würden, heute so aussehen: Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Religionen, junge und alte wandern zusammen auf einem Weg. Sie reden miteinander, hören sich zu, lachen, helfen sich gegenseitig, wenn ein Hindernis den Weg versperrt und gehen so gemeinsam in Richtung Zukunft.
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Daria ist neun und ein fröhliches Kind. Das war nicht immer so. Als sie vor drei Jahren in die Klasse meiner Tochter gekommen ist, hat sie kein Wort deutsch gesprochen und war sehr schüchtern. Daria hat alles zurückgelassen, was ihr wichtig war: Ihre Freundinnen. Ihr zuhause mit den Tieren und ihren Papa, der in der Ukraine bleiben musste. Ohne die Sprache zu kennen, musste sie sich hier (in Deutschland) zurechtfinden. Meine Tochter und Daria haben sich mit Händen und Füßen verständigt oder über Bilderbücher, später hat das Handy dann geholfen. Inzwischen ist sie ein lebhaftes Kind, das ganz selbstverständlich überall dazugehört. Letztes Jahr zu Weihnachten hat sich ihr größter Wunsch erfüllt: ihr Papa ist endlich aus der Ukraine zu ihnen gekommen.
In die Klassen meiner Kinder sind in den letzten Jahren immer wieder Kinder aus anderen Ländern gekommen. Alle haben ihre eigene Geschichte, haben alles hinter sich gelassen, was ihr Leben bis dahin ausgemacht hat. Alle vermissen ihre Familie, ihre Freunde und müssen sich neu einfinden in einem ganz fremden Land.
Mich bewegen diese Schicksale sehr. Umso unverständlicher ist für mich, dass Parteien Wahlkampf auf dem Rücken dieser Menschen machen. Denn: Ich würde genau dasselbe tun wie Darias Mama: Wenn wir hier nicht mehr leben könnten, weil es Krieg gibt oder wir nichts mehr zu essen hätten und um das Leben unserer Kinder fürchten müssten würde ich alles dafür tun, dass meine Kinder in Sicherheit leben können.
Diese Woche findet in vielen Kirchen und Gemeinden die interkulturelle Woche unter dem Motto „Dafür!“ statt. Tausende Menschen setzen damit ein Zeichen für eine vielfältige Gesellschaft, in der wir gut zusammenleben und solidarisch sind mit denen, die Unterstützung brauchen. Die interkulturelle Woche ist eine Initiative der evangelischen, katholischen und griechisch-orthodoxen Kirche, unterstützt von vielen Gewerkschaften, Verbänden und Initiativen.
Ich finde solche Initiativen gerade in diesen Zeiten unglaublich wertvoll. Wir sprechen viel über Menschen, die gegen andere hetzen und die Schuld für allerlei Probleme auf diejenigen schieben, die ihnen fremd sind. Dabei gibt es so viele Menschen, über die man stattdessen reden sollte – weil sie sich für andere einsetzen. In Geflüchtetenunterkünften mithelfen. Sprachkurse anbieten oder mit zum Amt gehen. Oder einfach die neue Nachbarsfamilie freundlich begrüßen und zum Kaffee einladen.
Ich bin froh, dass die katholische und evangelische Kirche sehr deutlich gemacht haben: Als Christinnen und Christen stellen wir uns entschieden gegen rechten Populismus. Wir stehen an der Seite der geflüchteten Menschen und sind solidarisch mit denen, die Hilfe brauchen. Weil Jesus selbst das ganz genauso gemacht hätte.
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Ich sitze mit meinen Kindern im Wohnzimmer vor einem riesigen Haufen von Holzbausteinen. Während ich noch überlege, was ich damit bauen könnte, stapeln die Kinder schon drauflos. Mich fasziniert das immer wieder – dass Kinder einfach loslegen, ohne schon zu wissen, was dabei rauskommt. Sie legen einen Stein auf den anderen, nach und nach wird daraus eine Form. Eine Burg, erklärt meine Tochter. Und während sie weiterbaut, entsteht in ihrem Kopf eine ganze Geschichte rund um diese Burg.
Mir fällt das nicht so leicht. Manchmal kommt es mir vor, als hätte ich als Erwachsene verlernt, was für Kinder so einfach ist: diesen spielerischen Zugang zur Welt. Statt einfach mal anzufangen, hätte ich gerne vorab eine klare Idee, einen Plan, der mir hilft, möglichst wenig Fehler zu machen. Das kann für bestimmte Aufgaben ja auch wichtig sein, beim Bausteine stapeln mit meinen Kindern hilft es aber meistens nicht.
