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SWR4 Sonntagsgedanken

17MAI2026
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„Das kalte Herz“ – ich weiß noch genau, wie unheimlich mir dieses Märchen als Kind  gewesen ist. Wenn die Stimme von der Märchenschallplatte erzählt hat, wie der arme Kohlenmunk-Peter sein warmes, lebendiges Herz hergibt und sich dafür von einem bösen Waldgeist einen Stein in die Brust setzten lässt: das hat bei mir richtig Beklemmungen ausgelöst – und tut es bis heute: Ein warmes, lebendiges Herz gegen einen kalten Stein – und – gegen Geld, viel Geld, Erfolg und Ansehen. Manchmal denke ich, bei mir hat sich das so festgesetzt, dass ich bis heute ein gewisses Misstrauen habe gegen Leute, die wirklich erfolgreich sind. Und klar: um erfolgreich zu sein, muss man ja auch wirklich zielstrebig sein und seine Gefühle unter Kontrolle haben – um ganz nüchtern Entscheidungen zu treffen, manchmal sicher auch harte. Aber hat man deshalb gleich ein hartes Herz, kalt wie Stein?

Außer Beklemmung löst die Vorstellung inzwischen aber auch Neid bei mir aus.  Neid. Ja wirklich. Ich bin ein bisschen neidisch, wenn ich sehe, wie manche Menschen eher ihr Leben unter Kontrolle haben und eher kühl und rational über ihr Leben entscheiden. Wie viele andere auch möchte ich glauben, dass man das lernen kann. Und lese deshalb im Netz oder irgendwelchen Zeitschriften  Ratschläge wie: „So bleiben Sie zuversichtlich.“ Oder „So treten sie souverän vor ihren Kollegen auf.“ Oder „Mit dieser Ernährung werden sie garantiert 100 Jahre alt“ und „Mit dieser Geldanlage starten Sie sorgenlos in die Rente“.

Kontrolle – Rezepte gegen zu viel planlose Spontanität – quasi als eine Art Schutzhülle für mein lebendiges, weiches Herz und meine Seele. Weil ich sonst in den vielen Herausforderungen und Fragen unserer Zeit untergehen könnte.

Aber – kann das gehen? Ein Leben nach Rezept und Anleitung? Um cool die Kontrolle zu behalten? Ist das nicht doch auch gefährlich und könnte aus der Schutzhülle rund um mein Herz am Ende ein Panzer werden? Mein Herz hart werden – und am Ende tatsächlich kalt?

Wenn es mir zuviel wird – besonders abends, wenn ich alleine bin und ins Grübeln komme, kann mir das tatsächlich passieren: Dass ich finster werde, pessimistisch und auch meine Mitmenschen anfange, nach Schema F zu beurteilen. Als ich das gemerkt habe, ist mir auch das Märchen vom „Kalten Herz“ wieder eingefallen. Ich habe es – nach so vielen Jahre – noch einmal nachgelesen.

Tatsächlich tauscht der Kohlenmunk-Peter sein Herz nicht einfach nur gegen Geld ein. Er gibt es auch her, weil ihm seine Gefühle zu viel werden. Er kann mit dem Stein in der Brust zwar nicht mehr lieben – er muss aber auch nicht mehr leiden, traurig sein oder mit anderen mitfühlen. Er ist also nicht einfach nur gierig nach Geld. Sondern er möchte einfach auch etwas Ordung und etwas Orientierung für sein Leben. Weil das Leben nun mal kompliziert ist.

Ich kann das so gut nachvollziehen, wie wahrscheinlich die meisten Menschen. Wie schon in früheren Zeiten und auch zu biblischen Zeiten, als der Prophet Jeremia gelebt hat. Das Leben damals war extrem unübersichtlich. Die Menschen haben versucht, cool zu bleiben und sich an Gottes Geboten und Regeln zu orientieren.

Ich stelle mir vor, dass sie dabei aber auch langsam hart geworden sind. Ihr lebendiges Herz und ihre Seele eingeschlossen haben und sich am Ende hinter Gottes Geboten nur noch versteckt haben. Sie mechanisch befolgt haben.

Aber so  ist Gottes Bund mit seinem Volk nie gedacht gewesen. Gott wollte mit seinen Geboten das Herz der Menschen ja erreichen. Stattdessen schotten sie sich jetzt damit ab.

