Manuskripte

SWR2 Wort zum Tag

16SEP2020
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Abbe Pierre, so hieß der Mann, der 30 Jahre lang der berühmteste Franzose war.   Politisch aktiv und in der Nazizeit besonders für jüdische Mitmenschen engagiert, wurde der Kapuzinermönch als Lumpensammlerpater zum Star einer ganzen Nation, mit großer Ausstrahlung auch nach Deutschland. Warum an ihn erinnern? Natürlich beeindruckt sein Engagement für die Obdachlosen und Armen. Kurz vor seinem Tod 2007 fragten ihn junge Leute über all ihre Lebensthemen aus, die sie beschäftigten. Unvermeidlich kamen sie auch auf die Frage aller Fragen:  was ist der Sinn des Lebens? Wofür sich einsetzen und verschwenden? Die Antwort des über 90-Jährigen ist so hinreißend klar, dass ich Sie Ihnen weitergeben möchte. Der Sinn des Lebens, so antwortete er schlicht, ist: lieben lernen. So einfach ist das, und so schwierig.  

Sofort wird klar. Dieser Abbe Pierre, durch und durch dem Leben zugewandt, meinte nicht nur die Liebe zwischen den Geschlechtern. Viel zu sehr hatte er die soziale Kälte in der Gesellschaft im Blick. Viel zu sehr war er geprägt von der biblischen Botschaft der Nächsten- und Feindesliebe.  Aber gerade deswegen fühlten sich die jungen Leute so verstanden. Was braucht man in der Jugend mehr als Abenteuermut für große Ziele – und eben die Lust, das Lieben zu lernen, in der Intimität der Geschlechter genauso wie im Aufbruch zu humanen Projekten. In jedem Fall gilt es, Größeres als man selbst zu entdecken und sich dafür hinzugeben, und das schon in der kleinen Münze alltäglichen Lebens und gelingender Beziehung.

Lieben lernen heißt ja wesentlich auch: Lernen, sich lieben zulassen. Leider wird das biblische Gebot der Gottes- und Nächstenliebe oft missverstanden, als hätten wir möglichst viel zu tun. Aber die Pointe ist doch: „Lass dich lieben – und je mehr du dich lieben lässt, desto mehr wirst du Gott und den Nächsten und dich selbst lieben können.“ Sonst ist die Gefahr viel zu groß, mehr zu wollen, als man kann. Das Lieben-Lernen, das Abbe Pierre in denMittelpunkt rückt, lebt ganz aus der Überzeugung, längst schon geliebt zu sein. Sich lieben zu lassen ist bekanntlich oft schwerer als zu lieben.  Das braucht den Mut, sich anzuvertrauen und wirklich zu öffnen. Da muss ich mich nicht länger verstellen und anders sein als ich bin. Da ist jemand, der mich, wortwörtlich, sein lässt. Dieses tiefe Vertrauen wohl machte die Ausstrahlung eines Abbe Pierre aus. Das gibt seiner Auskunft so viel Gewicht, das ermutigt zum Abenteuer des Glaubens: Sich lieben zu lassen und zu lieben.  

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