Da haben die Holzbausteine für mich ziemlich viel mit dem Beten gemeinsam: Viele denken, es braucht dafür Regeln und Anleitungen, wie bei einem komplizierten Brettspiel. Aber ich glaube, es ist genau anders: Es gibt da nicht den einen Plan, der zum Ziel führt. Auch kein fertiges Endergebnis, das schon vorher feststeht. Beten hat für mich viel mehr damit zu tun, anzufangen; und dann nach und nach zu entdecken, wohin es mich führt.
Beten, das passiert bei mir oft so nebenbei – wenn ich aus dem Fenster schaue, wenn meine Gedanken abschweifen. Wenn mich etwas berührt, wenn ich spüre, wie dankbar ich bin. Manchmal ist es nur ein Seufzer, wenn ich mir Sorgen mache. Mein Herz betet dann oft schon, noch bevor mein Kopf klare Gedanken dazu fassen kann. Manchmal wird daraus mehr. Die Dankbarkeit bekommt ein Du, ein Gegenüber. Die flüchtigen Gedanken sortieren sich, bekommen eine Form, und werden zum Gebet.
Diese Erfahrung, die ich beim Beten und Spielen mache, die ermutigt mich: Wenn ich in meinem Leben manchmal vor einem ganzen Haufen voller Aufgaben oder Probleme stehe, dann warte ich nicht mehr auf den perfekten Plan. Ich denke daran, wie ich mit den Kindern Bausteine staple und fange einfach an. Stein um Stein, Aufgabe für Aufgabe. Und ich kann darauf vertrauen, dass die guten Ideen dann unterwegs kommen - wie beim Spielen und Beten.
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Wer bist du, wenn du nichts leistest? Diese Frage habe ich auf dem Weg zur Arbeit in einem Podcast gehört und sie hat mich getroffen. Ich habe den Eindruck: wir definieren uns oft über das, was wir leisten. Also: Wie viel wir arbeiten, was wir alles unter einen Hut und geschafft bekommen. Sei es bei der Arbeit oder zuhause. Es gibt immer etwas zu tun, meine To-Do Liste ist niemals fertig. Die Wäscheberge, die Kindergeburtstagsplanung, die Reparatur am Balkon, die längst hätte gemacht werden sollen.
Wer bist du, wenn du nichts leistest? Diese Frage trifft bei mir einen wunden Punkt. Oft genug habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Pause mache, weil noch so viele unerledigte Aufgaben auf mich warten. Als hätte ich mir meine Freizeit erst dann verdient, wenn alles abgearbeitet ist.
In unserer Leistungsgesellschaft stellt sich die Frage aber noch viel grundlegender für Menschen, die nicht im klassischen Sinne produktiv sein können: weil sie krank sind, sehr alt, erschöpft oder arbeitslos. Viele erleben dann plötzlich, wie sehr ihr Wert infrage gestellt wird – von anderen, aber auch von sich selbst. Ganz offen formuliert wird das in Diskussionen um Bürgergeld oder bedingungsloses Grundeinkommen, wenn es um die Frage geht, was Menschen zusteht, die keiner Erwerbsarbeit nachkommen.
Die Bibel ist da sehr klar: Noch bevor Menschen irgendetwas tun, bevor sie erfolgreich sind oder scheitern, heißt es: Wir alle sind Ebenbilder Gottes. Nicht erst der starke, erfolgreiche oder belastbare Mensch, sondern jeder von uns- von Anfang an bis zum Ende. Diese Zusage gilt bedingungslos: unser Wert ist nicht daran geknüpft, was wir leisten. Gott liebt uns um unserer selbst willen.
Ich merke allerdings: auch wenn ich diese Zusage anderen schon so oft zugesprochen habe: Mir fällt es schwer, mir das selbst zuzugestehen. Vielleicht nehme ich mir ein Vorbild an meiner Tochter. Die hat sich letztens eine ToDo-Liste geschrieben mit schönen Dingen, die sie tun will. Darauf steht sowas wie: sich erholen, Späße machen, Freundinnen treffen und Chips essen.
Ich glaube, so eine Liste zu schreiben, kann ganz hilfreich sein, um herauszufinden, wer ich bin und was mich ausmacht, wenn ich nichts leisten muss. Und sie sollte genauso ernst genommen werden, wie die mit den anderen ToDos.