Im Jeremia-Buch wird erzählt, dass Gott deshalb einen Neustart unternimmt. Er schließt einen neuen Bund mit seinem Volk und verspricht: „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.“ (Jeremia 31, 33b)

Gottes Regeln sollen ein Teil werden vom lebendigen und warmen Herzen der Menschen. Sie können aufhören, krampfhaft alles kontrollieren zu wollen und dürfen wieder weich werden. Und obwohl da Risiko bleibt, verletzt zu werden, lohnt es sich. Ist Gott mit dabei – ins Herz geschrieben.

Loslassen, wieder weich werden – mit weniger Kontrolle und angelernten Lebensregeln – aber dafür mit dem Vertrauen, dass ich mich von Gottes Regeln leiten lassen kann. Das gelingt mir hoffentlich wieder aufs neue.

Im Märchen, übrigens, da bekommt der Kohlenmunk-Peter sein lebendiges, weiches Herz zurück. Durch die Liebe seiner Frau. Und ab da meistern sie gemeinsam die Herausforderungen des Lebens.

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SWR1 Begegnungen

10MAI2026
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Martin Heubach Foto: privat

Pfarrerin Barbara Wurz und trifft heute Diakon Martin Heubach: Diakon im Ruhestand – ehrenamtlich nach wie vor stark engagiert…

Während wir uns unterhalten, merke ich schnell: So ganz trifft es das nicht. Martin Heubach ist nicht der Typ, der einen Beruf hat – sondern eher eine Berufung. Und er ist auch nicht einfach engagiert – sondern lebt, was er glaubt – als Christ. Eine Lebenshaltung, die ihn weit hat herumkommen lassen - viel weiter, als seine Familie das zu Beginn gedacht hätte:

Ich war ein ganz schlechter Hauptschüler und mein Vater hat immer gesagt gehabt: „Aus dir wird mal nix.“ Weil ich nicht gelernt habe, und weil mir alles andere wichtig war. Zum Beispiel mit zehn hab immer erst Mopedle gekriegt - eine Quickly - und die konnte ich auseinander bauen und wieder zusammen und bin Gelände gefahren, bis ich dann Schrott gefahren habe.

Das Motorrad sollte später wieder eine wichtige Rolle in seinem Leben bekommen. Doch zunächst hat Martin Heubach Elektromechaniker gelernt. Und ging mit seiner Volljährigkeit als Zivildienstleistender zum evangelischen Jugendwerk.

Und während diesem Zivildienst im Jugendwerk habe ich so für mich den Ruf des Himmels erfahren; Geh aus seinem Vaterland in ein Land, das ich dir zeigen werde. Ich werde dich - obwohl aus dir nichts wird - zum Segensträger machen.

Geh aus deinem Vaterland – das ist ein Wort aus dem Alten Testament der Bibel. Und bedeutet für Martin Heubach: verlasse die üblichen oder scheinbar vorgezeichneten Wege – und folge dem Ruf: Anderen zum Segen zu werden.

Meine Leidenschaft gilt denen, die nicht in die Kirche kommen, (…) und die kann ich dort treffen, was meine Leidenschaft ist. (…) Über Sachen, die mir Spaß machen und da wo ich brenne, da kann ich auch Leute zum Brennen bringen.

Und eine seiner Leidenschaften ist Motorradfahren. Den Helm aufsetzten, den Motor starten und dann …

… eben den Wind, die Geschwindigkeit, die Kurven, die Landschaft, die anderen Menschen, die mitfahren: Das ist für mich ein Hauch vom Himmel.

Auf der Straße begegnet man sich. Und weil Martin Heubach der Meinung ist, dass Kirche dort stattfinden muss, wo das Leben stattfindet, engagiert er sich im Arbeitskreis „Motorrad und Kirche“ für die Motorradgottesdienste in ganz Baden-Württemberg. An Christi Himmelfahrt am kommenden Donnerstag zum Beispiel, da finden um 10 Uhr gleich zwei statt: der eine beim Hessigheimer Dreschschuppen, der andere in Bad Überkingen. 

 

Mit anderen ins Gespräch zu kommen - ihnen abzuspüren, ob sie etwas erzählen wollen oder ob sie etwas auf dem Herzen haben -  und dann den Raum dafür zu geben, das ist die Segensgabe von Martin Heubach. Auch früher schon, als er als Seelsorger auf der Stuttgarter Messe gearbeitet hat.

Und dann hat eben einer gesehen, wenn einer Namensschild hat, dass sie mir ja der will nichts kaufe, sondern mich irgendwo auf der Messe. Und dann sagte er: „Wissen Sie, eigentlich wollte ich jetzt grad lieber bei der Beerdigung von meinem Freund Vater, der sich das Leben genommen hat, sein. Aber ich kann es nicht, weil ich hier auf der Messe gebunden bin.“

Ob es nun die Gespräche auf der Stuttgarter Messe gewesen sind oder die auf der Straße beim Motorrad-Fahren: Es sind die zentralen Fragen des Lebens, die bei Martin Heubach immer mitschwingen.

Hast du für dich geklärt: Wo komme ich her? Bin ich, weil meine Eltern nicht aufgepasst haben? Ungewollt? Oder bin ich ein von Gott geschaffenes und gewolltes Kind? (…) Die zweite Frage heißt: Warum lebe ich? (…) Neulich hat man in Lastwagenfahrer erzählt: Na ja, dass eben die Menschheit erhalten bleibt, das ist mein Sinn des Lebens. Oder dass ich ein schönes Häusle habe oder mit meine Kinder protzen kann… Das ist für mich zu wenig. Wenn ich da ein Sinn habe, anderen helfen zu könne, anderen die Augen aufzumachen, dass es mehr gibt im Leben.

Und die dritte grundlegende Frage des Lebens: Was kommt, wenn das Leben endet?

Dafür bürgt die Bibel und das glaube ich auch: Es geht weiter, mit einer Identität „Martin Heubach“.  Ja (…) Ist doch anders, wie wenn ich sage muss: Puh, ja vielleicht, oder ich weiß nicht... Oder es ist alles aus. Also für mich wäre ein Leben, das im Sterben endet, unerträglich und bin erstaunt, wie das Menschen so übergehen und für sich nicht beantworten.

Martin Heubach lebt seinen Glauben und fühlt sich getragen von Gott. Das spürt man deutlich. Regelmäßig bietet er deshalb auch für Motorradfahrer Spirit-Touren an: Gemeinsam auf schönen Strecken unterwegs und mit Impulsen für die Seele.

Und dann waren wir mit zehn Leuten in der sieben Kapellen Tour im Donau Ried unterwegs. Und dann hat einer anschließend geschrieben: „Ich habe wieder was Positives von der evangelischen Kirche mitbekommen: Große Brise, Hauch vom Himmel mit dem Moped erfahren.“ Ist doch klasse!

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SWR1 Begegnungen

12APR2026
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Lucas Zehnle Foto: Evangelisches Medienhaus Stuttgart

Pfarrerin Barbara Wurz trifft  Lucas Zehnle

Seit seiner Kindheit sitzt er im Rollstuhl – und das hat natürlich Auswirkungen auf seinen Alltag: auf ganz alltägliche Dinge, über die ich mir normalerweise gar keine Gedanken mache: Wo zum Beispiel die Bremse ist in seinem Auto:

Ich kann halt meine Beine zum Autofahren nicht benutzen.(...) Das behilft sich aber relativ leicht durch ein Auto mit Automatik. Es übernimmt die Schaltung komplett und ich fahr halt eben mit den Händen, also über Handgas und Handbremse und hab wie bei einem Traktor zum Lenken so einen Knopf auf dem Lenkrad. Und das war schon der ganze Zauber.

Lucas Zehnle ist ein sportlicher Typ Mitte dreißig. Und mit seiner frischen und offenen Art genau der richtige Hauptdarsteller für die neue Web-Serie „Wheel Life“ die kommende Woche an den Start geht. Geplant sind sechs Kurzfilme, produziert vom Evangelischen Online-Magazin Indeo – um auf unterhaltsame und niederschwellige Weise Einblick in die Perspektive von Lucas zu geben. Und die Produktion ist auch für Lucas die Gelegenheit gewesen, ganz neue Sachen auszuprobieren:

Also, wie ich Auto fahre, das weiß ich. Aber was es bedeutet, inklusive Mode zu gestalten, worauf man da guckt, was die wichtigen Faktoren und dann auch über die Bedarfe von einem Rollstuhlfahrer hinaus an an Kleidung gestellt werden (...) das war mir überhaupt nicht klar.