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Zwölf Jahre lang zieht sie verzweifelt von Arzt zu Arzt. Sie unterzieht sich allen möglichen schmerzhaften Behandlungen, die sie um ihr ganzes Geld bringen. Ohne Erfolg - ihre Blutungen und ihre Schmerzen werden nur schlimmer. Die Geschichte dieser namenlosen Frau findet sich in der Bibel wieder. Sie könnte aber genauso heute von unzähligen Frauen berichtet werden.
Denn auch heute noch, zweitausend Jahre nach dieser Erzählung, dauert es im Schnitt zehn Jahre, bis Endometriose bei betroffenen Frauen erkannt wird. Möglicherweise war das die Krankheit, an der die Frau in der Bibel gelitten hat. Endometriose verursacht stärkste Periodenschmerzen und Blutungen und viele weitere Symptome, die jahrelang als normal abgetan wurden. Der Grund dafür: obwohl so viele Frauen an dieser Krankheit leiden, ist sie viel zu wenig erforscht.
Sehr viele Frauen machen laut Studien die Erfahrung, bei gesundheitlichen Beschwerden nicht ernst genommen zu werden. Schmerzen werden oft als psychosomatisch abgetan: „Das ist sicher nur der Stress!“. Das hat fatale Auswirkungen: Frauen sterben beispielsweise mehr als doppelt so häufig nach einem Herzinfarkt als Männer. Ihre Symptome sind oft anders als die der Männer, werden deshalb nicht erkannt und zu spät behandelt. Auch Medikamente sind oft auf männliche Körper abgestimmt und wirken sich bei Frauen anders aus, was schlimme Folgen haben kann.
Prof. Dr. Mandy Mangler ist Chefärztin einer Gynäkologie und sagt: das muss sich dringend ändern. Medizin muss in allen Disziplinen geschlechtersensibel werden. Dafür braucht es neben allgemeiner Sensibilisierung viel mehr verantwortliche Frauen in Medizin und Forschung. Das ist die eine Seite. Gleichzeitig rät sie allen Frauen: Trauen Sie der eigenen Wahrnehmung und bleiben Sie hartnäckig dran, wenn sie abgewiesen werden.
Das erinnert mich wieder an die Frau aus der Bibel, die hartnäckig bleibt, obwohl ihr jahrelang nicht geholfen wird. Als sie von Jesus hört, drängt sie sich durch eine große Menschenmenge, um ihn zu berühren. Und obwohl so viel Trubel herrscht, nimmt er sie wahr, er sieht sie an und spricht mit ihr. Und tatsächlich heilt sie dadurch.
Ich finde, diese Geschichte ist am heutigen internationalen Frauengesundheitstag so aktuell wie damals: Die Frau ist für mich ein Vorbild darin, für mich einzustehen, nicht aufzugeben. Und Jesu Verhalten zeigt, was wirklich hilft: Genau hinschauen und ernst nehmen, was Menschen erzählen– egal welches Geschlecht sie haben. Denn dadurch wird Heilung möglich.
Quellen:
Rebekka Endler: Das Patriarchat der Dinge. Warum die Welt Frauen nicht passt, S. 243-276.
Medical Gaslighting: Wenn Ärzte Symptome nicht ernst nehmen | ndr.de
Fast jede dritte Frau im Gesundheitssystem benachteiligt
Medical Gaslighting: Warum Frauen systematisch benachteiligt sind
„Es ist schamlos, die Perspektive von Frauen überhaupt nicht zu erfragen“ - gofeminin
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Vor ein paar Tagen ist unsere Katze einfach verschwunden. Wir haben das ganze Haus nach ihr abgesucht, jeden Schrank und jede Kiste, dann den Garten und die ganze Nachbarschaft, aber sie ist einfach nicht mehr aufgetaucht. Das ist vorher noch nie passiert und wir haben uns ziemliche Sorgen gemacht. In meiner Not habe ich dann auch in die Whatsapp-Gruppe geschrieben, die es in unserem Stadtteil gibt.
Diese Gruppe ist für mich einfach Gold wert. Angefangen hat sie als Flohmarkt-Gruppe: Die einen stellen Sachen ein, die sie nicht mehr brauchen und andere können dann vorbeikommen und sie für ein paar Euro oder im Tausch gegen was anderes abholen. Ich finde darüber immer wieder Sachen die wir brauchen können, vom Fahrrad bis zur Winterjacke für die Kinder. Das ist nicht nur günstiger, sondern auch viel nachhaltiger, als alles neu zu kaufen und das finde ich richtig gut.