Dass es das überhaupt gibt - spezielle Mode für Menschen mit Beeinträchtigungen – auf solche Spuren bringt mich die Web-Serie „Wheel Life“. Oder auch auf die Frage, wie Rollstuhl-tauglich das Volksfest beim Cannstatter Wasen eigentlich ist. Im Kurzfilm auf Youtube klingt das dann so:

Herzlich willkommen zum offiziellen Barrierefrei-Wasen-Check. Wir gehen der Frage nach: Wie gut komme ich als Rollstuhlfahrer auf dem Wasen klar? Ich bin der Lucas – und jetzt geht’s los.

Bereits als Jugendlicher auf Ferienfreizeiten des CVJM und auch später, in seiner Zeit beim Jugendwerk hat Lucas ein Gespür dafür entwickelt, wie möglichst alle mitmachen können – ob mit Beeinträchtigung oder ohne. Auch später hat er sich mit Inklusion beschäftigt.

Am 14. April ist es soweit und geht die erste Folge von „Wheel Life“ online. Und wird im Internet zu finden sein auf Youtube, unter Indeon.de und auf den dazugehörigen Social-Media-Kanälen. Das erste Thema: Lucas` große Leidenschaft fürs Hand-Biking.

Die Folge, die wir jetzt gedreht haben übers Handbiken, hat tatsächlich dafür gesorgt, dass ich einigermaßen fit war im Radsport(...) Und plötzlich brauchten wir eine coole Szene in einem Rennen. Also habe ich an einem Rennen teilgenommen und es war sensationell.

In einer anderen Folge von „Wheel Life“ testet Lucas auf dem Cannstatter Wasen die Achterbahn. Und so hört sich sein Facit im Film dann an:  

Das war jetzt wirklich echt ne coole Begegnung, ein cooles Fahrgeschäft. Ich habe das noch nie so erlebt, dass man wirklich über ne Rampe zur Achterbahn fahren kann. Mir wurde auch Hilfe angeboten. Das hat echt Spaß gemacht, war cool.

Für Lucas Zehnle bietet „Wheel Life“ allen Interessierten die Chance, einmal seine Perspektive als Rollstuhl-Fahrer einzunehmen.

Also, es wäre natürlich spitze, wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer, wenn sie das gucken, genauso vieles noch mal lernen wie ich in den Folgen.

Um anderen einen Einblick zu geben hat Lucas Zehnle mitgemacht bei „Wheel Life“. Und hat dabei auch selbst profitiert:

Ich bin, glaub ich, derjenige, der am meisten gelernt hat und ich hab mich komplett drauf verlassen, dass ich eben gerne kommuniziere und gerne auch dann im Scheinwerferlicht stehe und dachte mir, ja, das muss reichen, wenn die mich wollen, ja, dann probieren wir das aus, es kann nichts passieren.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

11APR2026
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„All‘ Morgen ist ganz frisch und neu. Des Herren große Gnad du Treu, sie hat kein End‘ den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.“ Das sind Zeilen eines alten Kirchenliedes. Jetzt im Frühling, da fallen mir die alten Zeiten immer wieder mal ein: unterwegs mit meinem Hund quer über die Felder. Zum Glück manchmal auch, wenn es kein guter Morgen ist, und irgendwas anstrengendes und stressiges hat an meiner Seele nagt. Trotzdem fällt mir manchmal ein: „All Morgen ist ganz frisch und neu.“ Wenn ich, draußen, mit dem Hund, bergauf etwas aus der Puste komme und die frische Luft in den Lungen spüre. Oder weil der Himmel immer heller wird und der Tag allmählich zu leuchten anfängt. Ein neuer, frischer Morgen. Zeit – mir von Gott geschenkt, und die unberührt vor mir liegt wie mein Weg durch die Felder auf meinem Spaziergang.

Ich bin tatsächlich eher der schwermütige Typ. Auch vor ein paar Tagen hat mir das wieder zu schaffen gemacht - und da hat der Gedanke gutgetan: Des Herren große Gnad‘ und Treu, sie hat kein End‘ den langen Tag. Das hat mich ein Stück aufgerichtet. Den Kopf gehoben. Kopf hoch, und den Blick frei nach vorn richten. Und dann Schritt für Schritt.