In dieser Gruppe wird inzwischen aber viel mehr als nur abgelegte Kleidung geteilt. Zum Beispiel Tipps für gute Handwerker oder Veranstaltungen am Wochenende. Oder der Hilferuf nach Ladenschluss, ob noch jemand eine Packung Hefe im Haus hat. Wie gut kenne ich das, wenn einem der Kinder abends im Bett noch einfällt, dass es morgen für die Schule ja ganz dringend noch einen Kuchen braucht. Meistens findet sich jemand, der sich meldet und helfen kann.
Was als Flohmarktgruppe angefangen hat, bringt unseren Stadtteil irgendwie näher zusammen, das mag ich wirklich sehr. Denn die Menschen hier teilen Wertvolleres, als ausrangiertes Spielzeug: Nämlich das Gefühl, nicht allein zu sein mit den Fragen und Problemen, die der Alltag so mit sich bringt. Weil da andere sind, die aufmerksam sind, die sich kurz Zeit nehmen, einen guten Tipp weitergeben oder Hilfe anbieten.
Ich glaube, das ist es, was wir als Gesellschaft brauchen. Die tägliche Nachrichtenflut mit all den großen Problemen kann schnell dazu führen, dass wir uns ohnmächtig fühlen oder allein mit unseren persönlichen Sorgen.
Unsere Whatsapp-Gruppe zeigt immer wieder: gemeinsam geht’s besser. Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt beginnt ganz klein: Mit einem Stück Hefe, mit einem Tipp fürs beste Café der Stadt oder mit Nachbarn, die gemeinsam Ausschau halten nach der entlaufenen Katze.
Die stand am nächsten Tag übrigens wieder ganz von allein vor der Tür, als wäre nichts gewesen. Für mich hat sich aber einiges verändert. Ich habe gespürt, was es für einen Unterschied macht, nicht allein zu sein mit unserer Sorge, weil da Menschen sind, die mit uns die Augen offenhalten und mitfiebern. Und dafür bin ich bis heute wirklich dankbar.
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„Was ist der Mensch?“ Diese uralte Frage stellt sich heute wieder ganz neu. Denn künstliche Intelligenz kann inzwischen Vieles, von dem wir bisher gedacht haben: Das macht uns als Menschen aus. Sie beantwortet komplexe Fragen und spricht mit uns, sie berät bei Sorgen und diagnostiziert Krankheiten. Für manche ist die KI schon jetzt eine Art „Freundin“, sich mit ihr zu unterhalten fühlt sich für Viele sehr menschlich an.
Was macht uns als Menschen aus? Was macht den Unterschied– zwischen dem Gespräch mit einer KI und mit meinem realen Gegenüber? Wenn ich einem Menschen begegne und mit ihm spreche, dann entsteht eine Beziehung zwischen uns: ich lasse mich auf den anderen ein, vertraue ihm vielleicht etwas an, wir beide öffnen uns. Was ich sage, was ich tue, hat natürlich Auswirkungen auf den anderen. Ich mache mich dadurch verletzlich und kann ebenso den anderen verletzen. Und dafür bin ich verantwortlich.
Bei einer Interaktion mit der KI ist das nicht der Fall. Sich mit ihr zu unterhalten ist einfach. Aber: Sie fühlt nicht, sie leidet nicht. Sie kann nicht von mir verletzt werden.
Was uns als Menschen besonders macht ist also vielleicht gar nicht so sehr, dass wir bestimmte Fähigkeiten haben. Uns macht nicht aus, dass wir intelligent sind, leistungsfähig, erfinderisch, sondern dass wir verletzlich sind. Denn gerade darin können wir mitfühlen, wenn andere leiden, können wir Schmerz nachempfinden und dann auch Verantwortung für andere übernehmen.
Spannend finde ich daran: Gott macht genau das auch. Er wird in Jesus Mensch er leidet und stirbt sogar am Kreuz. Nicht seine Stärke macht ihn aus, sondern seine Schwäche. Genau deshalb ist Gott für mich so nah, weil er selbst verletzlich ist. Mir hilft das, mich ihm anzuvertrauen. Ansonsten wäre er ein abstrakter Begriff, unverwundbar. Wie eine KI.
Menschsein passiert da, wo wir verletzlich sind, wo wir Fehler machen und sie uns und anderen verzeihen. Wo wir Verantwortung übernehmen für diese Welt und füreinander da sind. Das macht uns wahrhaft menschlich und verbindet uns mit Gott.
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In Minneapolis protestieren seit Tagen tausende Menschen gegen die Abschiebepolitik Trumps. Bei Minusgraden verharren sie Stunden auf der Straße, um sich gegen die Gewalt und Willkür der Ausländerbehörde ICE zu stellen, die durch die Stadt zieht und Angst verbreitet.
Auffällig ist diesmal: Viele Geistliche sind mit auf der Straße. Christliche Pfarrerinnen, Imame, Rabbis, Ordensleute. Sie alle sind erkennbar an ihrer geistlichen Kleidung,ort unterwegs, wo viele Einwanderer wohnen. Sie beobachten und dokumentieren die Aktionen von ICE, versuchen zu deeskalieren und Demonstrierende zu unterstützen.
Sehr bewegt hat mich ein Video, das zeigt, wie diese Geistlichen unterschiedlicher Religionen nebeneinander auf dem Boden knien. Sie beten und singen mit den Demonstrierenden, bevor sie von den Polizisten abgeführt und verhaftet werden.
Eine beteiligte evangelische Pfarrerin begründet ihren Einsatz folgendermaßen: „Unsere Aufgabe ist es, dort zu sein, wo Menschen Angst haben. Glaube darf nicht neutral bleiben, wenn Unrecht geschieht.“
Schon in den vergangenen Wochen sind viele Gemeinden zu Hilfezentren geworden. Sie haben Einwanderer unterstützt, Papiere beschafft und Essen nach Hause geliefert - an die, die aus Angst vor den ICE-Agenten das Haus nicht mehr verlassen konnten. 1300 Pakete wurden von Freiwilligen jeden Tag gepackt und ausgeliefert.
Rev. DeWayne Davis fasst bei einer Pressekonferenz der Geistlichen zusammen, was sie alle antreibt. Er sagt: „Wir verstehen die Bedeutung des Glaubens: Wir sind alle verbunden. Wir gehören zusammen. Wir sind Teil eines Volkes, eines menschlichen Körpers, der nach dem Bild eines liebenden und schönen Gottes geschaffen ist, der möchte, dass alle Kinder Gottes frei sind.“
Für mich senden die Geistlichen in Minneapolis ein Zeichen weit über die Stadt hinaus: Schweigen ist keine Option, wenn die Würde und das Leben von Menschen auf dem Spiel stehen.
Hundreds of clergy descend on Minneapolis and go on lookout for ICE
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Ich bin ganz ehrlich: Bei uns im Wohnzimmer hängt noch die Weihnachtsdekoration. Die Krippe hab ich erst vor ein paar Tagen abgebaut. Ich bin bisher nicht dazugekommen und irgendwie wollte ich es wohl auch noch nicht ganz wegpacken, dieses Weihnachtsgefühl.
Ich glaube, damit bin ich nicht allein. Denn traditionell ging die Weihnachtszeit bis heute - bis zum Fest Lichtmess. Solange blieb früher auch der Weihnachtsbaum aufgebaut. Das hat sich mit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils in den 1960er Jahren dann geändert, inzwischen endet die Weihnachtszeit nach Dreikönig.
Auch wenn ich es nicht bewusst deshalb gemacht habe – ich mag, dass in der alten Tradition Weihnachten nachwirken darf. Denn dieses Funkeln und Leuchten im Advent und der Weihnachtszeit liebe ich besonders im Winter.
Das heutige Fest Mariä Lichtmess erinnert genau daran. Denn heute werden in den katholischen Kirchen traditionell die Kerzen gesegnet, die in diesem Jahr dort brennen werden. Auch wenn die Weihnachtszeit vorbei ist, sollen Kerzen das ganze Jahr an das Leuchten von Weihnachten erinnern. Daran, dass Jesus das Licht der Welt ist. Und dass wir alle Licht füreinander sein können.
Diese Symbolik finde ich richtig schön - denn Zeiten, in denen wir ein Licht brauchen können, gibt es schließlich das ganze Jahr über. Manchmal kann das tatsächlich eine Kerze sein. Meine Mutter hat früher immer ein Licht für uns Kinder angezündet, wenn wir eine Prüfung geschrieben haben. Oder wenn jemand eine Operation hatte oder sehr krank war. Nicht die Kerze selbst verändert dabei etwas. Sondern, dass jemand an mich denkt, jemand ein Licht für mich anzündet, das kann Kraft geben.