Ich weiß nie genau, wie lange diese Ermutigung dann anhalten wird. Und wenn ich wieder eher schwermütig werde, dann erinnere ich mich kaum, wie sich das eigentlich angefühlt hat. Aber sehr wohl daran, dass sie da gewesen ist – und deshalb auch wiederkommen kann! Ganz besonders morgens, wenn es langsam hell wird und ein neuer Tag zu strahlen anfängt. Ein neuer, frischer Morgen. Zeit, die Gott mir schenkt und die noch ganz unberührt vor mir liegt. Und Gott ist treu, ist dabei, jedesmal, wenn ein neuer Tag anbricht. Und den ganzen langen Tag hat seine Gnade kein Ende. Seine Begleitung, seine Zugewandtheit zu mir und allem, was vielleicht gerade an der Seele nagt.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

10APR2026
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Ostern liegt jetzt fast eine Woche zurück. Aber einen Gedanken daraus nehme ich mit: Immer wenn ich mich gesehen fühle, mich und alles, was mich ausmacht, dann ist Ostern präsent: Wie in der Erzählung der Bibel, in der Maria von Magdala frühmorgens auf den Friedhof kommt.

Maria ist an diesem Morgen am Tiefpunkt. Jesus, der Mann, bei dem sie sich geborgen gefühlt hatte, der sie gesehen hatte - und was sie als Mensch ausmacht - der war gestorben. Ja, er war ermordet worden, völlig sinnlos. Geblieben ist ihr nichts - außer ihrer Trauer.

Aber sogar die wird ihr jetzt, an diesem Morgen auf dem Friedhof genommen. Denn sie findet das Felsengrab geöffnet und leer. Nicht einmal ein Grab, an dem sie sich ihrem Freund und Herren noch ein wenig verbunden fühlen kann, ist ihr geblieben. Ihr bleibt nicht einmal ein Ort für ihre Tränen.

Da begegnet ihr ein Mann - aber er kann ihr nicht helfen. Seine Worte erreichen sie nicht. Ein weiterer Mann spricht sie an - anscheinend der Gärtner des Friedhofs. In der biblischen Erzählung ist dieser Mann Jesus selbst. Aber - Maria erkennt ihn nicht. Sie will von dem vermeintlichen Gärtner nur wissen, wo sie den Leichnam ihres Freundes finden kann. Und obwohl genau der vor ihr steht, ist von Ostern nichts zu spüren. Ob Jesus nun begraben oder schon auferstanden ist - für Maria ist er gestorben.

Doch dann kommt der Moment, an dem es Ostern wird. Ganz ohne Spektakel, Blitz, Donner oder Special Effects. Es ist der Moment, an dem Jesus seine Jüngerin mit ihrem Namen anspricht: Maria.

Maria hört ihren Namen. Spürt, dass da einer ist, der sie meint, der sie kennt: sie, Maria, mit allem, was sie ausmacht. Mit einem Mal ist sie nicht mehr allein. Denn Jesus kennt sie und sie weiß: Bei Gott habe ich einen Platz.

Den eigenen Namen hören, eine Heimat haben, die nichts zerstören kann. Dann ist es Ostern, meine ich. Denn in dem Moment, an dem Gott selbst meinen Namen ausspricht weiß ich: Ich bin niemals allein.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

09APR2026
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„Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? lautete die Frage bei einer Straßenumfrage zu Ostern. Und ein Mann hat geantwortet, dass das für ihn schon eine faszinierende Vorstellung ist: wenn es nach dem Tod für ihn irgendwie weitergehen würde… Also offen sein für die Idee – wieso nicht?

Klar: Wieso nicht? Allerdings ist Ostern jetzt vorbei. Da haben sich solche bloßen Gedankenspiele doch erst mal erledigt – bis nächstes Jahr. Und die Aufmerksamkeit wandert allmählich wieder in Richtung Alltag und die Krisen und Probleme unserer Zeit.

Oder aber: Ostern ist vorbei – und wirkt nach - gerade dann, wenn mir die Meldungen aus den Kriegsgebieten wieder stärker auf die Pelle rücken. Überhaupt die Nachrichten über Gewalt und Unrecht. Wenn die Bibel erzählt, wie Jesus an Karfreitag unschuldig hingerichtet wird, dann ist das gleichzeitig auch die Geschichte von den Menschen heute, die im Leben unter die Räder kommen, zu früh sterben müssen, krank werden oder durch einen Unfall ihr Leben verlieren. Wenn die Bibel erzählt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist, dann geht es genau um sie, und dass es auch für sie nach dem Tod noch Gerechtigkeit geben kann und sie geborgen und in Sicherheit sind - wie auch immer das dann aussehen mag.

Gibt es ein ewiges Leben? Als Hoffnung, dass kein Mensch umsonst gelebt hat sondern geborgen ist und es auch bleibt – in Ewigkeit? Ich möchte das glauben – auch wenn mir andere sagen, dass das nach billigem Trost klingt. Und mir auch kein Stück weiterhilft bei der Frage, warum Gott das Schreckliche überhaupt zulässt.

Gott lässt es zu und ich habe das Gefühl, dass ich auch nicht viel dagegen tun kann – manchmal sogar Teil des Problems bin.

Und das macht mir schon auch Angst, dass ich nichts ausrichten kann. Und ich manchmal nur an der Seite von jemand bleiben kann, dem es schlecht geht - auch wenn ich nicht helfen oder heilen kann. Ich will’s aber versuchen – und dafür brauche ich die Hoffnung, dass Gott am Ende für Gerechtigkeit sorgen wird, und sogar den Tod überwindet.

Wie es sein wird, nach meinem Tod: ob und wie es weitergehen wird -  das werde ich wohl sehen, wenn es soweit ist. Und vertraue bis dahin auf das Versprechen von Jesus, das er mir gibt, wenn er sagt: „Hier, in dieser Welt, da hast du Angst. Aber sei getrost – ich habe diese Welt überwunden.“  

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

08APR2026
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Im Moment versuche ich, meinen Haushalt etwas auszumisten. Im Sommer werde ich nämlich umziehen, und das geht natürlich einfacher mit „leichtem Gepäck“. Allerdings - das Geschirr, zum Beispiel, das ich von meiner Patentante geerbt habe: das wollte ich eigentlich schon bei meinem letzten Umzug weggeben, und bin nicht sicher, ob ich‘s dieses Mal über mich bringe. Es ist nämlich wirklich schön und auch hochwertig. Aber weil ich ja auch noch mein eigenes habe – UND dann noch ein knallbunt fröhliches, das ich von irgendeiner Reise mitgebracht habe… habe ich das von meiner Tante eigentlich nie benutzt.

Es macht eben auch mal Spaß, sich was Neues und Modernes zu kaufen. Aber was wird dann mit den alten Sachen? Das Problem gibt es noch gar nicht so lange. Denn früher haben die meisten Leute ihre Sachen so lange wie möglich benutzt. Oder sie mussten sich nach dem Krieg etwas Neues aufbauen. Das sollte dann aber auch bleiben und Bestand haben.

Wie bei meiner Tante mit ihrem Geschirr. Das hat sie sich ja nicht einfach mal eben gekauft. Sie hat es sich regelrecht erobert. Hat sich immer wieder ein paar Teller oder Gläser dazugekauft wenn sie das Geld hatte - wahrscheinlich über Jahre hinweg.  Und sie wollte etwas wirklich Schönes, Beständiges nach den Kriegsjahren. Was ich – die Nichte – vielleicht einmal übernehmen würde. 

Eigentlich hätte ich mich mit ihr darüber mal unterhalten sollen, denke ich jetzt: was ihr ihre kleinen Schätze wirklich bedeutet haben, die sie sich da zusammengesammelt hat. Und was sie wohl gesagt hätte zu dem Spruch aus der Bibel: dass wir im Leben keine irdischen Schätze sammeln sollen, weil die irgendwann ja doch von Rost und Motten gefressen werden. Jesus macht hier die klare Ansage: Was wir hier so ansammeln, das hat keinen Bestand. Deshalb: sich lieber auf den Himmel konzentrieren und Schätze sammeln, die wirklich zählen: Verbundenheit untereinander, gerechte Verteilung, damit alle genug haben. Liebe und Nächstenliebe.

Tja, und wie ich in Gedanken mit meiner verstorbenen Patentante darüber diskutiere, da brauche ich plötzlich keinen Ratgeber mehr fürs Ausmisten. Und mir ist klar, dass ich ihr Geschirr behalten werde: nicht, weil es irgendwie wertvoll ist und ich drauf aufpassen sollte. Sondern weil ich es benutzen sollte und dabei an sie denken sollte.

Ausmisten und weggeben werde ich das bunte Geschirr, das von der Reise. Da blättert auch schon die Lasur ein wenig. Das von meiner Tante, das bleibt.