Meine Kinder lieben es, in der Kirche eine Kerze für Oma und Opa anzuzünden und ein kurzes Gebet zu Gott zu schicken. Es ist noch nicht so lange her, dass die Großeltern gestorben sind. An die Menschen zu denken, die uns besonders am Herzen liegen, kann ein warmes Erinnerungsleuchten in uns anzünden.
Einen dunklen Tag heller machen, das kann auch ein aufmunterndes Lächeln; oder jemand der zuhört, der mir das Gefühl gibt, gesehen zu werden mit dem, was mich gerade beschäftigt. Das heutige Fest Lichtmess erinnert mich daran: Licht für andere können wir dadurch sein, dass wir uns umeinander sorgen und füreinander da sind. Dass wir in dunklen Zeiten von unserer Hoffnung erzählen und uns für andere einsetzen, die dringend ein Licht brauchen können.
https://www.kirche-im-swr.de/?m=43784SWR1 Anstöße sonn- und feiertags
„So wie es ist, kann es nicht bleiben.“ Davon ist Svenja Stumpf überzeugt, als sie 2019 beschließt, sich im Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland einzubringen. Als eine von 15 jungen Leuten beim sogenannten Synodalen Weg hat sie mitdiskutiert und entschieden, was sich dringend ändern muss. Alles auf dem Hintergrund der bohrenden Frage: Was hat dazu geführt, dass die unzähligen Fälle sexualisierter Gewalt in der Kirche möglich waren? Warum wurden Betroffene nicht geschützt und Täter über lange Zeit gedeckt?
Gestern ist dieser Reformweg in Stuttgart zu Ende gegangen. Mehr als 200 Menschen waren daran beteiligt – Bischöfe und Laien, also nicht geweihte Gläubige, die gemeinsam über Themen wie Macht und Sexualmoral, Gleichberechtigung und Zölibat gesprochen haben. Ganz besonders beeindruckt haben mich die jungen Synodalen, die alle zwischen 16 und 30 Jahre alt waren.
Diese jungen Menschen haben sich Problemen gestellt, die sehr viel älter als sie selbst sind. Sie haben sich eingesetzt, weil für sie klar war, dass es so nicht weitergehen darf. In einer Versammlung voller Bischöfe, Theologieprofessorinnen und langjährig Engagierten haben sie ihre Stimmen erhoben und mutig von dem erzählt, was sie in der Kirche erlebt haben, was sie verletzt und enttäuscht hat und von dem, was ihnen Hoffnung gibt. Und genau das hat viele bewegt.
Svenja ist in der katholischen Jugendarbeit groß geworden und hat dort erfahren: Wenn ich will, dass sich was ändert, dann muss ich mich einbringen. Das hat sie intensiv versucht und dabei viele Höhen und Tiefen erlebt – wie der fehlende Wille mancher, etwas zu verändern oder die Ablehnung eines wichtigen Grundsatztextes zur Sexualmoral. Für Svenja war das ein Tiefpunkt.
Warum hat sie trotzdem weitergemacht, obwohl es sich oft ganz schön aussichtslos angefühlt hat? Svenja sagt: „Was mich getragen hat, war die Gemeinschaft unter den jungen Synodalen. Dieses Gefühl, dass wir gemeinsam versuchen, etwas zu bewegen. Dass wir gespürt haben, wir sind nicht allein, es sind viele, die sich für diese Veränderungen einsetzen.“
Ihre Hoffnung hat sich dabei verändert. Früher hat sie darauf gehofft, dass die Bischöfe etwas ändern. Jetzt glaubt sie daran, dass die Veränderung von unten kommen muss, von denen, die vor Ort neue Formen von Kirche ausprobieren und leben.
Svenja und die jungen Synodalen haben mir immer wieder gezeigt, was es heißt, nicht aufzugeben, auch wenn es schwierig wird. Nicht auf andere zu warten, sondern selbst aktiv zu werden, wo wir das Gefühl haben: So wie es grade läuft, tut es mir und anderen nicht gut. Das kann in der Kirche sein, aber genauso im Beruf, in der Familie oder in der Gesellschaft. Auch wenn es manchmal ganz schön anstrengend ist- es braucht Menschen, die anfangen, damit sich etwas verändern kann.
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