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Anstöße SWR1 BW / Morgengedanken SWR4 BW

07APR2026
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Das Osterfest ist jetzt zwar vorbei – aber: Wenn man eine Kirche betritt, dann ist Ostern trotzdem noch da – eigentlich immer! Und das liegt tatsächlich einfach – am Gebäude selbst. Die allermeisten Kirchen sind  nämlich nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet. Und fast immer zeigt der Chorraum, also der Bereich, in dem innen der Altar steht, nach Osten – und das ist kein Zufall: Imim Osten geht die Sonne auf. Von da kommt das Licht und beginnt jeder neue Tag.

Ich bin ja eher keine Frühaufsteherin. Aber wenn es sich ergibt, und ich den Tag in einer Kirche mit großen und bunten Fenstern beginne, dann sehe ich, wie sie regelrecht anfangen, zu predigen: wenn ein neuer Morgen die Fenster zum Leuchten bringt, und die ihre Farben über die Mauern und Wände tanzen lassen, dann erzählen sie von Ostern. Von dem Morgen, an dem Jesus auferstanden ist, dem Tod seine Macht einfach weggenommen hat. Und das Leben ganz neu beginnt.

Die bunten Fenster erzählen von Hoffnung. Genau wie eine Pfarrerin im Gottesdienst, oder wie der Organist mit seiner Musik an der Orgel. Und das Licht vertreibt ja nicht einfach nur die Nacht. Es vertreibt auch die trüben Gedanken, die mich abends und nachts manchmal plagen – bis hinein in meine Träume. Viele Menschen kennen dieses Gefühl. Wie schön ist es dann, wenn es endlich hell wird, und wenn der neue Tag einen herausreißt aus der Gedankenmühle. Den Kopf heben nach der langen Nacht, durchatmen und in einen neuen, frischen Tag starten – in eine neue Zeit.

Wenn ein neuer Tag anbricht, dann ist das manchmal wie eine Erlösung – natürlich auch, wenn man morgens zu Hause ganz normal aufsteht und nicht gerade in einer Kirche ist. Aber jede Kirche erzählt davon. Wie es ist, wenn das Licht aus dem Osten Erlösung bringt von den Schrecken einer langen, dunklen Nacht.

In einer Kirche ist Ostern deshalb eigentlich nie vorbei. Denn sogar mit ihren Steinen ihrem Fensterglas will sie Mut machen. Und Hoffnung verbreiten: Hoffnung, dass jede Nacht einmal endet – und sei sie noch so finster – und ein neuer Tag anbricht und eine neue Zeit.

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

06APR2026
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Früher, wenn ich als Gemeindepfarrerin einen Gottesdienst halten sollte, dann bin ich kurz vorher immer noch ganz in Gedanken gewesen. Ob ich auch an alles gedacht hatte - ob ein paar meiner Konfirmanden kommen würden … So bin ich zur Kirche gelaufen, bin rein gegangen, habe unsere Mesnerin begrüßt, die dabei war, die Kirche herzurichten: „Guten Morgen Frau Seehafer“. Und gewöhnlich bekam ich ein gut gelauntes „Guten Morgen Frau Pfarrer“ von ihr zurück.

An Ostern allerdings, hat sie mich kalt erwischt. Wie immer bin ich da in Gedanken versunken reingekommen – „Guten Morgen, Frau Sehafer...“ Aber sie, zurück, hat gesagt: „Christus ist auferstanden!“ – Und ich - bin erst mal verdattert dagestanden: „Mensch, stimmt – heute ist ja Ostern!“

Natürlich ist mit klar gewesen, was für ein Tag es war. Ich hatte ja auch über den Ostergottesdienst nachgegrübelt, der gleich beginnen sollte. Aber ich habe eben nur den Ablauf im Kopf gehabt – und nicht, dass heute wirklich Ostern ist.

„Christus ist auferstanden!“ – damit hat mich die Mesnerin aus meinen Gedanken rausgeholt – mitten hinein in dieses großartige Fest „Ostern“. Bei dem es ja nicht darum geht, ob alles glatt läuft, sondern ob der Funke überspringt. Ob ich im Gottesdienst bloß von Hoffnung rede – oder ob ich sie den Menschen wirklich zuspreche: Dass das Leben siegt, dass Jesus lebendig ist und der Tod nicht das letzte Wort behält. Genauso ist es umgekehrt: wenn ich etwas Osterfreude spüren will, dann klappt das am besten, wenn sie mir jemand zuspricht. Wie zum Beispiel meine Mesnerin, ganz nach alter Tradition: „Christus ist auferstanden.“ Und ich konnte jetzt auch richtig antworten: „Er ist wahrhaftig auferstanden.“

„Halleluja!“ meinte Frau Seehafer noch - und ist dann losgegangen um die Kerzen auf dem Altar anzuzünden. Ich habe mich auch wieder vorbereitet, habe mich aber auch noch eine Weile geärgert und bin mir ein bisschen blöd vorgekommen wegen meines ollen „Guten Morgen“. Guten Morgen - alles wie immer - wie im Alltag - immer ganz geschäftig… Dabei ist es doch Ostern gewesen. Das habe ich dann auch nicht mehr vergessen, ich habe den Ärger abgeschüttelt und ich und die Gemeine, wir haben Gottesdienst gefeiert; wirklich Gottesdienst, ein Fest: fröhlich und voller Hoffnung. Denn: „Christus ist auferstanden – Er ist wahrhaftig auferstanden.“

Ihnen allen: Fröhliche Ostern! Halleluja

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SWR1 Anstöße sonn- und feiertags

05APR2026
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Als ich noch Gemeindepfarrerin gewesen bin, da habe ich den Osternachtgottesdienst gern mit meinen Konfirmanden vorbereitet. Und in einem Jahr sollte der auf dem Friedhof im Freien stattfinden. Und sollte anfangen, wenn es noch dunkel ist, und um hineinzufeiern ins Licht des neuen Tages. Anfangen sollte er also um sechs. Und die Reaktion meiner Konfi-Gruppe darauf war totale Verblüffung: „Um sechs Uhr? – Sechs Uhr… morgens?“ Ein bisschen musste ich grinsen. „Aber Frau Pfarrer“ haben sie zu mir gesagt: „Da kommt doch keiner…“

„Doch doch“ konnte ich ihnen versichert. Denn die Osternacht ist immer gut besucht gewesen. Meine Konfis konnten das trotzdem nicht nachvollziehen. Und am Ostermorgen, um 05:45 Uhr, ich– ehrlich gesagt – auch nicht mehr. Es war dunkel, ich war müde und habe gefroren. Nach Ostern hat sich’s nicht angefühlt. Und ich hatte plötzlich selbst Zweifel, ob jemand kommen würde. Was gab es hier schon zu finden?

Aber dann sind ganz schnell die ersten Besucher aufgetaucht: wie Schatten zwischen den Grabsteinen – dazwischen auch mal das tanzende Licht einer Taschenlampe. Ganz schnell sind es immer mehr geworden. Und als alle ihren Platz gefunden haben - da geht es los: Eine Konfirmandin ruft uns allen zu – mit klarer, heller Stimme: „Christus – das Licht!“ Die übrigen Konfis antworten – eher leise und noch ein bisschen unsicher: „Dank sei Gott.“

Jetzt entzünden zwei von ihnen die fast einen Meter hohe Osterkerze. „Christus, das Licht!“ höre ich die Konfirmandin wieder sagen – und die Antwort der anderen: „Dank sei Gott.“ Es klingt schon kräftiger, und manche Gottesdienstbesucher sprechen jetzt auch mit.

Und als der Ruf: „Christus das Licht“ ein drittes Mal kommt, da bekomme ich endlich auch den Mund auf, und wir antworten alle gemeinsam: „Dank sei Gott.“

Dank sei Gott! Es ist eine tolle Osternacht gewesen, damals. Vielleicht gerade, weil ich erst so unsicher und verfroren dagestanden habe – und dann doch nicht allein geblieben bin mit meinen Konfis. Weil sich eine Stimmung breit gemacht hat – voller Hoffnung - während der Himmel langsam hell geworden ist... Die Vögel haben angefangen, zu singen – und wir haben mitgesungen: „Gelobt sei Gott“ und „Christ ist erstanden.“

Nach der Feier gab es übrigens noch Frühstück, drüben im Gemeindehaus. Und meine Konfirmanden sind alle mit. Denn sie sind zwar müde gewesen, gleichzeitig aber auch aufgekratzt und ziemlich lebendig. Lebendig und hungrig.

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